Serie: Berichterstattung über antimuslimische Übergriffe

Aufklärung Framing Islamfeindlichkeit Islamkritik Rechtspopulismus

Nermin Ismail

»Die Lehren aus dem Nationalso­zialismus müssen breiter gedacht werden«

Natalia Amina Loinaz leitet bei dem Berliner Verein Inssan e.V. das Mentor_innenprojekt Wegweiser. (Foto: Perihan Durkaya)

 

Seit Jahren warnen Muslime und deren Organisationen vor einem erstarken Rechtsextremismus im Land. Dennoch drangen Sie mit ihren Warnungen lange nicht durch. Erst mit dem Mord an Walter Lübcke und dem Anschlag von Halle scheint sich das allmählich zu ändern, Rechtsextremismus erfährt eine neue Aufmerksamkeit. Woran liegt es, dass antimuslimische Hate Speech und Übergriffe in vielen Medien lange kaum Erwähnung fanden? Hat sich daran jetzt etwas geändert? Und was können Muslime selbst dafür tun, um auf diese Probleme aufmerksam zu machen? Das haben wir eine Aktivistin, eine Forscherin und zwei Journalisten gefragt. Im ersten Teil der Serie sprach BLIQ mit Matthias Drobinski, Redakteur für Glaubensthemen bei der Süddeutschen Zeitung. Im zweiten Teil kam Sabine Schiffer, 53, Sprachwissenschaftlerin und Medienpädagogin, zu Wort.

Im dritten Teil sprach Nermin Ismail nun für BLIQ mit Natalia Amina Loinaz, die bei dem Berliner Verein Inssan e.V. das Mentor_innenprojekt Wegweiser leitet. Inssan e.V. setzt sich als sozialer Träger seit 2002 für eine Stärkung und Partizipation von Muslim*innen in Deutschland ein, ist Träger des Netzwerks gegen Diskriminierung und Islamfeindlichkeit und Mitglied des »Bündnisses gegen Berufsverbot«, das sich für eine Abschaffung des Berliner Neutralitätsgesetzes einsetzt.


Ein Interview von Nermin Ismail

 

FRAGE Frau Loinaz, woran liegt es, dass Vorfälle von antimuslimischem Rassismus medial nur wenig Beachtung finden?

NATALIA LOINAZ Es gibt dafür vielerlei Gründe, die wir aus unserer Antidiskriminierungs-Arbeit heraus erkennen können. Zum einen ist da die Frage der öffentlichen Empörung, die ist grundlegend. Wenn Medienschaffende nicht erwarten, dass ihre Berichterstattung über antimuslimische Angriffe für gesellschaftliche Empörung sorgt, wird diesen Meldungen auch weniger Platz eingeräumt. Die gesellschaftliche Empörung bleibt auch deswegen aus, weil »der Islam« und »die Muslim*innen« weiterhin als »Fremde« und »Andere« wahrgenommen werden. Solange es dieses "Othering" gibt, das auch in den Medien selbst stattfindet, wird auch antimuslimischer Rassismus nicht entsprechend angeprangert werden.

FRAGE Welche Konsequenzen folgen für Sie daraus?

NATALIA LOINAZ Das heißt: Es muss sich erst einmal in der Sprache und Berichterstattung über Muslim*innen etwas ändern. Ein Beispiel: Nach den Wahlen in Thüringen wurde der Wahlsieg der AFD in den Tagesthemen mit der Angst vor »fremden Menschen« und »fremden« Religionen erklärt. Solange Menschen, die in Deutschland geboren sind oder bereits lange hier leben, weiterhin zu »Fremden« erklärt werden, wird auch der Aufschrei über die Angriffe auf sie ausbleiben.

FRAGE Welche Erfahrung haben Sie als Mitarbeiterin von Inssan e.V. mit dieser Thematik gemacht?

NATALIA LOINAZ Wir sammeln und dokumentieren Diskriminierungsmeldungen von Muslim*innen und wir beraten Betroffene von antimuslimischem Rassismus dabei, ihre Rechte einzufordern. In vielen Medien ist das Interesse an dieser Arbeit und den Themen, die Muslim*innen selbst bewegen, jedoch vergleichsweise gering - dazu gehören für mich auch die vielen Vorfälle von antimuslimischem Rassismus.

Negativerscheinungen in der muslimischen Community werden von Journalisten hingegen viel stärker wahrgenommen und auch häufiger behandelt. Selbst in Formaten, wo wir als Interviewpartner angesprochen werden, sind wir Muslim*innen im Ergebnis oft unterrepräsentiert; dagegen dominieren Formate, wo »Islamkritiker« interviewt werden. Daher plädiere ich für mehr eigene Medienformate und mehr Zusammenarbeit mit Formaten, die diesem Negativbild etwas entgegensetzen.

FRAGE Andere Formen von Rassismus, wie etwa antisemitische Ausfälle und Übergriffe auf Jüd*innen, finden in vielen deutschen Medien mehr Beachtung. Woran liegt das?

NATALIA LOINAZ Die deutsche Erinnerungskultur ist geprägt von einem klaren: »Nie wieder!« Diese Botschaft wird jedoch oft verkürzt auf den Antisemitismus gedacht. Ich meine: Wir müssen ein neues Wir kreieren, in dem jede Form von Ausgrenzung, Diskriminierung, Antisemitismus, Rassismus geächtet wird. Die Menschen dafür zu sensibilisieren kann aber nur gelingen, wenn die Lehren aus dem Nationalsozialismus breiter gedacht werden. Dafür müssen wir die Erinnerungskultur multiperspektivisch angehen, gerade in einer postmigrantischen Gesellschaft.

Deshalb haben wir dieses Jahr das Projekt “Manara” gestartet. Dabei bilden wir junge Menschen mit Fluchterfahrung oder Migrationsgeschichte zu Multiplikator*innen aus, die Wissen zu den Themen Antisemitismus, Rassismus, Antidiskriminierung und Erinnerungskultur in ihre eigenen Communities hinein weitervermitteln können. Wichtig ist uns, dass junge Muslim*innen mit und ohne eigene Fluchterfahrung einen Bezug zur deutschen Erinnerungskultur entwickeln und sie als Teil ihrer Identität begreifen, um sich gegen Antisemitismus und Rassismus in allen seinen Formen aktiv gegen anzugehen.

FRAGE Was würden Sie sich von der Politik diesbezüglich wünschen?

NATALIA LOINAZ Das Problem von Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus müssen wir als ein gesellschaftliches Gesamtproblem betrachten und mit verschiedenen Instrumenten und gezielten Projektförderungen angehen. Das bedeutet für mich, dass die Politik in ihren Handlungsbefugnissen reagieren und mehr Gelder in die Projektförderungen für die Arbeit von Aktivist*innen und ihren Organisationen in der Antirassismusarbeit stecken muss.

Besonders prekär sind die Zustände für Aktivist*innen im Bereich des antimuslimischen Rassismus - auch das wirkt sich auf die mediale Berichterstattung aus, wenn die Ansprechpartner*innen, die sich dafür zur Verfügung stellen können, an der Hand abzuzählen sind und die Ressourcen und Kapazitäten für die Öffentlichkeitsarbeit nicht ausreichen.

FRAGE Können Sie ein Beispiel geben?

NATALIA LOINAZ Wir selbst sind als Inssan e.V. von Kürzungen und Einsparungen an der falschen Stelle betroffen, wenn wir nach einer dreijährigen Förderung über das Bundesprogramm Demokratie Leben nicht weiter gefördert werden. Damit wird das Projekt »Nicht ohne meinen Glauben«, das sich explizit um das Empowerment der von antimuslimischen Rassismus Betroffenen und um die Sensibilisierung der Mehrheitsgesellschaft, auch durch unsere Öffentlichkeitsarbeit, Ende diesen Jahres ausläuft. Das halte ich für ein grundlegend falsches Signal an uns als Akteure und an die Gesamtgesellschaft über den Stellenwert von Antimuslimischen Rassismus als Problem aller in Zeiten eines Erstarken von Rechtspopulismus.

FRAGE Was würden Sie sich von Journalist*innen wünschen?

NATALIA LOINAZ Ich würde mir wünschen, dass Journalis*innen die Positionen von Muslim*innen gleichberechtigt darstellen. Und ich wünsche mir eigene Medienformate und Sendezeiten für eine selbstbewusste, diverse muslimische Community und dass diese als Mehrwert verstanden wird. Wenn Vielfalt sich in den Medien und bei den Medienschaffenden nicht widerspiegelt, ist unsere Demokratie gefährdet. Das müssen sich Journalist*innen stärker in Erinnerung rufen.

Außerdem würde ich mir mehr Mut wünschen in Bezug auf populistische Meinungsäußerungen von Politiker*innen. Journalist*innen sollte diese anprangern und ihnen keine Bühne bieten. Klar, es erfordert Mut, Höcke und co. weniger Sendezeit einzuräumen und ihre rassistischen Äußerungen nicht durch ständige Weiterverbreitung salonfähig zu machen. Doch dieser Mut ist alternativlos.

 

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