Serie: Berichterstattung über antimuslimische Übergriffe

»Unter vie­len Mus­li­men herrscht das Ge­fühl vor: Wir wer­den so­wie­so nicht ge­hört.«

Matthias Drobinski, 55, ist Redakteur im Innenpolitik-Ressort der Süddeutsche Zeitung und schreibt meistens über Religionspolitik. (Foto: Alessandra Schellnegger)

Muslime haben oft das Gefühl, dass in den Medien zu wenig über muslimfeindliche Übergriffe berichtet wird. Ist das nur ein Gefühl, oder spiegelt das die Realität im öffentlichen Diskurs wieder? Und was sind die möglichen Gründe dafür? BLIQ hat mit verschiedenen Akteuren, die mit diesem Thema sich befassen, gesprochen. Wir starten diese Serie heute mit dem Journalisten Matthias Drobinski. Er ist Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und schreibt dort zum Themenbereich Religion.

Von Nermin Ismail

Herr Drobinski, viele Muslime beschweren sich darüber, dass über antimuslimische Übergriffe zu wenig berichtet wird. Haben Sie Recht?

Matthias Drobinski: Mein Eindruck ist: Wir berichten durchaus darüber, aber es muss uns natürlich auch jemand mitteilen, dass diese Übergriffe passieren. Im Moment sehen die Statistiken so aus: Die Zahl der angezeigten antisemitischen Straftaten für 2018 liegt bei etwa 1800 und die der dezidiert antimuslimischen bei etwa 800. Das sagt natürlich nicht unbedingt etwas darüber aus, wie viele solcher Straftaten tatsächlich passieren. Aber zumindest beim Anzeigeverhalten gibt es ein klares Plus der antisemitischen Straftaten. Das wirft die Frage auf: Zeigen Muslime Straftaten seltener an? Gibt es da eine Resignation?

Was glauben Sie, woran es liegt?

Ich glaube, dass es in der muslimischen Community mehr Resignation gibt als zum Beispiel in der jüdischen. Unter vielen Muslimen herrscht das Gefühl vor: Wir werden sowieso nicht gehört. Das entwickelt sich dann in eine Schweigespirale; das kenne ich aus dem eigenen Erleben. Und so kommen die Geschichten gar nicht zu uns.

Nun könnte man sagen: Das liegt dann aber wohl auch daran, dass dieses »uns« - also die Gruppe der Journalisten - eben nach wie vor wenig divers ist.

Was sicherlich stimmt: Wir Journalisten haben in der Summe wenig muslimische Bekannte, zum Beispiel mit Kopftuch, die uns davon erzählen, wie das ist, dafür angegriffen zu werden. Wir haben zwar zunehmend Muslime in der Redaktion bei der Süddeutschen Zeitung, aber insgesamt sind es immer noch wenige. Wir leben in getrennten Communities, und das Leid der Anderen kann ein Journalist nur erfahren, wenn er aktiv hingeht. Das ist für viele Journalisten mühsam. Und es ist schwieriger geworden, Verbindungen zu halten.

Was meinen Sie?

Gerade in die türkisch-muslimische Community hinein ist das so. Das sehen wir seit der Debatte um Erdoğan. Der türkisch-islamische Moscheeverein DITIB ist abhängig von den Direktiven aus Ankara. Schon vor dem Putschversuch wurden da sehr genau Gesprächspartner ausgesucht oder auch Gespräche verhindert. Nun ist der Faden faktisch abgerissen, leider. In Berlin war zum Beispiel die Şehitlik-Moschee bekannt dafür, mit der Stadtgesellschaft in den Diskurs zu treten. Man hat Homosexuelle eingeladen, hatte einen jungen Vorstand. Nach dem Putschversuch wurde der Vorstand ausgewechselt. Ich habe versucht, mit dem neuen Vorstand ins Gespräch zu kommen, bin da aber auf eine Mauer gestoßen. Und je verschlossener eine Community ist, je schwieriger es ist, Gesprächspartner zu finden, umso weniger kommt Alltagsrassismus in den Medien vor.

Schauen wir mal auf konkrete Einzelfälle: Wie nehmen Sie die Berichterstattung der großen Medien zu Übergriffen oder Anschläge auf Minderheiten wahr?

Nun, ich kann natürlich über die Berichterstattung der SZ mehr sagen als über die der BILD. Wenn ich da unsere Berichterstattung zum Anschlag auf die Synagoge in Halle und die über das Attentat auf die Moschee im neuseeländischen Christchurch vergleichet, wo ein Rechtsextremist 50 Muslime getötet hat, würde ich sagen: Wir haben vielleicht sogar mehr über Christchurch berichtet, zumindest nicht weniger als über Halle. Wir haben einen Kollegen nach Neuseeland geschickt und ein Buch Zwei über das Attentat gemacht - das ist der größte Platz, den wir zur Verfügung haben. Bei Halle haben wir eine Seite Drei gemacht. Das ist auch sehr prominent, aber nur eine Seite. Die Erschütterung war jedenfalls bei beiden Fällen ähnlich groß.

Haben Sie den Eindruck, dass Journalisten sensibler geworden sind für Rechtsextremismus und Rassismus?

Ich glaube, hoffe, es hat sich etwas geändert. Zuvor gab es schon einen blinden Fleck. Antimuslimische Straftaten wurden eher als Taten von Einzelnen gesehen und weniger in einem politischen Kontext, Gewalt von Rechten wurde individualisiert, das waren halt dumme, besoffene, Idioten. Islamistische Gewalt war dagegen Teil des weltweiten, den Westen bedrohenden Krieges. Dieses Muster ist seit Christchurch Gott sei Dank durchbrochen. Das erlebe ich zumindest bei den Qualitätsmedien. Es sind jetzt weniger in die Irre geleitete psychisch Kranke, denen die Taten zugeschrieben werden. Stattdessen erkennt man, dass Rechtsextremismus nicht wengier eine weltweite Bedrohung von Menschenwürde und Freiheit ist wie der Islamismus.

Diskutieren Sie in der Redaktion darüber, wie Sie über Anschläge oder Straftaten berichten oder welche Wörter verwendet werden?

Auf jeden Fall. Das Wort »Familiendrama« ist bei uns zum Beispiel verpönt. Ein Mord an einer Frau ist ein Mord. Punkt. Das mag es immer noch bei kleineren Zeitungen geben, das so etwas geschrieben wird. Es gibt eben nicht »den« Journalismus. Es gibt verschiedene Bewusstseinsstände und immer wieder neue Debatten darüber, welche Worte wir wählen sollen. Bei Vergewaltigungsgeschichten beispielsweise schreiben wir inzwischen tatsächlich dazu, wenn die Täter eine andere als die deutsche Nationalität haben. Der Grund ist, dass es seit der Flüchtlingsbewegung ein öffentliches Interesse darangibt. Da gibt es ein gewandeltes Bewusstsein. Es geht bei solchen Taten um eine Gruppe, die eher kriminell wird als andere: junge Männer zwischen 18 und 25 Jahren. Diese Gruppe ist immer in allen Kontexten die am häufigsten kriminelle Gruppe. Im Falle der Flüchtlinge kommt nun noch die Bürgerkriegserfahrung hinzu. Das ist eine Wahrnehmung, die nun einmal da ist. Und wenn solche Taten passieren, müssen wir die Zusammenhänge erklären. Wir dürfen die Taten aber nicht verschweigen.

Gab es Fälle, bei denen Sie selbst an Ihre Grenzen kommen?

Sicher. Wir sind zum Beispiel schon mal reingefallen, weil wir einen Anschlag auf ein Flüchtlingsheim als rassistische Tat gewertet haben. Dann stellte sich heraus, dass es ein Streit zwischen den Sicherheitsdiensten war, die das Heim bewachen sollten. Wir sindt immer zurückhaltend, solange wir nicht genau wissen, was passiert ist. So gibt es vermeintlich antimuslimischen Anschlägen auf DITIB-Moscheen, wo sich dann herausstellt, dass es tatsächlich kurdische Anschläge waren.

Wie nehmen Sie Debatte in Medien und Politik über den Islam insgesamt wahr?

Ehrlich gesagt, mich nervt die Verengung der Debatte. Islamkritiker und »liberale Muslime« dürfen mitreden, alle anderen gelten nicht mehr als adäquat. Es gibt nur noch einen richtigen Islam, nämlich den säkularisierten, alles andere ist defizitär. Es gibt aber auch einen religiösen Eigenwert. Ich kann als gläubiger Mensch sagen, ich achte die Regeln meiner Religion und verhalte mich dabei demokratiekompatibel, auch wenn die Religion für mich eine Bezugsgröße ist. Und ich glaube, genau diese Verengung bedient auch wieder die Verstummensspirale. Immer weniger Muslime trauen sich, an die Öffentlichkeit zu gehen, weil sie wissen, wie viel Hass sie abkriegen, wenn sie es tun. Frauen trifft das noch schlimmer als Männer.

 

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