»Der Attentäter will zum Held seiner ei­ge­nen Ge­schich­te wer­den«

Natascha Strobl forscht zu Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und zur Identitären Bewegung. (Foto: Christopher Glanzl)

Die Österreicherin Natascha Strobl forscht zu den Diskursstrategien der neuen Rechten. Auf Twitter liefert sie kenntnisreiche Live-Analysen, wenn Rechtspopulisten im Fernsehen interviewt werden. Im Interview mit BLIQ spricht sie über den Attentäter von Halle, Ego-Shooter und darüber, was Journalisten tun können, um sich nicht zum Werkzeug von Terroristen zu machen.


Ein Interview von JULIA LEY

 

FRAGE Frau Strobl, ein häufiger Vorwurf an deutsche Medien ist, dass sie bei rechtsextremen Terror nur den Einzeltäter sehen, aber die rechtsextremen Strukturen dahinter aus dem Blick verlieren. Ich habe mir die Schlagzeilen der letzten Woche mal angeschaut. Die taz sprach vom »kollektiven Einzeltäter«, Spiegel Online vom »Einzeltäter, der nicht alleine war« und die Süddeutsche Zeitung druckte einen Hinweis, der erläutert, warum sie das Bild des Attentäters nicht zeigt. Haben die Journalisten etwas gelernt aus den rechtsextremistischen Anschlägen der letzten Jahre und Monate?

NATASCHA STROBL Es gibt auf jeden Fall eine Lernkurve. »Der Einzeltäter, der nicht alleine war« - das trifft es ziemlich genau. Auch, dass Medien mittlerweile explizit darauf hinweisen und erklären, warum sie den Namen des Täters nicht nennen, ist sinnvoll. Denn so entsteht für den Leser oder die Leserin keine Leerstelle, sondern sie lernen etwas über die Logik des Terrors. Es gibt aber natürlich zugleich auch Medien, die in großen Lettern den vollen Namen des Täters schreiben oder unkommentiert Szenen aus dem Video zeigen.

FRAGE Journalisten wird in so einem Fall oft geraten, sich vom Täter »nicht für dessen Zwecke benutzen zu lassen«. Aber was genau bezweckt ein Attentäter wie der von Halle denn eigentlich mit seinem Terror - außer Menschen zu töten?

NATASCHA STROBL Der Täter will Aufmerksamkeit. Er will zum Held seiner eigenen Geschichte werden - als wäre er der Protagonist in einem Ego-Shooter. Er will, dass man seinen Name in der Szene kennt und diese Szene ist mittlerweile international. Deshalb hat dieser Täter sein Manifest auf Englisch verfasst und in seinem Livestream Englisch gesprochen. Er will eine globale Öffentlichkeit erreichen. Journalisten sollten ihm diesen Gefallen nicht tun. Das heißt auch: Sie sollten nicht aus seinem Manifest zitieren, ohne diese Ideologie genau einzuordnen.

FRAGE Seit Jahren warnen Migrantenorganisationen vor den Gefahren des Rechtsextremismus. Und seit Jahren beklagen viele von ihnen, damit bei Journalisten und Politikern auf taube Ohren zu stoßen. Stattdessen wird sehr viel über die Gefahren berichtet und diskutiert, die von vermeintlich »Fremden« ausgehen - von Flüchtlingen, Migranten und Migrantinnen, Muslimen und Musliminnen. Haben Journalisten die Bedrohung von rechts unterschätzt?

Natascha Strobl Es ist zumindest bizarr, wie sich die Geschichte wiederholt: Bevor die NSU-Morde bekannt wurden, haben migrantische Organisationen darauf hingewiesen, dass dies keine Morde innerhalb des migrantischen Milieus sind - wie man lange dachte. Nun haben viele lange vor dem einheimischen Rassismus gewarnt. Doch in vielen Zeitungen wurde stattdessen der Eindruck erweckt, die größte Gefahr für Juden und Jüdinnen in Europa ginge von Migranten und Migrantinnen aus. Ganz so, als gäbe es nicht eine jahrtausendealte Tradition des Antisemitismus in Mitteleuropa. Und es ist diese Tradition des tatsächlich menschenvernichtenden Antisemitismus, auf die der Täter in Halle sich jetzt berief.

FRAGE Was unterscheidet das Gedankengut der neuen Rechten von klassischen rechtsextremistischen Ideen? .

Natascha Strobl Es sind insbesondere drei Ideologie-Versatzstücke, die ineinander verlinkt diese Mischung ergeben. Erstens, Antifeminismus: Wegen des Feminismus bekommen die Frauen angeblich keine Kinder mehr und deshalb stirbt Europa aus. Zweitens, Antisemitismus: Die von Feministinnen verschuldete Schwäche Europas wird von »geheimen Kräften« für deren böse Pläne ausgenutzt. Wer diese »Kräfte« sind, wird nie genau benannt - oft fällt dann aber der Name von George Soros, der angeblich persönlich schuld ist an den Fluchtbewegungen.

Die Bilder des Antisemitismus sind seit 150 Jahren dieselben, nur die Namen ändern sich. Hinzu kommt in der Logik der Rechten dann, drittens, der Rassismus: Da ist die Rede von den »fremden Horden, die Europa überfluten« - seien es Muslime, Araber oder Afrikaner. Während die Juden und Jüdinnen in diesem Feindbild zwar sehr intelligent, aber körperlich schwach sind und deshalb listig und trickreich sein müssen, herrscht hier genau das umgekehrte Bild vor. Die neuen Einwanderer sind dumm, aber körperlich überlegen. Es sind junge, virile, starke, tiergleiche Männer, die den Einheimischen die Frauen wegnehmen.

FRAGE Die Logik der Rechten mag auf alte Denkmuster zurückgreifen, ihre Methoden sind neu, nämlich oft sehr digital. Der Journalist Sascha Lobo hat nach dem Anschlag in Christchurch, bei dem ein Rechtsextremer 50 Muslime tötete, deshalb den Begriff des »Troll-Terrorismus« ins Spiel gebracht. Wie sinnvoll ist dieser Begriff?

Natascha Strobl Ich halte ihn für sehr sinnvoll. Weiße, junge Männer treffen sich in Chat-Foren und pflegen da eine eigene Subkultur. Im harmlosesten Fall sind es sehr infantile Witze, die da ausgetauscht werden. Vieles davon versteht man als Außenstehender kaum, weil sie eine ganz eigene Sprache pflegen. In schlimmeren Fällen wird dort gegen Frauen, Schwarze und Muslime gehetzt. Und: Man jazzt sich gegenseitig hoch. Da fordert dann einer den anderen zur Gewalt auf, sagt: »Das traust du dich nie«. Nur sind es nun nicht nur fünf Männer, die das sagen, sondern womöglich 5000.

FRAGE In einigen Fällen wurden offenbar sogar die Opferzahlen verschiedener Attentäter verglichen. Welcher Logik folgt das?

Natascha Strobl Das ist wie bei einem Computerspiel. Da läuft quasi der Zähler live mit. Und der Täter geriert sich ja auch wie in einem Computerspiel. Das hat man in Halle sehr bildlich gesehen. Der Attentäter hatte ein ganzes Waffenarsenal zur Auswahl, aus dem er je nach Belieben wählen konnte. Sogar die Stream-Perspektive, gefilmt mit einer Helmkamera, ist dieselbe wie in einem Computerspiel. Und genau wie beim gemeinsamen Zocken guckt die Community den Livestream in Echtzeit mit. Die Zuschauer können liken, kommentieren, anfeuern. Der Täter kriegt also eine unmittelbare Rückmeldung von seinen Fans.

FRAGE In diesem Fall war das Video ungefähr eine halbe Stunde online, dann löschte es die Plattform Twitch. In dieser Zeit haben es ca. 2000 Menschen gesehen, hinterher wurde es über private Chats bis zu 15 000 Mal geteilt. Welche Rolle spielt es da überhaupt noch, wie redaktionelle Medien berichten?

Natascha Strobl Der Täter kann sein Publikum dank Social Media inzwischen direkt ansprechen, an den traditionellen Medien vorbei. Somit fehlt jede Einordnung. Und das führt schnell zu einer Verrohung. Man sollte sich nichts vormachen: Auch vor dem Internet gab es Gewaltfotos und -Videos, die weitergegeben wurden. Aber man hat damit nicht so viele Leute auf einmal erreicht. Und man weiß natürlich nie, wer sich den Livestream heute anschaut und womöglich zum Nachahmer wird.    

FRAGE Der bayerische Innenminister Joachim Hermann, aber auch zahlreiche andere Politiker haben die AfD nach dem Anschlag von Halle als »geistige Brandstifter« bezeichnet. Die Partei weist das von sich. Trägt die AfD eine Mitschuld?

Natascha Strobl Ja. Es ist natürlich schwer, persönliche Schuldigkeiten auszumachen. Und ich glaube einzelnen Personen auch, dass sie das, was in Halle passiert ist, so nicht wollten. Aber man muss sich natürlich fragen, was die Folge ist, wenn man bestimmte Menschengruppen nur noch als Tiere oder Parasiten sieht. Da braucht man sich nicht wundern, wenn irgendwann jemand kommt, der sagt: »Ihr könnt es weiter mit politischen Lösungen versuchen. Ich wähle einen anderen Weg, diese Menschen zu beseitigen.« Und »beseitigen« heißt in diesem Fall: Mord.

FRAGE Welche Verantwortung tragen Journalisten mit ihrer Berichterstattung an dieser Tat?

Natascha Strobl Journalisten sollten den Rechten nicht auf den Leim gehen. Denn jedes von deren Bildern, jede Aussage soll etwas bewirken und ist genau überlegt. Man sollte sich als Journalist deshalb immer genau anschauen: Was passiert hier? Was soll bezweckt werden? Und sich dann fragen: Ist es mir das wert, für die Schlagzeile, für die Klicks diese rechtsextreme Logik zu befördern? Oder widerstehe ich dem schnellen Aufreger, dem Skandal? Letzeres wäre so wichtig. Aber leider funktionieren viele Medien nach genau der entgegengesetzten Logik.

FRAGE Welche Fehler sollten Journalisten in so einem Fall unbedingt vermeiden?

Natascha Strobl Erstens: Sie sollten den Namen des Täters nicht nennen. Zweitens: Sein Bild nicht zeigen. Drittens: Seine Aussagen nicht als wörtliches Zitat widergeben ohne es einzuordnen. Denn das ist so ähnlich, als würde man den Täter nach der Tat zu seinem “Manifest” interviewen. Man kann solche Aussagen natürlich bringen. Aber wenn da steht “xy sagt, die Geburtenrate in Europa ist zu niedrig”, dann sollten Journalisten erklären, was das bedeutet: Dass dieser Täter glaubt, Frauen seien nur dazu da, völkisch wünschenswerte Kinder in die Welt zu setzen. Dass eine Frau also nur dann einen Wert hat, wenn sie ihrer Funktion in Bezug auf das Volk gerecht wird. Da müsste man also sehr, sehr viel Aufklärungsarbeit reinstecken.  

FRAGE Sollten Journalisten dem Täter überhaupt so viel Aufmerksamkeit einräumen? Oder sollten sie sich lieber auf die Opfer konzentrieren?

Natascha Strobl Die Opfer sollten im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen. Das ist auch wichtig, damit klar wird: Das sind Menschen gewesen und keine Zahlen in einem Computerspiel. Aber ich halte es dennoch auch für wichtig, darüber zu berichten, was den Täter bewegt hat: Wie hat er gesprochen? Erleben wir diese Sprache anderswo auch noch? Und: Was hat dazu beigetragen, dass er zu den Waffen griff? Es ist wichtig zu verstehen, was einen Menschen zum rechtsextremen Attentäter macht, um solche Taten in Zukunft vielleicht verhindern zu können.

 

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