»Keilani verkennt die rassis­tischen Struk­turen, in denen Auch sie sich bewegt«

Im Tagesspiegel warf die Journalistin Fatina Keilani Aktivist:innen vor, den Kampf gegen Rassismus zum Geschäftsmodell gemacht zu haben. Auf den darauffolgenden Sturm der Empörung antwortete Keilani mit einem zweiten Text. Doch ein Bewusstsein für die historisch gewachsenen Strukturen der Ungleichheit zeigt die Autorin auch darin nicht.

Ein Kommentar von Kofi Shakur

Inzwischen sind mehr als elf Monate seit dem brutalen rassistischen Anschlag in Hanau vergangen. Wie jetzt bekannt wurde, könnte ein auf Anordnung der Polizei versperrter Fluchtweg dem Mörder in die Hände gespielt haben. Anscheinend lernen jedoch weder Politik noch einige Medien aus den Konsequenzen des rechten Diskurses, den sie selbst seit Jahren fleißig bedienen.

Es gäbe so viel, was man als Berliner Journalistin in den Blick nehmen könnte, wenn man über Rassismus schreiben will: Etwa wie verschiedene Medien – exemplarisch der Spiegel – über Jahre an der Konstruktion von Berlin-Neukölln als »Problembezirk« mitgewirkt haben. Oder wie Shisha-Bars von Polizei und Politik zu vermeintlichen Hotspots sogenannter »Clan-Kriminalität« aufgebauscht wurden. Eine Recherche des freien Journalisten Mohamed Amjahid zeigt, welche fragwürdigen Erhebungsmethoden dabei zum Einsatz kommen.

Über all das könnte man schreiben. Die Juristin und Journalistin Fatina Keilani wendet sich in ihrem kürzlich im Tagesspiegel erschienenen Beitrag stattdessen ausgerechnet gegen die, die ihrer Meinung nach aus dem Kampf gegen Rassismus »ein privates Geschäftsmodell« gemacht haben. Das Geschäft, von dem Keilani spricht, ist »das Anprangern ihrer Benachteiligung, das gezielte Suchen nach Belegen für allgegenwärtigen Rassismus, und wenn es nur so ist, dass jemand etwas zu ihren Haaren gesagt hat«.

Was Keilani nicht fragt, ist, weshalb Menschen überhaupt die aufwändige Arbeit des Beweisens übernehmen müssen – oder warum diesen Menschen nicht geglaubt wird, wenn sie keine ausführlichen Beweise liefern. Sie scheint zu wissen, dass Kommentare über die Haare einer Schwarzen Person eine alltägliche Erfahrung sind – nur will sie darin keinen Rassismus erkennen.

Denn wenn sie einen konkreten, historisch fundierten Begriff von Rassismus hätte, müsste sie keinen Strohmann aufstellen und behaupten, antirassistische Aktivist*innen würden fordern, dass weiße Menschen »ihre Privilegiertheit als Makel anerkennen und dafür Buße tun«. Nicht Schuldgefühle und Passivität werden von Weißen gefordert - sondern ein aktiver Einsatz, um die rassistischen Strukturen zu dekonstruieren, von denen sie selbst (wenn auch indirekt) profitieren.

Der Autor forscht an der Humboldt-Universität in Berlin zu antikolonialen Befreiungsbewegungen und der deutschen Kolonialgeschichte. (Foto: Lilian Scarlet)

 

Weiße Menschen machen nicht die­selben Erfah­rungen mit Polizei­gewalt

Auch Keilanis Beispiel von der weißen Frau mit »I can’t breathe«-Maske ist verfehlt: Denn es ging bei der Kritik an deren Maske gerade darum, dass sie aufgrund weißer Privilegien keine für Schwarze Menschen alltäglichen Erfahrungen mit der Polizei machen muss. Weiße Menschen werden natürlich auch Opfer von Polizeigewalt, doch oft kommen sie unversehrt aus Situationen, die ein Schwarzer Mensch wahrscheinlich nicht überleben würde.

Diese rassistische Struktur der Polizei ist das Ergebnis eines historischen Prozesses. An dessen Beginn stand die Versklavung afrikanischer Menschen und die Kolonisierung der Amerikas. Am Höhepunkt kolonialer Unterwerfung war schließlich der Großteil der Welt unter den europäischen Großmächten aufgeteilt. Daher ist es besonders für weiße Menschen notwendig, Verhältnisse neokolonialer Abhängigkeit und deren Auswirkungen in den Mittelpunkt antirassistischer Praxis zu stellen – nicht nur, wie Keilani schreibt, »reinen Herzens und guten Willens« zu sein.

Auch Keilani profitiert von der anti­rassistischen Arbeit der Aktivist­:innen, die sie kriti­siert

Sich systematisch mit diesen Gedanken zu beschäftigen, scheint jedoch nie die Absicht der Journalistin gewesen zu sein. Stattdessen polemisiert sie in ihrer Kolumne gegen die Autorin Jasmina Kuhnke, die später mit einem eigenen Beitrag antwortete. In ihrer Erwiderung nennt Kuhnke Keilani einen »Token« – ein Begriff für migrantische Menschen, die dem Druck der weißen Mehrheitsgesellschaft nachgeben und sich anpassen. Zur Erklärung: Keilanis Vater ist einst aus Jordanien nach Deutschland eingewandert. In diesem Anpassungsprozess könne es passieren, so Kuhnke, »dass man auf dem rechten Auge erblindet und sogar fleißig an der eigenen Unterdrückung mitarbeitet«. Dabei seien es eben die »von der Autorin angegriffenen Internet-Aktivist:innen«, so Kuhnke, die auch Menschen wie Keilani verteidigen würden, sollte sie selbst einmal zur Zielscheibe von Rassist:innen werden.

Keilani inszeniert sich derweil in einem zweiten Artikel als Opfer eines Shitstorms und einer Kampagne gegen ihre Person. Sie schreibt: »Ich äußerte die Vermutung, dass die Art, wie antirassistisches Engagement derzeit läuft, nur wenigen nützt. Vor allem denen, die damit ihr Auskommen sichern.« In gewisser Hinsicht hat sie recht: Die Professionalisierung des Antirassismus führt tatsächlich dazu, dass radikale Positionen von verträglicheren, liberalen verdrängt werden.

Keilani geht es jedoch nicht darum, radikale Kritik zu leisten. Das wird in ihrem Text deutlich. Wenn Migrant:innen in der Gesellschaft ankommen, sei »das eine gute Sache«, schreibt sie. Welche Rolle sie dabei in dieser Gesellschaft spielen, welcher sozialen Klasse sie angehören, wer sich an ihrer Arbeit bereichert – das sind Fragen, die Keilani nicht stellt.

Keilani fehlt das Bewusst­sein für die struktu­relle Ebene von Rassismus

Schließlich schreibt Keilani, »Journalisten sollen in alle Richtungen Distanz halten, das ist meine Überzeugung. Sie dürfen keine Aktivisten sein«. Der Schwarze Historiker Manning Marable schrieb dazu einmal passend: »Die weißen Medien lehnen es allgemein ab, anzuerkennen, dass praktisch jeder Journalismus eine Form von “Propaganda” im Interesse bestimmter politischer, ökonomischer und sozialer Klasseninteressen ist – und dass die Interessen von Schwarzen auf dieser Agenda niemals auftauchen.«

Laut Marable ist es die Aufgabe von Schwarzem Journalismus »in einer Zeit der farbenblinden rassistischen Diskriminierung«, zu verstehen, »dass Rassismus noch immer existiert und wir uns niemals dafür entschuldigen sollten, in unserer Arbeit eine kompromisslose Haltung gegen rassistische Ungleichheit einzunehmen«.

Es ist unsere Aufgabe (von Schwarzen und natürlich auch anderen Journalist:innen), so Marable, uns damit auseinanderzusetzen, dass und weshalb Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger existieren. Die Ketten, die Migrant:innen – in unterschiedlichem Ausmaß – spüren, heißen: Racial Profiling, Polizeigewalt, kein sicherer Aufenthaltsstatus, keine Arbeitserlaubnis, schlechtere Arbeitsbedingungen, schlechtere Bildungschancen oder schlechtere Chancen trotz Bildung, rechter Terror, rechte Politik, institutioneller oder schlicht alltäglicher Rassismus.

Und eben das ist es, was Fatina Keilani komplett außen vor lässt. Sie scheint weder in der Lage, die ideologische Prägung ihres eigenen Denkens zu erkennen, noch die der Strukturen, in denen sie sich bewegt. Nur so lässt sich erklären, wie sie den wiederholten Hinweis auf strukturellen Rassismus abwehren und stattdessen argumentieren kann, marginalisierte Menschen seien für ihre Ausgrenzung selbst mitverantwortlich.

Kofi Shakur studiert im Master Afrikawissenschaften an der Humboldt-Universität in Berlin. Er forscht zu antikolonialen Befreiungsbewegungen und der deutschen Kolonialgeschichte. Daneben ist er freier Journalist und aktiv in der politischen Bildungsarbeit.