EURE VER­BOTS­DE­BAT­TEN HEL­FEN DEN FAL­SCHEN

EIN KOMMENTAR VON EREN GÜVERCIN

In ihrem Wahlprogramm für die österreichischen Nationalratswahlen fordert die ÖVP von Bundeskanzler Sebastian Kurz ein Kopftuchverbot für Kinder bis 14 Jahren und alle Lehrerinnen an öffentlichen Schulen. Auch bei uns in Deutschland werden in regelmäßigen Abständen reflexhaft Verbote gefordert. Auch in diesem Jahr dominierten vor dem Fastenmonat Ramadan Begriffe wie »Kinderfasten« und »Kinderkopftuch« den Diskurs. Der muslimischen Mehrheit ist beides fremd. Es findet sich in den relevanten Quellen auch keine Grundlage dafür, dass Kinder fasten sollten oder junge Mädchen ein Kopftuch zu tragen hätten.

Medien und Politik scheint das nicht abzuhalten: Zeitgleich forderten mehrere führende Politiker ein Kopftuchverbot an Grundschulen, ja sogar Kindergärten. Die Vorstellung, dass schon Kindergarten-Kinder von ihren Eltern zum Kopftuch gezwungen werden, scheint für viele Nichtmuslime so erschütternd zu sein, dass kaum einer mehr danach fragt, wie häufig dieses Phänomen wirklich vorkommt.

Solche Debatten, die weder auf Fakten noch auf Fallzahlen beruhen, suggerieren der Gesellschaft, dass es sich um Massenphänomene handelt. Warum sonst sollte die Politik auf ein so drastisches Mittel wie ein Verbot zurückgreifen? In meinem sehr weit reichendem muslimischen Bekanntenkreis kenne ich jedoch keinen einzigen Fall, in dem die Eltern ihren Kindern im Grundschulalter auferlegen, von der Morgendämmerung bis zur Abenddämmerung zu fasten. Ganz im Gegenteil: Sie verbieten es ihnen sogar, wenn sie es den Erwachsenen nachmachen und unbedingt auch fasten wollen. Das gleiche gilt für das Kopftuch im Grundschulalter.

»VERBOTSDEBATTEN HELFEN RADIKALEN«

Die immer wiederkehrenden Debatten machen etwas mit den Muslimen in Deutschland. Je mehr Medien und Politik über diese vermeintlichen Phänomene diskutieren und auf dieser wackligen Grundlage Forderungen stellen, desto mehr steigt die Frustration bei Muslimen. Die muslimische Community wirkt bei diesen Debatten geradezu hilflos. Aber sie kann sich den Luxus nicht erlauben, passiv und überfordert zu wirken. In Zeiten solcher Debatten braucht es mehr Aufklärung – der Gesellschaft als ganzer, aber auch der muslimischen Community.

Denn viele Muslime fühlen sich in diesen wenig konstruktiven Debatten allein gelassen. Diese Lücke versuchen fragwürdige sektiererische Bewegungen wie die Hizb ut-Tahrir auszunutzen. Anlässlich der Forderungen nach einem Kopftuchverbot in Grundschulen initiierte diese radikale Gruppierung, die sich nach einem globalen Kalifat sehnt, demokratische Wahlen als unislamisch ablehnt und Muslime, die ihre Überzeugungen nicht teilen, als Ungläubige beschimpft, die Hashtagkampagne #NichtOhneMeinKopftuch. Sämtliche soziale Medien wurden damit geflutet, man versuchte sich als Verteidiger der Muslime zu inszenieren. Der Hizb ut-Tahrir ist es gelungen, Anlässe wie die Kinderkopftuchdebatte strategisch dafür zu nutzen, ihre Reichweite unter jungen Muslimen zu steigern.

Islamkritische Akteure und populistische Politiker wiederum beziehen sich auf diese Aktionen, um sie als Rechtfertigung für ihre eigenen überzogenen Forderungen heranzuziehen. Bewusst oder unbewusst spielen diese beiden Parteien sich gegenseitig die Bälle zu. Früher oder später führt diese Dynamik dazu, dass die Deutungshoheit über Fragen der religiösen Praxis nicht mehr bei der Mehrheit der Muslime liegt, sondern bei extremistischen Sektierern auf der einen und islamkritischen Akteuren auf der anderen Seite.

»DAS KOPFTUCH IST EIN FETISCH GEWORDEN«

Gerade am Beispiel des Kopftuchs wird das sehr deutlich. Auf der einen Seite haben es islamkritische Frauenrechtsaktivistinnen geschafft, dass viele Menschen das Kopftuch pauschal als politisches Symbol oder Anzeichen von Unterdrückung ablehnen. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch einige Muslime, die das Kinderkopftuch zur Überlebensfrage machen. Für beide Seiten ist das Kopftuch zu einem Fetisch geworden.

Solange die Extreme die Debatte dominieren und diese Positionen medial überproportional abgebildet werden, wird man aus dieser Sackgasse nicht herauskommen. Daher ist es nötiger denn je zu definieren, auf welcher Grundlage wir diese Fragen diskutieren. Dabei kommt der Politik, den berichtenden Journalisten und den Muslimen eine besondere Verantwortung zu. Muslime dürfen nicht den Fehler machen, aus nachvollziehbarem Trotz heraus das Kinderkopftuch zur existentiellen Frage muslimischer Glaubenspraxis zu machen. Theologisch ist eine solche Haltung nicht zu begründen. Vielmehr sollte die muslimische Community, mitsamt ihren Organisationen und Initiativen, klarer kommunizieren, um den Rattenfängern der Hizb ut-Tahrir und anderer sektiererischer Strömungen nicht die Bühne zu überlassen. Dazu gehört zum Beispiel, dass man ahnungslose Moscheebesucher darüber aufklärt, was für einen Hintergrund und was für eine Agenda diese Gruppierung verfolgt.

Letztes Jahr hat die Hizb ut-Tahrir in Moscheen über 170.000 Unterschriften im Rahmen der Debatte über ein Kopftuchverbot gesammelt. Und auch in der aktuellen Debatte hat die Hizb ut-Tahrir Flyer in verschiedenen Sprachen vor Moscheen verteilt. Viele Moscheebesucher sind dabei nicht in der Lage, den ideologischen Hintergrund dieser Aktion zu erkennen. Hier muss die muslimische Community offensiver und sichtbarer werden. Der einfache Muslim ist mit einer Einordnung dieser Akteure überfordert. Insbesondere junge Muslime brauchen Vorbilder, die ihnen einen authentischen Zugang zur islamischen Lehre verschaffen. Und die ihnen klar vermitteln: Man kann seinen Glauben in Deutschland frei praktizieren. Denn fragwürdige Gruppen versuchen gerade jungen Menschen einzutrichtern, dass man als gläubiger Muslim in diesem Land automatisch diskriminiert und verfolgt werde. Diesem Narrativ müssen Muslime wie Nichtmuslime offensiv und in aller Klarheit widersprechen.

Journalisten sollten die Aussagen, dass das Kopftuch in Kindergärten und Grundschulen zunehme, nicht unhinterfragt reproduzieren, sondern sich die Mühe machen, nachzufragen: Gibt es diese Phänomene und über welche Größenordnung reden wir? Wenn Politiker und Aktivisten Verbote fordern, sollten Journalisten sensibel sein und recherchieren, ob es für solch einen drastischen Schritt überhaupt eine Grundlage gibt.

Aber auch die Politik trägt große Verantwortung. Mit schlecht durchdachten und verfassungsrechtlich fragwürdigen Verbotsforderungen spielen Politikern den Radikalen in die Hände. Sie liefern ihnen den Vorwand, den diese so dringend benötigen. Mancher Politiker mag es verlockend finden, mit demonstrativ starker Hand an die AfD verlorene Stimmen zurückzugewinnen. Doch dieser Weg führt in die Irre. Denn der vermeintlich besorgte Bürger wählt am Ende lieber das Original. Gleichzeitig verspielt eine solche Politik das Vertrauen der Muslime und liefert bedenklichen muslimischen Strömungen Gelegenheit für Gratis-PR-Kampagnen.

 

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