Serie: Berichterstattung über antimuslimische Übergriffe

Von Nermin Ismail

»Für anti­mus­limi­sche Ressentiments und Straf­taten fehlt das Wahr­neh­mungs­raster«

 

Sabine Schiffer, 53, ist Sprachwissenschaftlerin und Medienpädagogin. (Foto: Diakonie Düsseldorf)

Seit Jahren warnen Muslime und deren Organisationen vor einem erstarken Rechtsextremismus im Land. Dennoch drangen Sie mit ihren Warnungen lange nicht durch. Erst mit dem Mord an Walter Lübcke und dem Anschlag von Halle scheint sich das allmählich zu ändern, Rechtsextremismus erfährt eine neue Aufmerksamkeit. Woran liegt es, dass antimuslimische Hate Speech und Übergriffe in vielen Medien lange kaum Erwähnung fanden? Hat sich daran jetzt etwas geändert? Und was können Muslime selbst dafür tun, um auf diese Probleme aufmerksam zu machen? Das haben wir eine Aktivistin, eine Forscherin und zwei Journalisten gefragt. Im ersten Teil der Serie sprach BLIQ mit Matthias Drobinski, Redakteur für Glaubensthemen bei der Süddeutschen Zeitung.

Im zweiten Teil unserer Serie sprach Nermin Ismail für uns mit Sabine Schiffer, 53, Sprachwissenschaftlerin und Medienpädagogin. Schiffer lehrt an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Frankfurt am Main im Fachbereich Journalismus und Kommunikation. Als Gründerin des Instituts für Medienverantwortung in Berlin liegen ihre thematischen Schwerpunkte auf Medienanalyse, Medienjournalismus und Medienbildung. Sie beschäftigt sich unter anderem mit dem Islambild in deutschen Medien und Hate Speech.

Frage: Frau Schiffer, gibt es Untersuchungen dazu, wie Medien über antimuslimischen Rassismus berichten? Zu welchen Ergebnissen kommen sie?

Sabine Schiffer: Es gibt genug Untersuchungen, die aufzeigen, dass Medienmachende das Phänomen »antimuslimischer Rassismus« immerhin schon nicht mehr leugnen - aber auch, dass sie mehr differenzieren könnten in Bezug auf Themen- und Akteursauswahl, selbst in kurzen Nachrichtenformaten.

Dies trifft auf andere Themen ebenfalls zu; da entsteht zu schnell ein einheitlicher Mainstream, an dem sich alle orientieren. Was ich wichtig finde, ist, dass jetzt endlich staatsanwaltliche Stabsstellen entstehen, die Hass und Hetze im Netz verfolgen sollen. Ich hoffe, antimuslimischer Rassismus und Volksverhetzung gehören da auch dazu.

Übrigens: Volksverhetzung, Morddrohungen - das sind Offizialdelikte. Da braucht es keine Anzeigen, um sie zu verfolgen. Im Gegenteil, man sollte die Opfer schützen. Und man sollte auf keinen Fall die Beweismittel vernichten, indem Online-Plattformen diese einfach löschen. Hier muss dokumentiert und strafverfolgt werden. Das hat man inzwischen erkannt, wie mir scheint.

Frage: Sie haben schon 2010 in einem Aufsatz mit dem Titel »Grenzenloser Hass im Internet« gefordert, dass Hate Speech konsequenter verfolgt wird. Wie schätzen Sie die Lage heute ein?

Sabine Schiffer: Es hat etwas gedauert und es hat Todesopfer gegeben, die aus meiner Sicht auch auf das Konto der Verharmloser gehen. Das Erschütternde dabei ist, dass man erst wirklich tätig wird – zumindest sieht es jetzt so aus – wenn die »eigenen« Leute betroffen sind, Walter Lübcke zum Beispiel. Bei den Morden an türkisch- und griechischstämmigen Mitbürgern durch den sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) war man noch eher geneigt wegzugucken.

Die Studien von Forschern wie Andreas Zick und Beate Küpper zu rechtspopulistischen Einstellungen in der gesellschaftlichen Mitte bezeugen zu genüge, wie wir mehrheitlich so ticken: Rechtspopulistische Einstellungen sind stabil und sind in der Mitte der Gesellschaft zuletzt sogar normaler geworden. Da sollte sich niemand verführt fühlen, das allein auf eine Partei am Rand zu projizieren. Die sahnt nur ab, was man lange hat wachsen lassen.

Frage: Warum ist es wichtig, darüber zu berichten?

Sabine Schiffer: Korrekte Berichterstattung ist immer wichtig, damit wir eine Basis haben, auf der die interessierte Öffentlichkeit sich eine Meinung bilden und Entscheidungen fällen kann. Dafür müssen wir uns aber subjektiver Zeichen, wie Sprache und Bilder, die von Natur aus unsere Aufmerksamkeit selektiv steuern, bedienen und da gibt es Verzerrungen, vor allem dann, wenn man sich dessen gar nicht bewusst ist und man meint, etwas neutral abbilden zu können. Hier fängt die Fortbildung für den Journalismus an. Besser wäre es aber, Journalisten würden das schon systematisch in den Ausbildungen oder wir alle in der Schule lernen.

Wir brauchen dringend ein Fach Medienbildung an Schulen, das nicht nur auf digitale Herausforderungen beschränkt bleibt, sondern auch die Konstruktion von Wirklichkeit in den Medien in den Mittelpunkt stellt. Darin hätten Lehrkräfte beispielsweise den Fall des Attentäters vom Münchner Olympiazentrum und seiner Online-Foren, sowie der tendenziösen Berichterstattung darüber durchnehmen können. Warum fiel es vielen Menschen so schwer, die rechtsextreme Gedankenwelt dieses Mörders zu erkennen? Obwohl er sich als Arier sah und gezielt Migranten ermordete? Sogar die Gutachterin hat es festgestellt und wieder verworfen.

So funktioniert die Psyche des Menschen; da gibt es Blockaden bei Unerwünschtem. Und da müssen wir alle ran: Eltern, Lehrkräfte, Politiker und der Journalismus, mindestens mal.

Frage: Woran liegt es, dass Vorfälle von antimuslimischem Rassismus medial so wenig Beachtung finden?

Sabine Schiffer: Die Frage müssen Sie eigentlich den Medienmachern selbst stellen. Ich frage mich auch, warum die das nicht auf den Schirm kriegen. Mir scheint, dass es da am entsprechenden Frame fehlt: Dass die eigenen Erwartungen das Wahrzunehmende filtern.

Anders gesagt: Wenn antisemitische Anschläge passieren, werden diese zurecht als das erkannt, was sie sind, und entsprechend skandalisiert. Für antimuslimische Ressentiments und Straftaten fehlt hingegen das Wahrnehmungsraster, sodass diese anders eingeordnet werden. Vielleicht liegt es daran, dass man sich über Jahre angewöhnt hat, Muslime vor allem als Täter zu sehen. Dafür hat man also eine Schublade, die andere für antimuslimischen Rassismus scheint zu fehlen.

Frage: Liegt das daran, dass unsere Gesellschaft, Journalisten eingeschlossen, auf dem rechten Auge blind ist? Greifen Politiker das Thema zu selten auf, sodass Journalisten es nicht auf dem Schirm haben? Oder liegt es daran, dass MigrantInnen in deutschen Redaktionen unterrepräsentiert sind?

Sabine Schiffer: Die Extremismustheorie, die behauptet rechts und links der Mitte gäbe es Extremismen, die sich im Wesentlichen gleichen und nicht im Menschenbild fundamental unterscheiden, woraus die Relativierung der Gefahr von rechts stammt, wirkt tatsächlich in viele Bereiche hinein.

Und natürlich fehlen in manchen Redaktionen bestimmte Perspektiven, weil die Belegschaft sehr homogen ist. Andererseits gibt es auch im Journalismus Menschen, die das Thema auf dem Schirm haben, etwa Andrea Dernbach vom Tagesspiegel. Ich warne davor zu glauben, dass »anders« Journalisten »anders« berichten. So funktioniert das Spiel in den Hierarchien von Redaktionen nicht.

Natürlich reproduziert sich im Journalismus, wie auch in der Politik, die jeweils eigene soziale Klasse - ohne dass die Menschen, die dort arbeiten, dies unbedingt so wahrnehmen und die eigenen Privilegien erkennen müssen. Und natürlich könnte und müsste Politik hier mehr leisten. Wenn Politiker sich als Vertreter aller Bürger betrachten - was ja bei den meisten Parteien zumindest offiziell der Fall ist - müssten sie auch die Sorgen von Muslimen ernstnehmen.

Frage: Wie sinnvoll ist es, dass Juden und Muslime gemeinsam gegen Rassismus einstehen?

Sabine Schiffer: Schon zu Zeiten des Mordes an Marwa El-Sherbini vor zehn Jahren haben die Präsidenten der Zentralräte der Juden und Muslime gemeinsam Zeichen gesetzt - gegen den Hass, die Hetze, die Folgetaten, gegen Angriffe auf Moscheen und Synagogen oder auf jüdische und islamische Gräberfelder. Die Resonanz scheint aber nur einseitig zu verfangen.

Ich halte solche gemeinsamen Anstrengungen für sehr nötig - nicht nur, weil es auch Muslime gibt, die gegen Juden hetzen, und Juden, die gegen Muslime hetzen, sondern weil wir erkennen müssen, dass islamophobe Hetzer auch Vorbehalte gegenüber Juden haben und umgekehrt.

Es war doch kein Zufall, dass der Attentäter von Halle nach seinem Scheitern an der Synagoge einen Döner-Imbiss aufsuchte und dort um sich schoss. Er dürfte auch kaum bedauern, dass er dabei einen Deutschen tötete, denn in seinen Augen dürfte dieser ein »Volksverräter« gewesen sein. Es war ja ein Deutscher, der bei einem »Türken« aß.