Leyla Jagiella

Die Öffentlich-rechtlichen KönneN in Sachen Diversität vom Privatfernsehen lernen!

Bereits zwei Mal war der Sinto Menowin Fröhlich Finalist bei DSDS. 2020 zog er ins Big Brother House, musste jedoch wegen der Corona-Pandemie abbrechen. [Von Ailura - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 at, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34402818]
Bereits zwei Mal war der Sinto Menowin Fröhlich Finalist bei »Deutschland Sucht Den Superstar«. 2020 zog er ins Big Brother Haus ein, musste jedoch auf Grund der Corona Pandemie wieder abbrechen. (Foto: Ailura - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons)


Ein Kommentar von Leyla Jagiella

Am 28. September 2020 ist dem Privatfernsehsender ProSieben ein großer Coup gelungen, der nicht nur Einschaltquoten brachte, sondern auch die gesellschaftlichen Debatten unseres Landes verändert hat. In seiner Doku »Rechts.Deutsch.Radikal« hat der Sender meisterhaft Rechtspopulisten und Rechtsradikale vorgeführt und - wohl der aufsehenerregendste Treffer der Ausstrahlung - mit Hilfe der Influencerin Lisa Licentia den ehemaligen AfD-Pressesprecher und bisherigen Parteifunktionär Christian Lüth als das enttarnt, was er ist: ein Mensch mit zutiefst rechtem Gedankengut.

Die Doku hat bundesweit großes Aufsehen erregt. ProSieben ist es hier zu bester Sendezeit gelungen, einen AfD-Vertreter in einer Weise vorzuführen, wie es den öffentlich-rechtlichen Sendern bisher nicht gelungen ist. Vor allem dürfte ProSieben als Privatsender mit seinem wesentlich jüngerem Publikum auch Menschen erreicht haben, die die Öffentlich-Rechtlichen eher selten einschalten.

Nun ist es sicherlich so, dass es die Öffentlich-Rechtlichen mit ihrem oft zitierten »Bildungsauftrag« auch schon einige Male versucht haben, AfD-Politiker:innen auflaufen zu lassen. Mehr als nur einmal sind sie jedoch auch dafür kritisiert worden, dabei den Anschauungen dieser Politiker:innen eine viel zu große Plattform geboten zu haben.

Privatsendern gelingt es immer wieder, gesell­schaftliche Viel­falt abzubilden

Mir stellt sich die Frage nicht zum ersten Mal, ob das Privatfernsehen nicht wesentlich besser darin ist, rassistischen und anderen menschenfeindlichen Diskursen in unserer Gesellschaft entgegenzuwirken, als das Öffentlich-Rechtliche. Privatsendern gelingt es immer wieder, gesellschaftliche Vielfalt abzubilden und Wissen darüber als insbesondere unter jungen Menschen selbstverständlich zu präsentieren.

Kürzlich kam ich an einer Straßenbahnhaltestelle mit einer jungen Frau ins Gespräch. Wir unterhielten uns über dies und das, über ihr Leben und mein Leben. Und irgendwann erwähnte ich, dass ich eine trans Frau bin. Die junge Frau fand das interessant und erzählte mir, dass sie darüber »schon total viel bei RTL2« gelernt habe. Es rührte mich, mit welcher selbstverständlichen Offenheit sie mir begegnete. Ich wohne wie sie in Baden-Württemberg. Dort war das Thema »Bildungsplanreform« in den letzten Jahren sehr umkämpft. Viele Menschen wehren sich bei uns dagegen, dass Lehrer:innen mit den Schüler:innen über das Thema sexuelle Diversität sprechen sollen. Ein Glück, dass hier zumindest RTL2 seinen Bildungsauftrag wahrgenommen hat. Sonst hätte die junge Frau womöglich nie davon gehört.

Natürlich ist es nicht so, dass öffentlich-rechtliche Sender gar nicht zum Thema geschlechtliche und sexuelle Vielfalt berichten würden - aber meistens nicht so, dass es diese junge Frau und ihre Freund:innen erreicht. Obwohl ich selbst schon für solche Berichte interviewt wurde, finde ich, dass viele von ihnen schwerfällig daherkommen. RTL2 hat etwa bereits 2012 damit begonnen, in der Serie »Transgender – Mein Weg zum richtigen Körper« über junge trans Menschen mit sehr vielen verschiedenen gesellschaftlichen Hintergründen zu berichten.

Es gab durchaus Stimmen aus der LSBTIQ-Community, die die Reihe zu stereotypisierend fanden. Meist kamen diese allerdings aus einem mehrheitsdeutschen, weißen bürgerlichen Umfeld, das sich schlecht vorstellen kann, dass es auch andere trans Realitäten in diesem Land gibt als die eigenen. Ich selbst fand schon damals, dass RTL2 es oft besser verstand, diverse Lebenswelten von jungen trans Menschen auf den Bildschirm zu bringen als das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

In Sendungen wie »Deutsch­land sucht den Super­star« ist Diver­sität seit jeher selbst­verständlich Präsent

Was für das Thema Transgender gilt, gilt auch für viele andere Fragen von gesellschaftlicher Vielfalt. Wer sich etwa nur einmal die Listen der Kandidat:innen von »Deutschland sucht den Superstar« (DSDS) anschaut, der wird schnell feststellen: Hier gibt es seit jeher mehr sichtbare Diversität als Maischberger, Illner, Plasberg und co. je erreicht haben. Über die Musiksendungen der Öffentlich-Rechtlichen schweigen wir hier lieber ganz.

Dabei ist Diversität in Sendungen wie DSDS weitestgehend unkommentiert präsent. Sie ist einfach da, weil unsere Gesellschaft heute eben divers ist. Wesentlich diverser als die der Öffentlich-Rechtlichen erscheinen aus dem gleichen Grund auch viele andere Entertainment-Programme der Privatsender. Man denke nur einmal an Scripted-Reality-Seifenopern wie »Köln 50667« oder »Berlin - Tag & Nacht«.

Natürlich: Privatsender sind keine Wohltäter. Sie wollen verkaufen. Gerade deswegen sind sie oft aber auch näher am Puls der Zeit. Etwa 20 Prozent der deutschen Bevölkerung hat inzwischen einen »Migrationshintergrund«. In deutschen Großstädten wächst längst eine Generation junger Menschen heran, in der es nichts Ungewöhnliches ist - sagen wir mal - eine Mutter mit weißer-mehrheitsdeutscher und philippinischer Herkunft und einen Vater mit türkischen und polnischen Wurzeln zu haben. Derweil wird bei Will, Illner, Plasberg und Co immer noch ernsthaft darüber diskutiert, ob die Integration von Einwander:innen überhaupt gelingen kann. Was für ein Medienfail!

Die Programm­direktor:innen der Privat­sender sind zu großen Teil­en ebenfalls weiß

Das Interessante dabei: Die Programmdirektor:innen der Privatsender sind zu großen Teilen ebenfalls weiß und mehrheitsdeutsch. Meist sind sie auch männlich, heterosexuell, cisgender. Hier herrscht derselbe Mangel an Diversität, wie anderswo in der Medienwelt.

Oft ist es auch bei den Privatsendern so, dass gesellschaftliche Diversität als Entertainment-Zirkus inszeniert wird. Es erinnert daran, wie man in den USA schon immer gerne Schwarze Entertainer:innen und Sportler:innen auf die Bühne geschickt hat - trotz oder gerade auf Grund von massivem gesellschaftlichem Rassismus. Auch das sollte kritisch hinterfragt werden. Gerne werden auch hier Stereotypen reproduziert, manchmal bis ins Extrem. So hat etwa Sat.1 im Jahr 2019 eine Doku über Roma ausgestrahlt, die diese massiv diffamierte und unter anderem vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma scharf kritisiert wurde. Solche » Ausrutscher« leisten sich Privatsender immer wieder - solange sie Einschaltquoten bringen.

Andererseits geben die Öffentlich-Rechtlichen hier kein besseres Bild ab. Nicht zu Unrecht warf der Deutsche Kulturrat 2018 den Talkshows von ARD und ZDF vor, durch ihre tendentiöse Themensetzung zu Islam und Geflüchteten die Spaltung der Gesellschaft vorangetrieben zu haben. Der Kampf um Einschaltquoten wird auch bei den Öffentlich-Rechtlichen oft auf Kosten von Minderheiten geführt. Dabei kommen diese aber betont bürgerlich daher. Ganz bewusst wird so der Eindruck erweckt, dass hier Objektivität und journalistische Unvoreingenommenheit im Vordergrund stehen. Das ist gefährlich.

Umso schöner, wenn man bei einem Privatsender wie ProSieben einen Reporter wie Thilo Mischke findet, der einen »Bildungsauftrag« angenommen hat, um Rechte und Rassisten zu entlarven. Vielleicht gibt es ja bald auch eine öffentlich-rechtliche Show, die so selbstverständlich divers ist wie » DSDS«.