Sinti:ze und Rom:nja

Aufklärung Framing

Elias Kapeller

»Me­dien spie­len die Ver­ant­wortung herunter«

Der Grünen-Politiker Dislo Benjamin Harter sitzt im Integrationsbeirat der Stadt Offenburg (Baden-Würrtemberg) als Vertreter für Sinti:ze und Rom:nja. (Foto: privat)

 

»Schmarotzer, Kriminelle, Wirtschaftsflüchtlinge«: Sinti:ze und Rom:nja haben in Europa seit Jahrhunderten mit solchen Stereotypen zu kämpfen. Der sogenannte Antiziganismus reicht in Deutschland bis ins 15. Jahrhundert zurück. Rom:nja wurde schon vorgeworfen, mit dem Teufel zu paktieren und zaubern zu können. Luther bezichtigte sie der »Spionage für die Türken«. Und im Dritten Reich wurden Sinti:ze und Rom:nja in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Der Porajmos, der Genozid der Nazis, forderte unter ihnen Hunderttausende Menschenleben.

Aber auch mit dem Ende der Naziherrschaft gehört die Diskriminierung von Sinti:ze und Rom:nja noch längst nicht der Vergangenheit an: Noch 1956 urteilte der BGH, dass die Ermordung und Deportation nicht aus rassistischen Gründen erfolgt sei, sondern auf Grund »asozialer und krimineller Eigenschaften«. Erst 60 Jahre später entschuldigte sich der BGH für dieses Fehlurteil.


BLIQ sprach mit Dislo Benjamin Harter über Antiziganismus in den Medien und in Coronazeiten. Der 37-jährige Sinto sitzt im Vorstand der Grünen in Offenburg und im Integrationsbeirat der Stadt als Vertreter für Sinti:ze und Rom:nja. Nebenbei ist er Mitbetreiber der Initiative »Sinti-Roma-Pride«, welche über Antiziganismus und Online-Hate Speech aufklärt. Seinen Roma-Namen Dislo darf Harter übrigens nicht in seinem Pass tragen, da er in Deutschland nicht als Name anerkannt wird.

 

Herr Harter, welche antiziganistischen Vorurteile finden sich in deutschen Medien?


Ein aktuelles Beispiel ist das Thema: »Soll Zigeunersauce umbenannt werden?« Da sagte Barbara Schöneberger im Radio, sie nenne das jetzt nur noch »Sauce ohne festen Wohnsitz«. So verbreitet man antiziganistische Klischees, unterstellt uns, wir wären obdachlos oder nicht sesshaft. Aber auch Darstellungen bei Spiegel TV oder Akte sind oft stereotyp, wenn etwa über »Romaclans« berichtet wird. Auf VOX gab es mal einen Bericht über die »Romatraditionen bei der Hochzeit«. Da wurde wahllos ein Beispiel ausgesucht, dabei gibt es nicht die eine Tradition. Die Medien haben eine Riesen-Verantwortung, sind sich dieser aber nicht bewusst bzw. sie spielen sie runter. Weil sie nicht betroffen sind, sehen sie das Problem nicht. Das ist bei Sinti:ze und Rom:nja so, aber auch bei anderen Minderheiten oder marginalisierten Gruppen in Deutschland. Es gibt natürlich auch Zeitungen die, sagen wir mal, Minderheiten nicht sehr wohlgesonnen sind. Dazu fällt mir ein Artikel in der Welt vor ein paar Jahren ein. Dort wurde behauptet, dass wir gegen das Wort »Zigeuner« gar nichts hätten, dass das Wort einfach zu uns gehört. Und dagegen haben wir, als Sinti:ze- und Rom:nja- Initiativen und -Verbände uns natürlich auch gewehrt. Der Journalist hatte sich einzelne Leute rausgesucht, die das Z-Wort nicht als stigmatisierend ansehen und dann so getan, als wär das allgemeingültig.


Mit Blick auf die sogenannte Flüchtlingskrise von 2015: Konnten Sie Parallelen zwischen antiziganistischen Stereotypen und Vorurteilen gegen Geflüchtete feststellen?


Jedem Sinto oder Rom wird auch immer unterstellt, er sei »Wirtschaftsflüchtling«, er würde aus wirtschaftlichen Gründen herkommen. Das wird Geflüchteten auch gerne nachgesagt. Es wird behauptet, dass sie hier nicht arbeiten wollen, sondern nur den deutschen Staat »ausnutzen« wollten. Es wird auch behauptet, man wäre kriminell, würde Drogen verkaufen, in Gruppen marodierend durch die Straßen ziehen, Frauen belästigen usw. Also alles, was man Geflüchteten auch zuschreibt. Die Parallelen sind evident.

 

Gruppenbezogener Menschenhass tritt häufig in Krisenzeiten auf, auch während Pandemien. So wurden Jüd:innen der Brunnenvergiftung bezichtigt und für die Pest verantwortlich gemacht. Gibt es Vergleichbares in der Geschichte der Sinti:ze und Rom:nja, vor allem mit Blick auf die aktuelle Coronakrise?


Es wurde schon im Mittelalter immer behauptet, wir würden mit dem Teufel im Bunde stehen und Krankheiten verbreiten. Es gab ja damals noch nicht dasselbe medizinische Wissen und wir waren zu dieser Zeit auch Heiler. Wir haben durch unsere Methoden gezeigt, dass wir Menschen helfen können, und für die Mehrheitsgesellschaft war das so, als ob wir die Menschen »verhexen« würden. Im Dritten Reich wurde dann behauptet, wir würden Krankheiten übertragen: Typhus, Tuberkulose, alles Mögliche. Aktuell in der Corona-Zeit gab es wieder ein Beispiel in der Slowakei, wo in einem Dorf Rom:nja als »Verursacher der Corona-Pandemie« gebrandmarkt und verfolgt wurden. Auch als die rumänischen Erntehelfer:innen nach Deutschland kamen, waren viele Rom:nja dabei, die dann für viele Coronafälle verantwortlich gemacht wurden. Unter den Leiharbeiter:innen in den Fleischwerken, von denen viele aus Rumänien sind, waren auch Rom:nja. So schiebt man die Verbreitung von Corona, die etwa durch die soziale Situation oder die prekäre Wohnsituation entsteht,  einfach auf eine Ethnie.

Rechte Parteien wie die AfD in Deutschland oder die Lega Nord in Italien machen sich Antiziganismus im Wahlkampf immer stärker zu Nutze. Würden Sie sagen, dass das Erstarken rechter Parteien in Europa, das Thema stärker in die Öffentlichkeit gerückt hat?

 

Ich würde eher sagen, dass wir als Minderheit selbst dafür gesorgt haben, dass das Thema Antiziganismus stärker fokussiert wird. Früher hatten wir keine Möglichkeit. Doch durch die sozialen Medien sind wir ziemlich stark geworden, denn wir konnten uns äußern, vernetzten und haben eine starke Stimme nach außen. Dennoch wird Antiziganismus immer noch unterschätzt. Im Vergleich zu Antisemitismus oder Homophobie erfährt das Thema immer noch viel zu wenig Aufmerksamkeit. Durch die Diskussionen um »Zigeunersauce« oder das Denkmal in Berlin ist das Thema ein bisschen mehr in den Fokus gerückt, aber ich habe nicht den Eindruck, dass es bereits die Aufmerksamkeit hat, die es verdient.


Können Sie sich  erklären, woran das liegt?

Ich würde es einfach mit fehlender »Lobby« begründen. Das kann man damit erklären, dass wir Jahrhunderte lang keine Menschen in  Positionen hatten, die sich die sich gegen Antiziganismus stark machen konnten. Die Bürgerrechtsarbeit in Deutschland gibt es ja auch erst seit Ende der 70er oder Anfang der 80er, davor war nichts. Und im Rest von Europa ist es nicht besser. Zum Beispiel  sind wir in Deutschland eines der wenigsten Länder die einen Zentralrat haben, in vielen Ländern existiert so etwas gar nicht.

 

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