»Lillifee? Kinder brauchen mehr Vielfalt«

Anika und Sarah Heine gründeten das Kinderstark-Magazin
Die Gründerinnen des Kinderstark-Magazins: Anika und Sarah Heine. (Foto: privat)

 

Am ersten April ist es ganz offiziell so weit: Wendy, Ninjago, Prinzessin Lillifee und andere Blau-Rosa-Klischees bekommen Konkurrenz: Das „KINDERSTARK MAGAZIN“ ist das erste Kindermagazin in Deutschland, das auf 56 Seiten ausdrücklich Vielfalt sowie das Leben jenseits aller Stereotype und rassistischer Benachteiligung feiert. Es wird viermal im Jahr erscheinen und nur im eigenen Online-Shop und bei wenigen ausgewählten Buchhandlungen oder Kooperationspartner:innen erhältlich sein. »Stärkend, gendersensibel, diskriminierungskritisch« wird groß auf dem Cover stehen. Eva Meschede hat mit Gründerin Anika Heine gesprochen.


Ganz schön mutig, mitten in der Pandemie und bei der ange­spannten Situation auf dem Zeitschriften­markt ein neues Magazin zu starten. Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Meine Frau Sarah und ich sind, seit unser Kind vor sieben Jahren auf die Welt kam, immer auf der Suche nach diskriminierungskritischen Medien für Kinder. Eine Zeitschrift haben wir im deutschsprachigen Raum nicht gefunden, also haben wir uns im Ausland umgesehen und sind in Frankreich auf ein feministisches Magazin für Kinder gestoßen. Das hat uns inspiriert.


Was hat Ihnen bei anderen Kinder­magazinen nicht gefallen?

Uns hat in erster Linie die Vielfalt gefehlt. Wir wollten zum Beispiel für unser Kind, dass auch unsere Familienkonstellation mit zwei Müttern gezeigt wird, dass die Identität unseres Kindes vorkommt. Das haben wir in Zeitschriften so gut wie gar nicht gefunden und wenn, dann war das immer problematisch dargestellt. Es fehlt so Vieles in den Medien für Kinder: Kinder, die eine Einwanderungsgeschichte haben, Kinder mit Behinderung(en), religiöse oder Schwarze Kinder, ökonomisch benachteiligte, sie alle kommen so gut wie gar nicht vor. Und dies sind nur ein paar Beispiele. Es ist aber wichtig, dass ein Kind sich gesehen fühlt, sonst leidet die Identitätsentwicklung.

Warum haben Sie sich für Print entschieden, wäre ein Online-Magazin nicht einfacher gewesen?

Nicht alle Kinder haben Zugang zu den Geräten und sollten es auch nicht ständig haben. Vor allem deshalb haben wir uns gegen Online entschieden, zumal sich unser Kind so ein Magazin am Rechner nicht von A bis Z angucken würde. Außerdem wollten wir im KINDERSTARK MAGAZIN viele Mitmach-Spiele anbieten, also Übungen, für die Kinder etwas ausfüllen, malen, ausschneiden, basteln oder zusammenkleben können. Wir wollen zeigen, dass das Papier mehr bedeutet, als nur Seiten umblättern, dass es auch zum Leben erweckt werden kann.


Welche Themen finden im Heft statt?

Jede Ausgabe wird unter einem bestimmten Oberthema stehen, im ersten Heft ist das »Stark sein«, das leitet sich schon vom Titel des Magazins ab. Wir haben gefragt, was bedeutet für Kinder eigentlich Stark sein Und wir haben uns auch damit beschäftigt, was es heißt, nicht stark zu sein. Viele Kinder haben gesagt, dass sie die Familie stark macht. Und eine Antwort fand ich besonders schön: »Die Liebe macht mich stark«, sagte ein sechs Jahre altes Kind. Außerdem werden wir Gefühle erklären und in jedem Heft Gefühlssammelkarten des Designlabels Ellou anbieten, so dass ein Set entstehen kann. Die Karten können dann auch zur Hilfe genommen werden, wenn Kinder versuchen, ihre Gefühle in Worte zu fassen. Und es wird immer eine große Buchvorstellung geben, Kinder werden das selbst schreiben. Zum Buch – wie auch in den anderen Beiträgen – werden wir zusätzlich bei Bedarf Begriffserklärungen bringen. Im ersten Heft stellen wir »Amy und die geheimnisvolle Bibliothek« vor. Darin geht es um die Leseratte Amy, die sich gegen die »Bücherverbannung« in ihrer Schule wehrt. Sie gründet eine geheime Bibliothek mit allen frechen Büchern, die verbannt wurden.


Gibt es Kinderbücher, die Sie nicht vorstellen würden?

Unser Schwerpunkt ist Vielfalt und wir haben einen starken Diskriminierungskritischen Ansatz. Winnetou zum Beispiel fällt bei uns an dieser Stelle durch. Im Gegenteil, wir werden uns in der ersten Ausgabe mit dem I-Wort für Indigene Menschen beschäftigen und erklären, warum das Wort nicht benutzt werden sollte. Da geht es auch um diese Winnetou-Geschichten, die ja ein ganz falsches Bild von indigenen Menschen oder First Nations zeichnen.


Wie nehmen Kinder das auf, wenn ihnen so ein Held wie Winnetou genommen wird?

Das wissen wir noch nicht, aber wir freuen uns auf Rückmeldungen und Diskussionen. Ich glaube aber nicht, dass Winnetou in der Generation unseres Kindes überhaupt noch eine Rolle spielt. Unser Kind könnte mit dem Namen nichts anfangen, und weiß nicht, wer das ist. Und wenn ich es erklären würde, wie falsch und ungerecht dieses Winnetou-Bild gezeichnet wurde, dann wäre die Antwort vermutlich: »Das ist ja unfair«.


Finanziert ihr euch mit Anzeigen?

Davon haben wir uns erst mal explizit nicht abhängig gemacht, bieten aber in jeder Ausgabe einen limitierten Platz für Anzeigen, die gebucht werden können. Wir haben eine Crowdfunding-Kampagne gestartet und wir sind Kooperationen eingegangen mit anderen Unternehmen oder Menschen, die Dienstleistungen im Bereich Vielfalt anbieten. Die stellen dann auch ihre Produkte vor. Z.B. »Trans*fabel“«, das ist ein Onlineshop für Kinder- und Jugendbücher jenseits des Zwei-Geschechter-Systems. »Trans*fabel“« macht bei uns in jedem Heft eine Begriffserklärung und stellt noch ein paar Bücher vor.


Könnt ihr schon absehen, ob ihr finanziell über die Runden kommt?

Wir haben aktuell so viele Bestellungen, dass wir jetzt für die nächsten vier Ausgaben planen können, also ein Jahr ist finanziell gesichert. Das Crowdfunding hat super geklappt, das war sogar erfolgreicher, als wir uns gedacht hatten. Wir haben Werbung über unseren Instagram-Kanal gemacht und dort ganz tolle Unterstützung von Menschen erhalten, die uns weiter bekannt gemacht haben. Und wir haben einen Newsletter verschickt. Das ist alles sehr rund gelaufen.

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