Was bedeutet halal?

»Es ist sehr viel ein­facher, auf Schwei­ne­fleisch und Al­ko­hol zu ver­zich­ten als auf Plas­tik­tü­ten beim Ge­mü­se­stand.«

Hannan Salamat, 34, ist Islam- und Religionswissenschaftlerin und arbeitet als Fachleitung Islam am Zürcher Institut für Interreligiösen Dialog.

Von Hannan Salamat

Wer ḥalāl (erlaubt) sagt, muss auch ḥarām (verboten) sagen können. So seh ich das als Islamwissenschaftlerin. Doch da fangen die Probleme eigentlich erst an. Dann: Was heißt ḥalāl eigentlich? Beruft man sich dabei nur auf religiöse Normen? Heisst ḥalāl, dass ich keinen Alkohol trinke, kein Schwein esse und dass Fleisch geschächtet sein muss? Oder, anderes Beispiel, was ist ḥalāl-Kleidung? Geht es dabei nur darum, wie viele Körperteile wie stark verhüllt sind? Ich glaube nicht.

Unser Konsum hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Auch die Produktionsbedingungen haben sich verändert. Das wirft neue Fragen auf: Ist islamkonformes Schächten in Zeiten von Massentierhaltung überhaupt möglich? Darf ich Kleidung tragen, die mithilfe von Kinderarbeit, unter unfairen Löhnen und unmenschlichen Arbeitsumständen produziert wurde?

Für mich persönlich habe ich all diese Fragen inzwischen mit »Nein« beantwortet. Denn der Kern des islamischen Glaubens ist die Einheit Gottes: Gott als Barmherziger und Allerbarmer ist der Schöpfer allen Seins. Also muss ich auch jedes einzelne seiner Geschöpfe mit Ehrfurcht behandeln. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr habe ich gemerkt, wie sehr mein Konsum, meine Kleidung, meine Nahrung - kurzum: mein ganzer way of life - der Schöpfung schadet.

Als Konsequenz habe ich angefangen, meinen Konsum schrittweise zu verändern. Das ist hart. Über Jahre antrainierte Verhaltensmuster sind schwer zu durchbrechen. Was ich auch gemerkt habe: Es ist sehr viel einfacher, auf Schweinefleisch und Alkohol zu verzichten als auf Plastiktüten beim Gemüsestand. Wirklich ḥalāl zu leben, ist eine Herausforderung.

Die Katastrophe von Rana Plaza, bei der 2013 ein neunstöckiges Fabrikgebäude in Bangladesch einstürzte und über 1000 Textilarbeiter*innen starben, war ein weiterer Augenöffner für mich: Auf wessen Koste lebe ich? Wer zahlt den Preis für meinen Konsum?  Um das schlecht zu finden, brauche ich nicht unbedingt religiöse Gebote. Ich muss nicht erst im Koran nachlesen, um mit den Menschen, die in den Trümmern von Rana Plaza starben, Mitgefühl zu haben. Aber der Islam, den ich kenne, betont Werte wie Mitgefühl, Menschlichkeit und Empathie. Und: Mich vom Konsum zu befreien und mehr im Einklang mit der Natur zu leben, erfüllt mich auch mit spiritueller Energie. Mein neuer ḥalāl-Lifestyle hat etwas Befreiendes. Der persische Dichter Maulawī sagte schon im 13. Jahrhundert »Du bist, was du anstrebst«. Meinte er nicht vielleicht auch: Du bist, was du konsumierst?

Doch wie ich zu Beginn gesagt habe: Wer ḥalāl sagt, muss auch ḥarām sagen. Nur - was genau ḥarām ist, ist genauso unklar, wie was ḥalāl ist. Meine Entscheidung für mehr Nachhaltigkeit bedeutet nicht, dass ich andere muslimische Lebensweisen verurteile oder gar als ḥarām betrachte. Schon in der klassischen islamischen Normenlehre gab es eine Bandbreite an Meinungen dazu, was ḥalāl oder ḥarām ist. Darüber kann man streiten, auch heute noch. Eins hingegen ist sicher: Einen zweiten Planeten haben wir nicht.

 

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