Was bedeutet halal?

»Grau­sam­es« Schäch­ten? Was kaum ei­ner weiß: Dies­es Vor­ur­teil geht auf die Na­zis zu­rück!

Hasan-Hüseyin Kadioglu, 25, war mal Volontär beim Mannheimer Morgen. Er betreibt den Tugendblog und hat kürzlich seinen Master-Abschluss am King's College London in "Conflict Resolution in Divided Societies" gemacht.

Von Hasan-Hüseyin Kadioglu

Halal ist Arabisch, steht für »erlaubt« und kennzeichnet, ob eine Aktion oder eine Sache islamisch gestattet ist oder nicht. Verwendung findet dieses Wort insbesondere, wenn es darum geht, Speisen zu beurteilen. Diese müssen bestimmten Kriterien genügen, um als genießbar zu gelten. Viele Regeln sind dabei den jüdischen Speisegesetzen (Kaschrut) sehr ähnlich. Wenn etwas halal oder koscher ist, dann wissen wir: Es ist rein, sauber, gut. Halal bedeutet Vertrauen, Transparenz über die Herkunft von Fleisch und die Inhaltsstoffe einer Speise. Dort, wo ich kein Halal-Fleisch bekomme, kaufe ich ohne zu zögern beim jüdischen Metzger. Denn da weiß ich um die Qualität.

Nur das Fleisch bestimmter Tiere, wie etwa vom Rind oder Schaf, darf konsumiert werden, nachdem es auf eine bestimmte Art gehalten und geschlachtet wurde: Mit einem einzigen, sauberen, scharfen Schnitt wird das Tier schmerzarm getötet. Das Schächten ist unabdingbarer Teil der jüdischen und islamischen Speisegesetze, dennoch gilt es vielen in Deutschland als »grausam«. Viele wissen aber auch nicht, dass diese Zuschreibung ihren Ursprung in der antisemitischen Ideologie des Nationalsozialismus hat. Nur vier Monate nach der Machtergreifung verbot die NSDAP die jahrtausendealte Technik des Schächtens. Der Grund? In der Präambel des Reichstierschutzgesetzes hieß es: »Die überwältigende Mehrheit des Deutschen Volkes hat schon lange das Töten ohne Betäubung verurteilt, eine Praxis, die unter Juden allgemein verbreitet ist.«

Von wegen Tierschutz! Es ging um die Dämonisierung von Juden und den Erlass eines antisemitischen Gesetzes – obwohl interessanterweise sogar das Reichsgesundheitsamt 1930 in einem Gutachten zu dem Schluss kam, dass das Schächten keine Tierquälerei sei. Das NS-Gesetz blieb auch in der Bundesrepublik bis 1986 formell in Kraft. Das Schächtverbot wurde jedoch seit einem BGH-Urteil von 1960 als spezifisches NS-Unrecht nicht mehr angewandt.

Zahlreiche Wissenschaftler haben auch Jahrzehnte später das Schächten ohne Betäubung für Tiere geprüft, und sind zum Schluss gekommen, dass es sogar weniger schmerzhaft sein kann als das konventionelle Schlachten, wenn es regelkonform ausgeführt wird (wie z.B. hier, hier, hier, hier und hier). Anderslautende fachliche Gutachten, die beweisen sollen, dass Tiere beim Schächten ohne Betäubung mehr Schmerzen empfänden, beruhen oft auf Studien mit methodischen Schwächen, wie die rennommierte Tierwissenschaftlerin Temple Grandin von der Colorado State University wiederholt aufzeigte. Im Falle einer solchen Studie etwa gingen die bei den Tieren dokumentierten Schmerzen auf zu kurze Messer bei der Schlachtung zurück - also auf eine religiös nicht regelkonforme Schlachtung. Damit solche fehlerhaften Schächtungen verhindert werden können, braucht es internationale Standards - nicht generelle Verbote. Alle, die an einem Diskurs abseits von Polemik, Populismus und Vorurteilen interessiert sind, sollten sich mit diesen Argumenten zumindest auseinandersetzen.  

Nichtsdestotrotz scheinen die von den Nationalsozialisten geschürten Ressentiments unbewusst in vielen Teilen der Gesellschaft überlebt zu haben. Besonders paradox: Während das Schächten ohne Betäubung in der deutschen Rechtsprechung grundsätzlich mit Verweis auf das Tierwohl verboten ist, gelten lange, überflüssige Tiertransporte und beengte Massentierhaltung als artgerecht und mit dem Tierwohl vereinbar. Das können wir besser!

 

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