Deutschpflicht für Religionsbedienstete

»Diese Ent­schei­dung kommt 40 Jah­re zu spät«

Prof. Dr. Rauf Ceylan ist Sozial- und Religionswissenschaftler an der Universität Osnabrück. Im Juni 2019 erschien bei der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG) seine Expertise zur Imamausbildung in Deutschland.

Das Bundeskabinett hat beschlossen, dass alle ausländischen Religionsbedienstete künftig vor der Einreise hinreichende deutsche Sprachkenntnisse nachweisen müssen. Wir haben mit dem Religionssoziologen Prof. Dr. Rauf Ceylan gesprochen, was dieser Beschluss konkret für die muslimischen Religionsbediensteten bedeutet, ob diese Regelung ausreicht und was darüber hinaus notwendig ist.

Ein Interview von Eren Güvercin

FRAGE Herr Prof. Ceylan, wie bewerten Sie die Pläne der Bundesregierung, dass religiöses Personal aus dem Ausland in Zukunft genügend Sprachkenntnisse für die Arbeit in Deutschland nachweisen sollen?

RAUF CEYLAN Grundsätzlich ist es positiv, dass alle Religionsbedienstete der unterschiedlichen Religionsgemeinschaften Deutschkenntnisse nachweisen müssen. Allerdings übe ich zwei Kritiken aus: Zum einen hätte diese Regelung zu Beginn der 1980er Jahre eingeführt werden müssen, als der verstärkte Import der Religionsbediensteten begann. Zum anderen sollte die Politik den Fokus auf das tatsächliche Problem legen: Und zwar die Voraussetzung für eine Imamausbildung in Deutschland zu schaffen.

FRAGE Diese Entscheidung kommt also zu spät?

RAUF CEYLAN Ja, diese Entscheidung kommt fast vierzig Jahre zu spät.

FRAGE Was für Auswirkungen werden diese Pläne auf die Entsendung z.B. der Imame aus der Türkei haben?

RAUF CEYLAN Tatsächlich wird die neue Regelung quantitativ gesehen vor allem die Imame aus der Türkei tangieren. Doch auch hier vergisst man, dass beispielsweise die Imame der DIYANET-Behörde nicht nur eine kulturelle Fortbildung im Herkunftsland genießen, sondern auch Deutschkurse belegen müssen. Deutsche Stiftungen wie das Goethe-Institut und die Konrad-Adenauer-Stiftung kooperieren zudem seit Jahren mit der türkischen Religionsbehörde. Insofern wird man auf das Postulat der Bundesregierung entsprechend reagieren.

FRAGE Kritiker meinen, dass die Deutschpflicht alleine nicht reicht. Was braucht es darüber hinaus?

RAUF CEYLAN Wir müssen im Grunde die Zielsetzung des Wissenschaftsrats umsetzen, nämlich religiöses Betreuungspersonal in Deutschland ausbilden. Mittlerweile bestehen sechs Institute für Islamische Theologie in Deutschland. Das siebte Institut soll in Paderborn gegründet werden. Daher meine Frage: Wo sollen die vielen hunderte Theologinnen und Theologen tätig sein? Nur ein Bruchteil dieser jungen Menschen möchte in den Moscheegemeinden tätig sein, weil schlicht die Finanzierung und die praktische Ausbildung nicht gewährleistet sind. Wir am Standort Osnabrück arbeiten daher derzeit intensiv daran, mit den Gemeinden gemeinsam eine Lösung zu finden, in dem wir ein Imamseminar gründen wollen.

FRAGE Warum hakt es immer noch an einer Etablierung einer Imamausbildung in Deutschland? Was kann der Staat, was müssten die muslimischen Organisationen dazu beitragen?

RAUF CEYLAN Zunächst müsste erörtert werden, welche Gemeinden überhaupt ein Interesse an einer Imamausbildung haben. Dann muss man ein Trägerverein mit dem Ziel einer Gründung eines Imamseminares schaffen. Ein Anschubfinanzierung seitens des Staates wird in der Anfangsphase unumgänglich sein. Langfristig müssen aber die Gemeinden selber für die Finanzierung ihrer Imame sorgen.

FRAGE Warum haben muslimische Verbände von sich aus nicht längst die Realitäten und veränderten Bedürfnisse in den Gemeinden wahrgenommen und dementsprechende Veränderungen vorgenommen?

RAUF CEYLAN Probleme können nur gelöst werden, wenn Probleme erkannt werden. In diesem Zusammenhang ist ein sich wiederholendes Muster zu erkennen: Erst beginnt der politische Diskurs über Herausforderungen für die muslimische Community, erst dann treten die muslimischen Organisationen in die Diskussion ein. Ein innerislamischer Diskurs fehlt, in der man selbst Herausforderungen identifiziert, gemeinsam an Lösungen arbeitet und damit Transformationsprozesse antizipiert. Solange das nicht realisiert wird, werden wir das gewohnte Muster immer wieder erleben.

 

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