Julia Ley

»Für Nazis gibt es keine schlechte Presse«

Felix Benneckenstein hilft heute anderen Rechtsextremisten beim Ausstieg. (Foto: privat)

 

Felix Benneckenstein ist heute 34 Jahre alt. Knapp ein Drittel seines Lebens hat der gebürtige Bayer in der Neonazi-Szene verbracht. Als Liedermacher Flex produzierte er antisemitische Musik, leugnete den Holocaust und verbreite rechtsradikale Propaganda. Vor knapp zehn Jahren verließ Benneckenstein die Szene. Heute hilft er mit seiner Organisation »Aussteigerhilfe Bayern« anderen Neonazis dasselbe zu tun. Welche Medien nutzte er selbst damals? Welchen Einfluss hatten Berichte etwa über kriminelle Migrant:innen auf sein Weltbild? Und wie nimmt er die Berichterstattung über Rechtsradikale heute wahr?


Ein Interview von JULIA LEY

 

Felix, du bist als Jugendlicher in die rechte Szene reingeraten, hast den Holocaust geleugnet und einen Bürgerkrieg herbeigesehnt, um Deutschland im Anschluss wieder aufzubauen – ohne »Ausländer«. Welche Medien liest man, wenn man so denkt?

Ich habe mich recht viel aus offiziellen Quellen informiert. Damals gab es noch nicht so viele »alternative« Nachrichtenseiten wie heute. Also war man auf den Mainstream angewiesen. Ich habe damals quasi täglich die Süddeutsche Zeitung gelesen, weil ich ein Probeabo hatte, das irgendwie nie gekündigt wurde. Den Begriff »Lügenpresse« gab es damals noch nicht, aber ich habe die SZ immer mit der Propaganda-Brille gelesen. Wenn mir eine Nachricht nicht gefallen hat, habe ich gedacht: »Typisch, Medienhetze!« Aber das, was in mein Weltbild gepasst hat, habe ich geglaubt.

Heute spielt Social Media eine große Rolle bei der Radikalisierung junger Menschen. Und damals?

Als ich Anfang der 2000er-Jahre in die Szene geriet, gab es kaum Social-Media-Plattformen. Aber man hat andere Kanäle benutzt, um seine Ideologie zu verbreiten. Ich habe ab 2007 eine Webseite mit dem Namen »polizeigewalt.info« betrieben. Die hatte das Ziel, unabhängig zu wirken, aber eigentlich ging es darum, gegen den Staat zu wettern. Ich habe die Meldungen zum großen Teil aus offiziellen Quellen bezogen und einfach mit einem anderen Dreh versehen. Teilweise habe ich sogar Meldungen über Polizeigewalt gegen Linke veröffentlicht. Es war absurd.

Wissenschaftler sagen, dass die Art und Weise wie Medien über Minderheiten berichten, Einfluss darauf hat, wie diese wahrgenommen werden - vor allem, wenn Menschen ansonsten keinen Kontakt zu diesen Minderheiten haben. Wie war das bei dir?

Es gibt sicherlich Leute, die über die Ängste vor vermeintlich Fremden zum Rechtsextremismus kommen. Andersherum geht das aber genauso: Man eignet sich zuerst die Ideologie an und kommt dann zu der Überzeugung, dass die »Ausländer« wegmüssen. Man erklärt sich auch selbst zu einer Minderheit. Als national denkender Deutscher meint man ja auch bekämpft zu werden. Du fühlst dich, als ob du dich wehren musst, ähnlich wie die Black Lives Matter-Bewegung.

Wie bitte? Wie die Black Lives Matter-Bewegung?

Ich glaubte damals unterdrückt zu werden, weil ich weiß war und für die eigene Freiheit und die meiner Kinder einstand. Ich wollte verhindern, dass die später einmal geschlagen werden, nur weil sie weiß sind. So sah ich mich.

Auch die Attentäter von Christchurch, Halle und Hanau haben sich bedroht gefühlt: weil «Eliten» dabei seien, die »einheimische« Bevölkerung durch Muslim:innen und Geflüchtete zu ersetzten.

Das Denken ist extrem ähnlich wie bei uns damals. Dahinter steht die These, dass ein Volk nur als Einheit wehrhaft ist. Deshalb wollen «die da oben» – das ist die Logik – dass die Völker sich durchmischen: Damit sie sich nicht mehr wehren können. Das knüpft an die Idee vom »Volkstod« an: dass ein bestimmtes Aussehen ausstirbt. Das ist natürlich totaler Bullshit, aber die Theorie ist extrem gefährlich. Denn der Prozess ist ja nicht umkehrbar. Es werden jeden Tag mehr Menschen geboren, die anders aussehen, als man - aus dieser Sichtweise - als Deutscher auszusehen hat. Wenn du von dieser Theorie besessen bist, dann bleibt dir fast nur noch ein Terroranschlag, um dich zu »wehren«. Denn es wird ja jeden Tag schlimmer.

Wie war das bei dir? Woher hattest du dieses Weltbild?

Bei mir war es verrückt: Meine Mutter hat einen dunkelhäutigen Vater, einen GI-Soldaten. Den habe ich nie kennengelernt, aber das wäre ein Problem gewesen, wenn die Kameraden ein bisschen genauer hingeschaut hätten. Bis ich 13 war, war ich in Sachen Rassismus unbedarft. Ich habe mir diesen Teil des Weltbilds dann mit sehr viel Willen angeeignet, als ich über den Rechtsrock in die Szene kam. Es gab damals immer wieder Konflikte mit türkeistämmigen Jugendlichen im Ort. Da hieß es auch mal »du deutscher Wichser« oder »du Jude«. So konnte ich mir einreden: »Das ist alles nur passiert, weil wir Multikulti haben. Sonst hätte es das nicht gegeben.« Als ich später die Schule abbrechen musste, waren auch daran die anderen schuld: »Für solche Leute haben die Lehrer immer Zeit, aber einer wie ich fliegt von der Schule.«

Wie hast du damals über Menschen mit anderer Hautfarbe gedacht?

Definitiv abwertend – was ich heute natürlich anders sehe. Auch damals hätte ich mich selbst aber nicht als hasserfüllt empfunden. Meine Brücke war der »Ethnopluralismus«, der unter neurechten Bewegungen sehr beliebt ist: Also der Gedanke, dass jede Ethnie fein säuberlich voneinander getrennt nach ihrer Façon glücklich werden soll. Damit kann man seine Haltung vor sich selber rechtfertigen, denn man bewertet die Menschen ja nicht schlecht. Es geht ja nur darum, dass jeder bei sich zuhause bleibt. Andererseits: Es ist definitiv auch bei mir Verachtung dabei gewesen. Bei meinen Auftritten als Liedermacher wurde alles Mögliche gesagt, bis hin zu den dümmsten Sprüchen: »Afrika für Affen«, sowas ist mir durchaus über die Lippen gegangen. Zugleich habe ich vermieden, die Sache zu Ende zu denken. Wir wollten Bürgerkrieg und Neuanfang, aber die Frage »Was passiert mit den Anderen in so einem Szenario?«, habe ich mir lieber gar nicht erst gestellt. Ich wollte nicht, dass denen was Schlechtes passiert – denn ich wollte ja vor mir selbst gut dastehen können. Das ist so eine Art arrogante Ignoranz.

Immer wieder kommt die Frage auf, welche Mit-Verantwortung Medien an rassistischen Ressentiments bis hin zu rechter Gewalt tragen. Würdest du sagen, einseitige Berichterstattung hatte einen Einfluss auf dein Denken?

Wenn ich etwa Berichte über kriminelle Migrant:innen gelesen habe, fühlte ich mich in meinem Weltbild bestätigt: »Wir haben es ja schon immer gesagt und jetzt ist es zu spät«. Ich würde sagen, einseitige Berichterstattung kann schon große Auswirkungen haben, vor allem auf stumme Sympathisanten. Es gab ja auch nach der Silvesternacht in Köln 2016 Menschen, die davor nicht aktiv waren und sich dann  berufen fühlten, auf die Straße zu gehen, um andere zu »beschützen«.

Das kann also zur Radikalisierung beitragen?

Definitiv, das gibt es häufig, dass Leute, die vorher zum beruflichen Wohle ruhig waren, plötzlich durchdrehen. Das sieht man ja auch jetzt bei Attila Hildmann oder Xavier Naidoo. Die bekommen ab einem bestimmten Punkt das Gefühl: »Jetzt sind so viele Leute auf meiner Seite, das ist mehrheitsfähig. Das System ist kurz vor dem Fall.« Die denken dann, sie werden für diese Meinungen nicht mehr sanktioniert.

Wie hast du die Berichterstattung über dich und deine «Kameraden» damals wahrgenommen?

Ein Pressebericht konnte mich nur bestätigen. Entweder er hat das wiedergeben, was ich inhaltlich verbreiten wollte. Oder er hat mich – wie einmal geschehen – als »braunen Wirrkopf« bezeichnet. Dann habe ich mir halt gedacht: »Was sollen sie auch sonst schreiben, diese Lemminge, diese Systemlinge?« Michael Kühnen, ein Anführer der deutschen Neonazi-Szene in den 1980er Jahren, hat es mal so formuliert: »Um beliebt sein zu können, müssen wir erstmal bekannt sein.« Da hält sich die Szene bis heute dran. Für Nazis gibt es keine schlechte Presse.

Habt ihr damals auch versucht, Medien zu beeinflussen?

Wir wollten Bilder produzieren. Deswegen haben wir Demos in Städten wie Göttingen oder Stuttgart angemeldet. Das sind Städte, in denen es knallt, wenn da Neonazis aufmarschieren. Aber das waren die Bilder, die wir wollten. Im besten Fall wurden wir auch noch von der Polizei verprügelt, um hinterher sagen zu können: »Linke und Staat erklären uns den Krieg. Was sollen wir denn machen? Wir tun keinem was und werden die ganze Zeit angegriffen. Und die Medien berichten darüber nicht.«

Aus einem ähnlichen Grund - um sich nicht von Terroristen für ihre Propaganda einspannen zu lassen - sprechen sich manche Expert:innen dafür aus, nicht mehr über Terroranschläge zu berichten. Was hältst du davon?

Das ist eine Idee von vorvorgestern. Es ist leider so, dass man sich in der heutigen Zeit die Bühne selber schaffen kann. Wenn jeder Attentäter seine Tat heute livestreamen und damit ein paar Millionen Klicks holen kann – dann hilft Nicht-Berichten nicht. Natürlich: Die Opferperspektive muss hohen Rang haben. Aber ich finde es gut, wenn die Tat eingeordnet wird, ohne den Täter laufend zu zitieren.

Wie sollten Journalist:innen über Rechte und Rechtsextreme berichten?

Man sollte Nazis entzaubern. Den Mythos zerstören. Wenn der Halle-Attentäter nicht zwei Menschen getötet hätte, dann könnte man über den doch nur lachen: Der baut sich jede Menge Waffen, keine davon funktioniert, am Ende schießt er sich selbst die Reifen kaputt. Das ist doch so weit weg von dem, wie er sich selber sieht. Stattdessen tragen Journalist:innen oft noch zur Verzauberung bei.

Inwiefern?

In Porträts über Nazis lese ich immer wieder, wie intelligent die doch sind. Das sind aber meistens keine superintelligenten Menschen. Sie sind einfach nur nicht so dumm, wie der Journalist oder die Journalistin es erwartet hätte. Das sollte man dann aber bitte auch so schreiben.

Sollte man rechte Politiker in Talkshows einladen?

Schwierig. Meiner Meinung nach hätte man sie schon früher ignorieren müssen. Heute kann man die AfD nicht mehr einfach weglassen, bei dem Wahlpublikum, das sie haben. Journalist:innen hätten aus meiner Sicht früher mehr Rechtskonservative einladen sollen, anstatt sie zu Nazis zu erklären. Jetzt macht der RBB eine Stunde Sommerinterview mit echten Neonazis wie Andreas Kalbitz, dem ehemaligen Landesvorsitzenden der AfD Brandenburg, der mal Mitglied der rechtsextremen »Heimattreuen Deutschen Jugend« war. So landen solche Leute in der gleichen Kategorie wie ein Herr Bosbach von der CDU. Das ist eine ganz gefährliche Vermischung: Wenn man einen Moderaten einlädt, dann gibt man der ganzen Partei einen gemäßigten Anschein. Wenn man einen Radikalen einlädt, gibt man einem Extremisten eine Bühne. Ich weiß auch nicht, was richtig ist. Aber: Wenn man Rechtsextreme einlädt, sollte man einen Plan haben, warum man das tut.

 

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