EREN GÜVERCIN

»Der Be­griff 'Mittel­alter' war von An­fang an po­le­misch.«

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Thomas Bauer ist Professor für Islamwissenschaft und Arabistik an der Universität Münster. (Foto: Exzellenzcluster »Religion und Politik« der Universität Münster)


Strenggläubigen Muslimen wird oft vorgeworfen, sie wollten »zurück ins Mittelalter«. Der Islamwissenschaftler und Arabist Thomas Bauer hat ein Buch drüber geschrieben, warum das Unsinn ist. Ein Gespräch über polemische Geschichtsbegriffe und darüber, warum Afghanistan im 14. Jahrhundert durchaus lebenswert war.


Ein Interview von Eren Güvercin

FRAGE Professor Bauer, in der öffentlichen Debatte ist immer wieder zu hören, dass der Islam die Aufklärung nachholen müsse. Was halten Sie von dieser These?

THOMAS BAUER Für mich ist das eine sehr undifferenzierte Betrachtung der Aufklärung. Dahinter steht das Geschichtsbild, dass Europa aus den Schritten Antike, Renaissance, Reformation, Aufklärung und Moderne entstanden ist. Das ist eine grobe Vereinfachung, zumal das Mittelalter da immer ausgeblendet wird — das übrigens auch nicht so finster war, wie es oft heißt. Vor allem ist es eine verrückte Idee, dass andere Kulturen genau diese europäische Geschichte nachvollziehen müssen, um dann in der Moderne anzukommen. Wenn wir uns die europäische Geschichte nach der Aufklärung anschauen — vor allem die Geschichte des 20. Jahrhunderts – ist das keine sehr ermutigende Perspektive. Dann müsste die islamische Welt auch den Nationalsozialismus und den Stalinismus nachvollziehen. Das wollen wir bestimmt nicht.

FRAGE Sie halten schon mit Blick auf Europa nicht viel von dem Begriff »Mittelalter«. Warum nicht?

THOMAS BAUER Immer wieder liest man in Zeitungen, dass die Leute im Mittelalter geglaubt hätten, die Erde sei eine Scheibe. Und dass man im Mittelalter Hexen verbrannt hat. Das stimmt so nicht, denn das passierte erst gegen Ende des Mittelalters und zum Anfang der frühen Neuzeit. Hinzu kommt, dass die Zeit um 600 in Europa eine völlig andere Zeit war als die um 1400. Beides in eine Epoche zwängen zu wollen, ist deshalb völlig sinnlos.

FRAGE Wie ist das mit Blick auf die islamische Welt: Wie sinnvoll ist der Begriff hier?

THOMAS BAUER Hier macht er sogar noch weniger Sinn. Denn in der islamischen Welt gab es den Bruch zwischen Antike und Neuzeit so gar nicht. Die antiken Wissenschaften, die antike Philosophie aber auch die Alltagskultur — von der Architektur über die Badekultur — all das lebte im östlichen Mittelmeer und in der iranischen Region ungebrochen fort. Archäologen tun sich heute sogar schwer damit zu bestimmen, ob ein Gebäude aus spätantiker oder frühislamischer Zeit ist. Wir sehen hier Kontinuität, wo wir in Europa häufig einen Bruch haben. In Europa sind die antike Philosophie und Wissenschaft aber sehr weit in Vergessenheit geraten, ehe sie ab dem 11. Jahrhundert in Europa wieder aufleben.

FRAGE Sie schlagen vor, den Begriff gleich ganz abzuschaffen. Warum?

THOMAS BAUER Der Begriff »Mittelalter« war von vorne herein ein polemischer Begriff: Er wurde geprägt, um das, was früher war, zu diffamieren. Man wollte damit sagen, »wir sind jetzt wieder bei der Antike angekommen und lassen diese wieder aufleben«. Ein Begriff, der von Anfang an negativ konnotiert war, ist wenig tauglich, um eine Epoche objektiv zu beschreiben. Daran ändert auch nichts, dass Historiker sehr wohl wissen, dass das Mittelalter anders war als es der breiten Meinung entspricht. Denn die negativen Konnotationen leben im allgemeinen Sprachgebrauch ja trotzdem fort. Noch viel fragwürdiger scheint es mir aber, einen Epochenbegriff, den man für die europäische Geschichte geprägt hat, auf ganze andere Weltregionen zu übertragen.

FRAGE Wie kam es dazu, dass heute so häufig die Rede von einem islamischen Mittelalter ist?

THOMAS BAUER Wie gesagt, der Begriff des Mittelalters war von Anfang an ein negativer, ein diffamierender. Vermutlich hat man deshalb angefangen, immer wenn schreckliche Dinge in islamischen Ländern geschehen — und es geschehen ja bekanntlich sehr viele — zu sagen: »Die wollen zurück ins Mittelalter.« Auch mit Bezug auf die Herrschaft der Taliban in Afghanistan hieß es ja immer, die wollen zurück ins Mittelalter. Ich habe dann einmal gesagt, einer Stadt wie Herat in Afghanistan könne gar nichts besseres passieren. Die Verhältnisse, die im 13. und 14. Jahrhundert dort herrschten, waren deutlich besser als heute.

FRAGE Andererseits sieht man auch in der islamischen Welt einen Blick auf die eigene Geschichte, der fragwürdig ist. In den letzten Jahren ist etwa in der Türkei eine ganze Serienindustrie entstanden, die mit aufwändig produzierten Fernsehserien ein romantisiertes Geschichtsbild vermitteln will.

THOMAS BAUER Geschichte dient immer auch der Identitätskonstruktion. Da kommt es immer auch zu Umwertungen, die politisch in den Dienst gestellt werden. Das ist für die islamische Geschichte in mehrfacher Hinsicht interessant. Zum einen hat man in der islamischen Welt sehr schnell die ursprünglich kolonialistische Idee übernommen und verinnerlicht, dass es ab dem Mongolenstrum 1258 eine endlos lange Niedergangsepoche gegeben habe. Es war weit verbreitet, damit auch die prekäre Situation in dieser Weltgegend seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zu rechtfertigen. So konnte man ein »goldenes Zeitalter« konstruieren, zu dem man nur zurück müsse, damit alles wieder gut wird. Diese Konstruktion hatte verheerende Folgen. Zunächst einmal hat man eine goldene Epoche arabischer Kultur, nämlich die Zeit der Ayyubiden- und Mamlukenzeit, abgewertet und sich überhaupt nicht mehr damit beschäftigt. Und zum anderen hat dieses Geschichtsbild zu bestimmten Ideologisierungen geführt.

FRAGE Welche Ideologisierungen meinen Sie?

THOMAS BAUER Für pro-westliche Liberale im Nahen Osten ist das goldene Zeitalter das neunte Jahrhundert nach Christus. Damals wurde die griechische Philosophie ins Arabische übersetzt, alles andere ist schlecht. Für die Islamisten ist das siebte Jahrhundert das goldene Zeitalter, weil der Prophet damals noch unter Menschen weilte. Also muss man dahin zurück. Beides hilft nicht, die Gegenwart zu bewältigen. Ähnliches gilt für die Türkei, wo der Erinnerung an das Osmanischen Reich von den Kemalisten auch lange unrecht getan wurde. Jetzt schlägt das Pendel auf einmal ins Gegenteil um. Da sieht man, wie schwer es für Historiker ist, ein einigermaßen realistisches Bild zu bewahren.

FRAGE Sie haben ein preisgekröntes Buch darüber geschrieben, dass der Islam mit Vielfalt und Ambiguität lange sehr gut umgehen konnte. Warum ist von dieser Ambiguitätstoleranz heute nur noch so wenig zu spüren?

THOMAS BAUER Es gibt mehrere Faktoren, die dazu geführt haben, dass die Ambiguitätstoleranz — also die Toleranz von Mehrdeutigkeit — weltweit abnimmt. Der Ursprung liegt wahrscheinlich in der europäischen Geschichte und den intensiven ideologischen und kriegerischen Auseinandersetzungen, die die Zeit von der Reformation bis zur Französischen Revolution geprägt haben. Diese Auseinandersetzungen haben letztlich auch zu den ideologischen Verwerfungen geführt, die wir im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beobachten konnten.

FRAGE Wie schwappten diese Entwicklungen in den Nahen Osten über?

THOMAS BAUER Es war genau die Zeit, in der die islamische Welt anfing, die europäische Dominanz wirklich wahrzunehmen und in der sie zugleich immer stärker von ihr betroffen war. So kam es zur Ablösung der traditionellen Elite, die noch gewohnt war, jedem Koranvers viele mögliche Bedeutungen zuzuweisen. Sie wurde ersetzt durch eine westlich geprägte Elite, die sich durch ihre Technikbegeisterung und ihre Ideologieanfälligkeit auszeichnete. Es kam zum Sieg des Nationalismus, des Panarabismus, also von nationalistischen Ideologien, in denen generell wenig Platz für Ambiguität ist. Die islamische Elite befand sich in einer Rückzugsposition. Sie fing nun ihrerseits an, möglichst eindeutige Positionen zu beziehen, um in diesem ideologischen Wettstreit mithalten zu können. So ging in der Religion die Ambiguitätstoleranz verloren. Sie nahm aber auch in der Bevölkerung ab. Denn die war nicht nur ideologisch dominiert, sondern lebte auch in einer zunehmend technisierten und bürokratisierten Gesellschaft. Diese Entwicklungen führten dazu, dass die Menschen begannen, Eindeutigkeit immer mehr als positiven Wert zu empfinden.

FRAGE Sie haben von Technikbegeisterung gesprochen. Ingenieure und Mediziner gehören auffällig oft zu den Führungsfiguren in dschihadistischen Organisationen. Gibt es hier einen Zusammenhang?

THOMAS BAUER Ich denke schon. Vielleicht vorab: Ambiguitätstoleranz ist nicht immer etwas Positives. Wer von uns möchte schon in ein Flugzeug steigen, wo der Pilot sagt, ich weiß auch nicht so recht, was passiert, wenn ich jetzt diesen Hebel bediene. Ein Ingenieur darf und soll keine Mehrdeutigkeiten seiner Maschinen erlauben. Das ist völlig richtig so.

Interessant ist aber, warum so viele Ingenieure, Ärzte und Techniker in islamischen Ländern glauben, sie müssten Eindeutigkeit auch dort schaffen, wo sie eigentlich nicht hingehört. Deshalb haben wir gerade innerhalb der radikaleren Strömungen eine merkwürdige Dominanz von Ingenieuren und Technikern. Gleichzeitig gibt es hier einen erstaunlichen Mangel an traditionell ausgebildeten Islamgelehrten, die das — von wenigen Ausnahmen abgesehen — nicht mitmachen würden.

FRAGE Sie haben einmal in einem Interview gesagt, dass das Islambild von Islamkritikern sich oft kaum von dem der Islamisten unterscheide. Wie kommen Sie zu dieser Aussage?

THOMAS BAUER Wenn man liest, was Islamkritiker über den Islam schreiben, würde ich das immer noch so vertreten. Das fängt damit an, dass über »den« Islam geschrieben wird, der über alle Zeiten gleich ist, weil er ein bestimmtes Wesen hat, das sich nie verändert. Hinweise auf die völlig unterschiedliche historische Entfaltung islamischer Gesellschaften werden ignoriert. Das entspricht genau dem, was Islamisten sagen, für die es auch »den« Islam gibt, der sich seit der Zeit des Propheten nicht verändert hat. Auch hier wird die ganze historische Entwicklung — die Ausdifferenzierung in der Theologie, der Koranexegese, der Jurisprudenz — aber auch die säkulare Kultur islamischer Gesellschaften entweder nicht beachtet oder als großer Irrtum und Abweichung von der Norm betrachtet. In diesem Bild eines statischen, in seinem Wesen ein für alle mal festgelegten Islams, ähneln sich Islamisten und Islamkritiker tatsächlich sehr. Sie unterscheiden sich nur darin, dass die einen das als Feindbild sehen und die anderen als wünschenswertes Bild. Recht haben sie aber natürlich beide nicht.

FRAGE Medial sind diese Arten von Islambildern sehr präsent...

THOMAS BAUER Es hat tiefere politische Gründe, dass sich der Islam als Gegenbild zum modernen Westen so sehr festgesetzt hat in den Hirnen der Menschen. Es entstand etwas, was eigentlich schon an sich eine absurde Idee ist, nämlich: »die Islamdebatte«. Es gibt keine andere Religion, die Gegenstand einer »Debatte« geworden ist. Es gibt keine Katholizismusdebatte, bei allem was über die katholischen Kirche debattiert wird. Da hat sich ein Freund-Feind-Schema herausgebildet, das inzwischen so verfestigt ist, dass es sehr schwer ist, das aufzubrechen. Es ist schwer geworden, zu einer neutralen Sicht zu kommen, die weder glorifizierend noch pauschal verurteilend ist.

Thomas Bauer, 56, ist Professor für Islamwissenschaften und Arabistik an der Universität Münster. Er forscht zu Themen wie Liebe, Tod, Sexualität und der Geschichte der klassischen arabischen Literatur. 2018 erschienenen von ihm der Essay »Die Vereindeutigung der Welt« und das Buch »Warum es kein islamisches Mittelalter gab: Das Erbe der Antike und der Orient«. 2013 wurde Bauer mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis ausgezeichnet, dem bedeutendsten deutschen Forschungsförderpreis.

 

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