Interreligiöser Dialog

Helena Werhahn

»Auch Küche ist politisch«

Beyza Arslan (links), eine der Macher:innen von »Mekka und Jerusalem«, im Gespräch mit Ronny Vollandt (rechts), Professor für Judaistik an der LMU München. (Foto: privat)

In diesen Tagen beginnt der Ramadan. Was viele nicht wissen: Der muslimische Fastenmonat geht auch auf eine jüdische Tradition zurück - das Aschura-Fasten. Und auch ansonsten teilen Jüd:innen und Muslim:innen in Deutschland viele Erfahrungen: vom Gefühl des Andersseins, wenn man auf der Klassenfahrt nur Nudeln und Tomatensauce essen kann, bis hin zur Angst vor rechtem Terror.

Es sind solche Gemeinsamkeiten, aber auch Alltägliches, das der Wissenschaftspodcast »Mekka und Jerusalem« in den Vordergrund stellen will. Denn noch dominieren Themen wie muslimischer Antisemitismus und der Nah-Ost-Konflikt die deutsche Berichterstattung über jüdisch-muslimische Beziehungen. Produziert wird »Mekka und Jerusalem« von einem Team an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Helena Werhahn hat mit den beiden Podcastmacher:innen Frederek Musall und Beyza Arslan gesprochen.

 

BLIQ: Euer Podcast will jüdisch-muslimische Verbindungen in Deutschland aufzeigen, die in den Medien oft zu kurz kommen. In dieser Woche beginnt der muslimische Fastenmonat Ramdan, in dem Muslim:innen von der Morgendämmerung bis Sonnenuntergang fasten. Gibt es so etwas auch im Judentum?

Frederek Musall: In der Tat. Es gibt sogar zahlreiche Bezüge und Parallelen zwischen jüdischer und muslimischer Ritualpraxis. So geht der Ramadan zum Beispiel auch auf die jüdische Tradition des Aschura-Fastens zurück. Der Prophet Muhammad hat dieses durch die Einführung des Ramadanfastens ersetzt - Aschura allerdings nicht komplett abgeschafft. Viele Muslim:innen fasten bis heute freiwillig am Tag von Aschura, insbesondere unter Schiiten ist das verbreitet.

Und was genau hat es mit dem Aschura-Fasten auf sich?

Frederek Musall: Das Wort Aschura leitet sich von dem Hebräischen Wort »asor« ab, das so viel wie »zehnt« bedeutet und sich auf den 10. Tag des jüdischen Monats Tishri bezieht. An diesem Tag wird der Versöhnungstag Jom Kippur gefeiert, der als höchster jüdischer Feiertag gilt und ein besonders strenger Ruhe- und Fastentag ist. Jom Kippur beginnt mit dem Einsetzen des Sonnenunterganges am Vorabend des Feiertages und dauert bis zum Untergang der Sonne am eigentlichen Feiertag. Während dieser etwa 25-stündigen Zeitspanne wird weder gegessen noch getrunken, man verzichtet auf Waschen und Körperpflege sowie auf das Tragen von Lederschuhen, da diese ein Symbol von Herrschaft sind. Der jüdische und islamische Kalendar unterscheiden sich zwar etwas - aber etwa alle 32 bzw. 33 Jahre fasten wir alle am selben Tag. Da fallen nämlich Aschura und Jom Kippur zusammen.

Ihr habt den Podcast auch deshalb gemacht, um solche Gemeinsamkeiten sichtbarer zu machen - weil man davon in den Medien kaum liest. Was stört euch sonst noch daran, wie Journalist:innen über das Thema berichten?

Beyza Arslan: Es dreht sich oft um dieselben Themen und meist um Probleme: Es geht um Antisemitismus innerhalb der muslimischen Communities. Jüdische Communities werden immer mit dem Holocaust in Verbindung gebracht, immer wieder geht es um den Nahost-Konflikt. Beiträge zu Synergien, zu Geschlechterrollen oder zur sprachlichen Vielfalt findet man selten. Es wird viel geredet, aber diejenigen, die eigentlich etwas zu sagen haben, werden nicht mit reingeholt. Mir kommt es so vor, dass jüdische und muslimische Menschen gar nicht bestimmen können, worüber sie reden möchten, sondern immer einfach bestimmte Themen zugewiesen bekommen. Da tut sich mittlerweile sehr viel, zum Beispiel durch Projekte wie unseren Podcast, wo wir sagen: Wir bestimmen, worüber wir reden und wann.

 

Frederek Musall (Mitte) ist Professor für jüdische Philosophie und Geistesgeschichte an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Im Bild ist er zu sehen mit dem Autor Max Czollek (links) und Deniz Utlu (rechts). (Foto: privat)

 

Frederek Musall: Es ist ein doppeltes Dilemma, weil Menschen, die einer Minderheit angehören, auf der einen Seite immer wieder auf bestimmte Themen hin- oder enggeführt werden. Gleichzeitig wird ihnen die Fähigkeit abgesprochen, objektiv zu berichten. Dagegen sollte es einen Pushback geben, um zu sagen: Erstens ich kann sehr wohl objektiv darüber berichten, aber das Zweite ist: Ich muss nicht nur darüber schreiben. Es ist wichtig, dass man das nicht alleine macht, sondern in Bündnissen oder Allianzen. Denn man selber ist immer in einer Position der Rechtfertigung. Vielleicht müssen wir lernen, uns anders zu vernetzen, weil wir gewinnen können, wenn die Intervention aus unterschiedlichen Richtungen kommt.

Ihr wollt es besser machen. Was sind denn die Themen die Jüd*innen und Muslim*innen in Deutschland verbinden?

Beyza Arslan: Essen und Sprache verbinden zum Beispiel. Wir haben unseren Podcast bewusst nicht mit stark politischen Themen wie dem Nahostkonflikt begonnen. Ich denke, es ist aber auch wichtig anzusprechen, wo wir unterschiedlich sind und dass das auch in Ordnung ist, aber dass wir trotzdem Solidarität schaffen können. Die Andersartigkeit und der Status als Minderheiten in Deutschland sind sehr verbindend, weil sowohl jüdische als auch muslimische Personen wissen, wie es ist, wenn man auf Klassenfahrt nur Nudeln und Tomatensoße essen kann.

Frederek Musall: Oder einfach nur Kartoffeln  – das war meine Erfahrung, als ich in Halle unterrichtet habe. Wir wollten bei »Mekka und Jerusalem« niederschwellig mit Essen einsteigen, aber die Folge war auch gleich politisch, denn auch Küche ist politisch. Was wir in den Blick nehmen wollten, waren jüdisch-muslimische Beziehungen jenseits der gängigen Bilder oder Narrative. Oft stehen sich anti-muslimischer Rassismus und muslimischer Antisemitismus auf der einen Seite und die Verklärung des Goldenen Zeitalters, al-Andalus, dem muslimischen Spanien, in dem Muslim:innen und Juden weitgehend friedlich zusammenlebten, gegenüber. Uns ist wichtig zu schauen: Welche anderen Erfahrungen gibt es, die vielleicht auch einen Eindruck vermitteln, dass jüdisch-muslimische Beziehungen weitaus komplexer und vielschichtiger sind?

Wie sind bisher die Reaktionen auf den Podcast?

Beyza Arslan: Obwohl es eine Nische ist und wir klein angefangen haben, konnten wir schon viele Hörer:innen begeistern. »Mekka und Jerusalem« ist aktuell der erste Podcast, der überhaupt jüdisch-muslimische Beziehungen aus wissenschaftlicher Perspektive thematisiert und an einer Hochschule angesiedelt ist. Bis jetzt waren Vorlesungen, Hausarbeiten und wissenschaftliche Artikel der Standard in der Wissenschaftskommunikation. Ein Ziel des Podcasts ist es, andere Facetten aufzuzeigen. Man muss nicht immer ein 15-seitiges Paper lesen, um sich mit einem Thema auseinanderzusetzen. Manche überrascht es allerdings, dass unser Podcast kein interreligiöser Dialog ist.

Frederek Musall: Wir sagen bewusst: Religion ist nur ein Bruchteil der jüdisch-muslimischen Beziehungen – viele Fragen drehen sich nicht um Ritualpraxis oder Glaubensvorstellungen. Wir versuchen etwas Neues, so eine Art Wissenschaftsaktivismus zu machen. Manche Kolleg:innen hat das am Anfang irritiert. Aber es ist unsere Stärke, dass wir uns trauen, etwas anderes zu machen und nicht einen Rabbi und einen Imam an einen Tisch setzen.

Beyza Arslan: Wir verknüpfen nicht religiöse Führungskräfte, sondern die wissenschaftlichen Disziplinen wie Islamwissenschaft, Jüdische Studien oder die Nahoststudien, um die Beziehungen in ihrer Vielschichtigkeit abzubilden.

Wie kann man sich das vorstellen, einen Podcast über jüdisch-muslimische Beziehungen aber ohne Fokus auf interreligiösen Dialog?

Beyza Arslan: Gerade haben wir eine Folge zu den Goldenen Zeitaltern veröffentlicht, aber nicht nur beschränkt auf Al-Andalus, sondern wir gucken uns auch den Balkan an, das Osmanische Reich, den Irak, den Libanon. Das ist natürlich auch ein klassisches Thema des interreligiösen Dialogs. Wir versuchen dabei einen kritischen Blick zu haben: War es wirklich ideal? Was können wir aus diesen Zeiten lernen und was müssen wir eher kritisch betrachten? Uns zeichnet aus, dass wir versuchen eine gesunde Mitte zu finden, ohne zu idealisieren, aber auch ohne dieses Themengebiet zu verteufeln.

Frederek Musall: Viele Fragen, die wir als Gesellschaft an die Geschichte stellen, formulieren wir aus unseren jetzigen Bedürfnissen heraus. Wenn wir zum Beispiel über Gender Equality reden, sollten wir mitdenken, dass sich Bedürfnisse innerhalb einer Community verändern. Wir wollen im Podcast nicht das Gefühl geben, wir würden etwas von einem Ursprung her gedacht in einer ungebrochenen Traditionslinie begreifen, sondern vielmehr reflektieren: Unser Blick projiziert zurück in die Vergangenheit. Der Blick in die Geschichte kann uns helfen zu verstehen, wer wir sind und an welchem Punkt wir stehen, aber das entscheidende Moment findet im Hier und Jetzt statt. Das wird in manchen Kontexten noch zu wenig reflektiert.

Ihr habt eine Folge zu jüdisch-muslimischen Beziehungen in den USA, Israel und Deutschland produziert. Was habt Ihr aus diesem Vergleich gelernt?

Beyza Arslan: Alle drei Länder sind gesellschaftlich sehr unterschiedlich aufgebaut. In den USA haben wir eine jüdische Minderheit, die größer ist als die muslimische. In Deutschland ist es andersherum. Dort gibt es schon viel mehr und viel länger NGOs und Nachbarschaftsprojekte, die wir in Deutschland erst seit kurzem diskutieren. Jüdisch-muslimische Beziehungen sind in Deutschland noch ein sehr neues Feld. Natürlich gibt es auch in den USA Probleme, aber die Wahrnehmung ist anders. Eine Interviewpartnerin sagte mir zum Beispiel: Ja, wir sind jüdisch und wir sind muslimisch, aber wir sind Amerikaner. Das ist in Deutschland problematischer: Jüdisch und deutsch sein, da hängen so viele Konnotationen dran. Auch bei »deutschen Muslim:innenn« denkt man an Konvertiten und nicht an eine deutsch-türkische Frau, die in der dritten Generation in Deutschland lebt und hier geboren und groß geworden ist.

Frederek Musall: Im amerikanischen Kontext ist Diversität etwas, das selbstverständlich dazugehört. In Deutschland haben wir auf einmal Diversität als politisches Schlagwort, aber keiner weiß genau, was eigentlich damit gemeint sein soll. Jede große Firma braucht ein Diversity-Programm, aber was heißt das?

In Israel ist das Verhältnis von jüdischer Mehrheit und muslimischer Minderheit wiederum ganz anders. Was habt Ihr in Eurer Recherche über jüdisch-muslimische Beziehungen dort erfahren?

Beyza Arslan: In Israel haben wir einen Konflikt, der natürlich sehr stark im Vordergrund steht. Aber es gibt auch hier sehr interessante Projekte. Was wir lernen können, sind die unterschiedlichen Bereiche, in denen wir noch agieren können, zum Beispiel im schulischen Bereich, im Bereich der NGOs, aber auch eine gewisse Art der Solidarität: das Verständnis, dass wir sowohl als muslimische, als auch als jüdische Gemeinschaft hier angesiedelt sind und dass wir hier eine gemeinsame Zukunft wollen, eine gleichberechtigte gemeinsame Zukunft. Das ist etwas, das man mitnehmen kann.

Was muss sich in Deutschland verändern?

Beyza Arslan: Ein Problem ist, dass so ein Projekt wie dieser Podcast nur eine zweijährige Finanzierung hat. Es gibt zwar staatliche Finanzierung, aber das ist manchmal ein sehr langer und ermüdender Prozess. Wir können nicht darauf hoffen, dass sich Menschen ehrenamtlich in ihrer Freizeit darum kümmern, solche Anträge auszufüllen. Wir müssen sicherstellen, dass ein Projekt gefördert wird, wenn es großartige Arbeit leistet. Das ist ein Knackpunkt, der in anderen Ländern besser läuft. Eine andere Sache ist die sehr starke Solidarität, zum Beispiel in den USA. Ich möchte das nicht verallgemeinern, aber in den Interviews, die ich geführt habe, wurde zum Beispiel beschrieben, dass nach einem Angriff auf eine Synagoge muslimische Menschen aus der Nachbarschaft kamen und Hilfe angeboten haben. Das ist in Deutschland erst in den letzten Jahren und so richtig sichtbar nach Hanau langsam entstanden. Ich habe beobachtet, dass sich danach sehr viele Minderheiten solidarisiert haben und nicht erst, wenn ihre eigene Community betroffen ist.

Was wünscht Ihr Euch von Journalist:innen?

Frederek Musall: Während für uns in der Wissenschaft die Vereinfachung der größte Horror ist, geht es im Journalismus darum, komplexe Inhalte zu vereinfachen. Ich denke, da gibt es aber einen Kompromiss. »Mekka und Jerusalem« ist ein Versuch, diesen Kompromiss zu machen, also zu verstehen, dass man in der Kommunikation Dinge vereinfachen muss, aber trotzdem nicht bereit zu sein, die Komplexität aufzugeben. Ich wünsche mir von Journalist:innen, dass man auch mit der Wissenschaft spricht. Es ist nicht damit getan, in einer immer komplexeren Welt Dinge nur zu vereinfachen. Komplexität ist faktisch, sie ist ein Teil dessen, was uns auch persönlich ausmacht, deswegen müssen wir dafür immer wieder sensibilisieren.

Beyza Arslan: Ich habe in der kurzen Zeit, in der ich dabei bin, schon einige unangenehme Erfahrungen mit Journalist:innen gemacht. Eine Redakteurinhat mich gefragt, ob wir die Folgen auch ins »Jüdische« übersetzen, sie dachte offenbar, das sei eine Sprache. Dann hat sie mich nach Diskriminierungserfahrungen mit Kopftuch gefragt, obwohl es darum gar nicht ging. Vor allem im Journalismus passiert es oft, dass man dann an jüdischen oder muslimischen Personen interessiert ist, wenn irgendwelche Probleme auftreten oder nach einem rassistischen Anschlag. Außerdem werden Gruppen oft gegeneinander ausgespielt, zum Beispiel in Beiträgen über muslimischen Antisemitismus oder darüber, wie viele jüdische Leute es gibt, die die AfD wählen. Es ist immer ein Vergleich, welche Gruppe ist mehr bedroht. Augenhöhe ist extrem wichtig und auch eine diverse Darstellung. Es gibt nicht nur praktizierende Muslim:innen in Deutschland, es gibt nicht nur jüdische Menschen, die auch öffentlich so erkennbar sind, ganz zu schweigen davon, dass das Judentum nicht nur eine Religion ist.

Frederek Musall: Wir sind in uns selber vielfältig, auch in den Widersprüchlichkeiten, die wir selber mitbringen in unserem Jüdisch- oder Muslimischsein. Ob ich nun für den Jüdischen Nationalfonds spende oder mich an Purim unter den Tisch trinke oder beides zusammen – das sind alles Varianten von Jüdischsein in Deutschland. Wir leben in einer Gesellschaft in der uns der Umgang mit dieser Widersprüchlichkeit am allerschwersten fällt, aber der bestimmt eigentlich einen Großteil unserer Auseinandersetzung und Begegnung.