Jüdisch-muslimischer Dialog

»Was könnt ihr denn er­rei­chen, wenn Ju­den an­ge­grif­fen wer­den?«

Foto: Zentralrat der Juden

Mit dem jüdisch-muslimischen Dialogprojekt »Schalom Aleikum« will der Zentralrat der Juden Vorurteilen auf beiden Seiten entgegenwirken. BLIQ sprach mit Projektleiter Dmitrij Belkin über Strategie und Ziele des Projekts - und darüber, wie die Teilnehmer reagieren, wenn am Tag einer Veranstaltung ein antisemitischer Übergriff passiert.

Ein Interview von Eren Güvercin

Seit Mai 2019 läuft das Projekt »Schalom Aleikum« des Zentralrats der Juden. In der kurzen Zeit haben Sie zahlreiche Veranstaltungen durchgeführt, die Räume für eine jüdisch-muslimische Begegnung schaffen soll. Wie fällt das Resümee bisher aus?

Positiv und nachdenklich. Positiv, weil wir durch die Veranstaltungen in Berlin, Würzburg, Leipzig, Osnabrück und bald auch in Köln tatsächlich neue Gesprächsräume öffnen konnten. So genannte »normale Menschen«, keine ausgewiesenen Dialogprofis, reden überwiegend in den jüdischen Gemeindezentren miteinander. Neues Vertrauen entsteht vor unseren Augen. Wie gut ist das denn! Nachdenklich, weil die antisemitischen und extremistischen Ausschreitungen in unserer Gesellschaft täglich zunehmen. Sie kommen vor allem von rechts – aber auch von links und von Muslimen - sodass die empathischen Dialogräume heute in direkter Nachbarschaft mit den Hassräumen existieren. Damit müssen wir leben. Es ist nicht ganz ohne.

Es geht also nicht um einen Dialog zwischen Funktionären, sondern zwischen einfachen Mitglieder der jüdischen und muslimischen Gemeinschaft?

Exakt. Anders würden wir das traditionelle Dialog-Karussell der seit Jahren in diesen Prozess »Eingeweihten« immer neu über den politischen Boden rollen lassen: Symbolische Daten des politischen und interreligiösen Kalenders, immer gleiche Slogans usw. Ich habe nichts dagegen, auch das ist wichtig, auch das ist das Deutschland des 21. Jahrhunderts, doch wir haben uns als Zentralrat der Juden gesagt: Wir wollen neue Gesichter, neue Netzwerke, neue Zielgruppen. Darunter sind Startup-Unternehmer, Familien mit ihren Jungs und Mädels, Frauen, ältere Menschen, Akteure des Digitalen, Lehrer. Dafür war eine riesige Recherchearbeit unseres Teams im Vorfeld die Voraussetzung - ohne Frage! Doch die bisherigen Ergebnisse lassen sich sehen. Wir erschließen neue Kreise und bringen jüdische und muslimische Zivilgesellschaften in Berlin, Würzburg, Leipzig, Osnabrück und Köln zusammen.

Einige Vorfälle in den letzten Jahren haben dafür gesorgt, dass in der Öffentlichkeit vermehrt über Antisemitismus unter Muslimen diskutiert wurde. Hat das Ihre Arbeit im Projekt Schalom Aleikum beeinflusst? Hat es Juden und Muslime daran gehindert, miteinander ins Gespräch zu kommen?

Wir haben in diesem Sommer mit unseren Dialog-Plattformen angefangen. Sowohl das Publikum als auch die Medien waren äußerst positiv interessiert. Doch wenige Tage nach oder direkt vor jeder Veranstaltung kam es zu antisemitischen Übergriffen: Einmal wurde ein Rabbiner in Berlin angegriffen, dann ein Kippaträger in Frankfurt, ein weiterer Rabbiner in Hamburg, ein jüdischer Schüler in Berlin, später ein Studierender in Freiburg. Am 19.11. veranstalteten wir in Berlin ein Gespräch mit jüdischen und muslimischen Influencern, parallel erreichte uns die Nachricht, dass wenige Kilometer entfernt ein Attentäter verhaftet wurde, der offenbar kurz davor war, eine terroristische Attacke auszuüben. Nach jedem Angriff, nach jedem solchen Vorkommnis, an dem Muslime oder vorgebliche Muslime beteiligt sind, bekommen wir am Rande der Veranstaltungen auf Deutsch, Russisch, Hebräisch und Englisch immer wieder dieselbe Frage gestellt: »Was könnt ihr denn erreichen, wenn Juden angegriffen werden - ganz egal, ob »wegen Israel« oder einfach so, weil »wir Juden sind«? Diese Frage beschäftigt uns. Und wir machen trotzdem oder gerade deswegen weiter. Dann kommt »Halle« und wir merken: Juden sowie Muslime werden angegriffen.

Welchen langfristigen Ansatz verfolgen Sie mit Schalom Aleikum?

Es gibt zwei Ebenen des Diskurses, die wir mit dem Projekt bespielen. Beide sind mehr miteinander verknüpft, als man auf den ersten Blick denken könnte. Wir wollen das jüdisch-muslimische Gespräch deutschlandweit und milieuübergreifend auf eine neue Ebene heben. Qualitativ, aber auch quantitativ – es entsteht eine ziemlich einmalige Datenbank der Projektpartner. Die Meinungen der Akteure interessieren uns, diese erfassen wir jetzt schon systematisch. So wird der Kreis der beteiligten Nicht-Funktionäre beider Gruppen größer. Auf der anderen Seite ist die Prävention von Antisemitismus und Extremismus unser erklärtes Ziel und auch die Intention unseres Förderers, der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Beide Projektziele kann man keinesfalls voneinander trennen. Wir hoffen, dass unsere Teilnehmer und Gäste auch im Bereich des Hassabbaus zu Multiplikatoren werden. Wie unser Präsident Josef Schuster vor kurzem auf einer Projekt-bezogenen Pressekonferenz sagte: »Wenn es uns gelingt die Vorurteile abzubauen, dann haben wir viel erreicht«. Wir arbeiten daran.

Das Projekt läuft zunächst bis Ende 2019. Sie haben allerdings eine Fortführung des Projekts beantragt. Was planen Sie für die Zukunft?

Weitere friedliche Expansion unserer Dialogveranstaltungen, die sich mit immer neuen gesellschaftlichen Gruppen von Juden und Muslimen befassen sollen. Wir planen zudem verstärkte Aktivitäten im Bildungsbereich, wohlwissend, dass auch dort keine Wunder innerhalb von Monaten zu kreieren sind. Doch wir wollen ein konzeptuelles Knowhow auf die Beine stellen, eine Basis, auf der später weitere Akteure der bildungspolitischen Arbeit aktiv sein können. Der Zentralrat der Juden als Ideengeber für die Gesamtgesellschaft, als eine kompakte und strategisch agierende Denkfabrik: das ist doch eine gute Aussicht!

Wie wollen Sie bestehende Kontroversen im jüdisch-muslimischen Kontext behandeln? Und wie wollen sie diese auch öffentlichkeitswirksam thematisieren, so dass es auch eine Wirkung auf den medialen Diskurs erzielt?

Indem wir nicht nachlassen, jedes Mal die lokale Presse mitnehmen, die gesamtdeutschen Medien im Blick habend. Und indem wir unsere Präsenz im Netz, bei Social Media ausbauen. Dort wollen wir verstärkt expandieren, z.B. durch solche Lab-Veranstaltungen wie den bereits erwähnten #DialogDigital mit Influencern, die uns helfen, neue Ideen und Strategien auszuarbeiten. Wir lassen auch die klassischen Medien nicht außer Acht und wollen zum Jahresende, zum Gemeindetag des Zentralrats der Juden im Dezember, ein erstes Buch der »Schalom Aleikum«-Reihe herausbringen: »Mutige Entdecker bleiben. Jüdische und muslimische Senioren im Gespräch.« Der Gemeindetag hat im Übrigen ein Motto: »In Deutschland zu Hause.« Besonders aktuell für Juden und Muslime!

Nächsten Montag findet in Köln die nächste Veranstaltung im Rahmen von Schalom Aleikum statt. Unter dem Titel »New School. Was tun gegen Antisemitismus an Schulen« kommen jüdische und muslimische Lehrer zum Thema Antisemitismus an Schulen ins Gespräch. Mehr Infos und Anmeldung unter: https://www.facebook.com/events/548211095978284/

 

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