Orientalismus

Von Nabila Abdel Aziz

»Ich glaube, dass die Islam­debatte ein Tür­öffner für etwas Größeres ist.«

Ozan Zakariya Keskinkılıç ist Politikwissenschaftler und Lehrbeauftragter an der Alice Salomon Hochschule Berlin. (Foto: privat)
 

Was verrät die Islamdebatte über die, die sie so unablässig führen? Diese Frage hat sich Ozan Keskinkılıç in seinem neuen Buch »Die Islamdebatte gehört zu Deutschland« gestellt. Ein Gespräch über koloniale Kontinuitäten und die Ängste und Begierden der Mehrheitsgesellschaft in der Islamdebatte.

von NABILA ABDEL AZIZ

FRAGE In den letzten Jahren sind wahnsinnig viele Bücher über die Islam-Debatte erschienen. Was ist neu an deinem Buch?

OZAN Keskinkılıç An meinem Buch ist anders, dass der Blick umgedreht wird. Der Ausgangspunkt ist die Frage, was die Islamdebatte über Deutschland erzählt und eben nicht über die Muslime. Und dass sie eine sehr lange Tradition in Deutschland hat, die nicht kürzlich mit Geflüchteten aus Syrien oder der Ankunft der sogenannten Gastarbeiter auftauchte. Mein Buch beginnt für viele ungewöhnlich, nämlich mit einer Anekdote über Cem Özdemir, der 2017 im Bundestag sagte, das Menschenbild der AfD habe nichts mit dem Menschenbild der Bundesrepublik Deutschland zu tun. Die AfD würde nicht zu Deutschland gehören, weil wir in einem wunderbaren Land leben.

Dafür wurde er sehr bejubelt. Das hat mich gestört, weil man es sich damit zu einfach macht. Das Problem an den rechten Rand drängen, weg von »uns« als angeblich idealer Gesellschaft, ist keine gute Antwort auf den Rassismus. Letztendlich knüpfen Rechtspopulisten an etwas Bestehendes an. Darin lag mein Interesse: Warum gehört die AfD samt ihrem Weltbild eben doch zur deutschen Geschichte und Gegenwart? Mein Wunsch war es, zurückzuschauen, wie sich Islamdebatten in Deutschland entwickelt haben und wie sie in einem dezidiert kolonialen Zusammenhang entstanden sind.

FRAGE Was meinst du damit?

OZAN Keskinkılıç Schon vor 100 Jahren gab es ähnliche Debatten wie heute. Im Reichstag wurde schon Anfang des 20. Jahrhunderts über die Gefahr der »Islamisierung« diskutiert. Das ist kein neues Wort. Nur, dass es damals um deutsche Kolonien ging. Der Islam stand auf der Agenda der deutschen Kolonialkongresse. Wenigen ist bewusst, dass es eine dezidierte deutsche Kolonialgeschichte im Verhältnis zu Arabern und Muslimen gibt, die in deutschen Kolonien in Ostafrika gelebt haben. Schon damals war »die Islamisierung« ein Bedrohungsszenario und wurde als Hindernis für die vollständige Kontrolle der Kolonialgebiete gesehen. Die Debatte um den Islam war also schon da nur ein Vorwand, um bestimmte Machtinteressen zu forcieren. Und sie war auch schon damals ambivalent.

FRAGE Inwiefern? Der Islam wurde also nicht ausschließlich als Bedrohung gesehen?

OZAN Keskinkılıç Die Islamdebatte des Zweiten und Dritten Kolonialkongresses bot verschiedenen Akteuren eine politische Bühne, um ihre Interessen zu vertreten. Darunter waren Missionare, Politiker und auch Wissenschaftler. Es wurde auch gestritten. Man war sich nicht einig darüber, wie man mit dem Islam umgehen sollte. Manche waren dagegen, Muslime als Beamte oder Soldaten einzustellen und wollten den Islamunterricht verbieten, den Bau von Moscheen einschränken und das Arabische verdrängen. Andere sagten, man könne den Islam ja auch nutzbar machen, in dem man ihn »europäisiert«, und mit ihm Zugang zu Bevölkerungsschichten bekommt, die sonst schwer zu erreichen sind, um sie für eigene Zwecke zu erziehen. Es sind verschiedene Deutungen des Islams, die verhandelt wurden, aber die Gemeinsamkeit war: Der Islam ist »zivilisatorisch« unterlegen.

FRAGE Wie unterscheidet sich die Islamdebatte heute von der während der Kolonialzeit?

OZAN Keskinkılıç Heute kommt die Islamdebatte ohne den »Rasse«-Begriff aus. In den Kolonialverhandlungen war das anders. So meinte etwa Carl Heinrich Becker, ein sehr bekannter Orientalist, auf dem Dritten Kolonialkongress 1910, dass die Verschiedenheit der Religion ganz naturgemäß Ausdruck der Verschiedenheit der »Rassen« wäre, dass sich also das Religionsproblem mit dem »Rassen«-Problem vermischen würde. Was aber, wenn man »Rasse« nicht mehr sagen kann? Die Islamdebatte heute suggeriert, vollkommen losgelöst vom Rassismus zu sein. Dabei sehen wir, dass die Rede über die »fremde« Kultur und Religion auch mit essentialistischen Vorstellungen arbeitet. Muslime scheinen ihrer vermeintlichen Zugehörigkeit nach gewalttätig, sexistisch und anders zu sein. Das sind rassistische Klischees, die Muslimen absprechen, Teil der deutschen Gesellschaft zu sein und sie als Problem qua Herkunft behandeln.

FRAGE Apropos rassistische Klischees: Du schreibst in deinem Buch, das Problem liege nicht bei den Muslimen selbst, sondern die Mehrheitsgesellschaft erfinde die Muslime als Problem. Dabei sehen doch auch viele Musliminnen und Muslime Probleme in ihrer Community und üben Kritik an muslimischen Verbandsstrukturen. Ist jede Islamdebatte zwangsläufig rassistisch?

OZAN Keskinkılıç Wenn ich davon spreche, dass das Problem nicht bei den Muslimen liegt, sondern bei der Mehrheitsgesellschaft, dann meine ich damit den antimuslimischen Rassismus. Im Übrigen können selbstverständlich auch Muslime Akteure einer instrumentellen Islamdebatte sein. Muslime können auch selbst rassistische Klischees bedienen und das sehen wir in vielerlei Fällen: Jene, die mit dem Anspruch authentische Stimme zu sein, die politische Bühne als »liberale Einzelgänger« betreten und behaupten die Wahrheit über diesen doch tatsächlich sexistischen und gewalttätigen Islam aus der »Parallelgesellschaft« nach außen in die Öffentlichkeit zu tragen, das Sagbare also bestätigen wollen, um ein Stück vom Kuchen zu bekommen. Das Interesse ist hier ein anderes.

Gleichzeitig ist es natürlich auch möglich, nicht-rassistisch über den Islam zu sprechen. Muslime haben historisch gesehen schon immer kritische Debatten darüber geführt, was der Islam bedeuten soll. Dieser Streit gehört seit Anbeginn des Islams mit dazu. Das Problem ist, dass die hegemoniale Islamdebatte ja gerade so tut, als müsste die Kritik- und Demokratiefähigkeit von außen kommen und Muslimen beigebracht werden.

FRAGE Was verstehst du unter dem Begriff »hegemoniale Islamdebatte«?

OZAN Keskinkılıç Eine hegemoniale Islamdebatte verstehe ich als eine Art des politischen und kulturellen Sprechens über den Islam, die aus der Sicht eines herrschaftlichen Deutsch-Seins oder Europäisch-Seins formuliert wird. Genauer genommen handelt es sich dabei um eine Debatte, die einhergeht mit Macht und Dominanz, und die über Muslime als »Außenseiter« und vermeintliche Gefahr in Europa geführt wird. Das ist keine theologische Debatte. Der Islam wird hier als »Anderer« gesehen, der plötzlich mitten unter »uns« ist. Auf diesen »inneren Feind« müssen Antworten gefunden werden und die können Abschottung, Regulierung sein, sie können aber auch Beobachtung und Umerziehung unter die »Leitkultur« sein.

FRAGE Viele muslimische Menschen sind eigentlich unablässig damit beschäftigt, auf Vorwürfe gegenüber dem Islam zu reagieren und zu erklären, dass Muslime eben doch nicht pauschal homophob, frauenfeindlich oder antidemokratisch sind. Glaubst du, dass diese Strategie der Reaktion jemals zum Erfolg führt?

OZAN Keskinkılıç Ich glaube nicht, dass es immer eine Strategie ist, sondern auch Ergebnis dessen, was an diese Menschen herangetragen wird. Es ist für viele muslimisch-markierte Menschen in Deutschland nicht möglich, nicht über den Islam zu sprechen. Sie werden regelrecht dazu gedrängt, sich immer wieder zur Islamdebatte zu positionieren und sich zu erklären. Es reagieren nicht nur Muslime darauf, sondern auch jene, die sich nicht unbedingt als Muslime im religiösen Sinne verstehen.Das ist das perfide daran. Menschen werden zu Muslimen gemacht und in einen Zusammenhang mit dem Islam und allem, was er repräsentieren soll, gebracht. Sie sind in anderen Worten alltäglich davon berührt, ob sie es wollen oder nicht.

FRAGE Das heißt, man kann sich als muslimischer oder muslimisch markierter Mensch gar nicht davon befreien?

OZAN Keskinkılıç Es gibt unterschiedliche Wege, damit umzugehen. Ich glaube, es gibt diese Art der Befreiung nicht. Es gibt etwa jene, die permanent versuchen, ihre deutsche Zugehörigkeit zu beweisen und sich im Sprechen ständig von »bösen Muslimen« abgrenzen, sich also entweder als »Nicht-Muslim« zu verteidigen oder als »gute Ausnahme« zu inszenieren. Das ist nicht unproblematisch, wenn Privileg und Schutz auf Kosten anderer erkämpft werden. Das ist ein instrumentelles Verhältnis.

Dann gibt es andere, die den Spieß umdrehen und sagen: Jetzt erst recht. Sie versuchen, sich das negative Bild anzueignen, um sich dadurch zu ermächtigen. Manche machen das mit Satire, wie zum Beispiel Idil Baydar mit ihrer Kunstfigur Jilet Ayşe. Sie greift auf Klischees zurück, formt dadurch eine Karikatur und wirft diese auf den Betrachter zurück. Das war ihre Antwort auf Sarrazin. Persönlich gefällt mir dieser kreative Umgang, auch wenn er Grenzen hat und quasi mit dem Feuer spielt. Jede Antwort kann ihre Chancen und ihre Tücken haben. Muslime versuchen ganz unterschiedlich mit diesem Dilemma umzugehen, aber die eine Antwort gibt es nicht.

Frage Deine Antwort in deinem Buch ist ja, den Blick umzukehren und die in den Fokus zu nehmen, die die Debatte führen. Die Frage ist, welchen Erkenntnisgewinn erreichen wir dadurch?

OZAN Keskinkılıç Die These des Buches lautet, dass die hegemoniale Islamdebatte, wie sie in Deutschland geführt wird, nichts über den Islam oder muslimisches Leben aussagt. Wenn wir die Islamdebatte betrachten, lernen wir etwas darüber, was Deutschland ist, nämlich: welches Selbstbild die haben, die über den Islam sprechen. Diese Vorstellung eines überhöhten Selbst finden wir nicht nur bei Rechtspopulisten. Deswegen orientiere ich mich in meinem Buch an Edward Saids Kritik des Orientalismus. Said sagt, der Orient, so wie über ihn in Europa gesprochen wird, existiert nicht. Er ist erfunden und wird von Menschen als Projektionsfläche genutzt, um sich selbst zu erzählen und Macht auszuüben. Genauso funktioniert das in Deutschland mit dem Islam.  

Frage Das heißt also, es geht um die Selbstdefinition der Mehrheitsdeutschen. Man ist nicht antisemitisch, frauenfeindlich oder anti-demokratisch, weil das ja die Muslime sind. Könnte man das so zusammenfassen?

OZAN Keskinkılıç Ich glaube, dass die Islamdebatte ein Türöffner für etwas Größeres ist. Es geht nicht nur darum, muslimisches Leben zu kontrollieren und einzuschränken, sondern man kann mit dem Islam argumentieren, um andere politische Interessen durchzusetzen: Akteure nutzen die Debatte, um Einwanderung zu stoppen, um die Religions-, Presse- oder Meinungsfreiheit einzuschränken und um andere politische Akteure zu diffamieren.

Angela Merkel oder Heiko Maas sind in dieser Logik keine legitimen Repräsentanten der deutschen Bevölkerung, weil sie die »Islamisierung« zulassen würden. Am Ende geht es gar nicht um den Islam, sondern um Machtkämpfe. Der antimuslimische Rassismus funktioniert eigentlich als ein grundlegendes ideologisches Weltbild, in dem es um Homogenität und Reinheit geht.

Frage Glaubst du denn, dass deutsche Journalistinnen und Journalisten mittlerweile selbstkritischer auf die Art und Weise blicken, wie der Islam in den Medien verhandelt wird?

OZAN Keskinkılıç Es gibt nicht die eine Islamberichterstattung. Es gibt unterschiedliche, die parallel existieren. Das heißt, selbst in etablierten Medien ist nicht jede Berichterstattung über den Islam rassistisch. Und gleichzeitig gibt es immer mehr Muslime, die selbst als Medienschaffende agieren und klischeebehafteten Debatten etwas entgegensetzen. Ich glaube, da passiert gerade sehr viel. Ein Beispiel ist Ali Ghandour, der über Liebe und Sexualität im Islam schreibt und damit die Vorstellungen, die viele Menschen vom Islam zum Beispiel als durch und durch homophobe Religion haben, komplett auf den Kopf stellt. Es gibt viel Potential, das noch nicht ausgeschöpft ist, weil die hegemoniale Islamdebatte den Blick verengt hat. Die braucht nur diesen einen Islam, der dämonisch und bedrohlich ist. Das heißt, das Erzählen von Islam in seiner Ambiguität und in seiner Vielzahl, das ist auch eine Art von Widerstand.

 

Ozan Zakariya Keskinkılıç ist Politikwissenschaftler und Lehrbeauftragter an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Im Frühjahr 2019 erschien sein Buch »Die Islamdebatte gehört zu Deutschland« im AphorismA Verlag in Berlin.

 

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