Fabian Goldmann

»JOUR­NA­LIS­TEN MÜS­SEN MEN­SCHEN, DIE UN­TER RECH­TER HET­ZE LEI­DEN, VIEL MEHR ZU WORT KOM­MEN LAS­SEN«

 

Suleman Malik (32), Kommunalpolitiker und Moschee-Bauherr aus Erfurt

Der Osten rückt nach rechts. Diese Erkenntnis hat sich nach den erneuten Zugewinnen der AfD bei den jüngsten Landtagswahlen bestätigt. Wenn in diesen Wochen auch in Thüringen der Wahlkampf beginnt, werden Medien auch hier wieder ausführlich über den Aufstieg der Rechtspopulisten und dessen Folgen berichten. Zu selten kommen dabei aber jene zu Wort, in deren Alltag der Rechtsruck ganz unmittelbar spürbar wird: Menschen, die aus verschiedenen Gründen von ihrer Umwelt als fremd wahrgenommen werden. Zum Tag der Deutschen Einheit haben wir mit vier von ihnen gesprochen und sie gefragt: Wie steht es um die deutsche Einheit in Ostdeutschland? Vier Protokolle über alltägliche Beschimpfungen, Gedanken ans Wegziehen und die Verantwortung der Medien.

Vier Protokolle von Fabian Goldmann

 

Suleman Malik (32), Kommunalpolitiker und Moschee-Bauherr aus Erfurt

 

Als Muslim begegne ich täglich Rassismus. Im Internet wird massiv gegen mich und andere Gemeindemitglieder gehetzt. Kommentare, die eigentlich strafrechtliche Konsequenzen haben müssten, sind Alltag. Verbale Angriffe wurden mittlerweile in Taten umgesetzt, die Stimmung wird immer aggressiver. Der Rechtsruck ist in jedem Bereich des Lebens sichtbar.

Ich musste meine Ausbildung abbrechen, weil ich dermaßen gemobbt wurde, dass ich einfach nicht weitermachen konnte. Ein Paketdienstleister hat mich einmal beim Abholen eines Pakets beschimpft. Am Infostand wurde mir ins Gesicht gespuckt. An einer Straßenbahnhaltestelle pöbelte mich ein Ausländerfeind mit Sätzen an wie »Du gehörst gehängt«. Auf unserem Moscheegrundstück wurden ich und andere Gemeindemitglieder ebenfalls attackiert und bedroht.

Auch für mein ehrenamtliches politisches Engagement werde ich zur Zielscheibe des Hasses. In einem Video rief die AfD dazu auf, mir bei der Wahl zum Mitglied des Erfurter Ortsteilrates keine Stimme zu geben, weil ich Muslim bin. Die AfD hat sich die Anti-Islam-Haltung zur Existenzgrundlage gemacht. Die AfD betreibt geistige Brandstiftung zugunsten des eigenen Stimmenfangs und zulasten von Minderheiten in Deutschland.

Auch in den Medien sind AfD und Co. omnipräsent. Unsere Stimmen hört man hingegen sehr wenig. Wer bringt unsere Stimmen in die Mitte der Gesellschaft? Journalisten müssen Menschen, die unter rechter Hetze leiden, viel mehr zu Wort kommen lassen. Wir sind ein fester Teil der Gesellschaft! Wir haben auch Vorschläge! Hört uns und gebt uns eine Stimme!

Trotz dieser Verhältnissen fühle ich mich in meiner Heimat Thüringen wohl. Wegziehen kommt für mich momentan nicht in Frage. Ich werde ungeachtet der islamfeindlichen Hetze und dem Rassismus den Weg des Dialogs und des gemeinnützigen Engagements im Sinne eines gedeihlichen Zusammenlebens in einer sich gegenüber allen Minderheiten solidarisierenden Gesellschaft fortsetzen.

 

 

»SEITDEM WIR HERGEZOGEN SIND, DENKEN WIR DARÜBER NACH, SACHSEN WIEDER ZU VERLASSEN«



Monika Kl. (28), Projektmanagerin für interkulturelle Projekte aus Leipzig


Ich bin vor zwei Jahren nach Leipzig gezogen und muss ehrlich sagen, dass ich es mir nicht so schlimm vorgestellt habe. Die Leute starren mich an, als wäre ich ein Tier aus dem Zoo. Ich wurde geschubst, mir wurde ein Bein gestellt, ich wurde angerempelt. Das ist Alltag. Das geht natürlich auf die Psyche. Und so geht es nicht nur mir. So geht es auch meinen Freundinnen. Jeder, der vom Phänotyp anders aussieht, ob Syrer oder Venezolaner, erzählt ähnliche Geschichten.

Ich habe vorher in Wien gelebt. Dort habe ich auch schon Übergriffe erlebt. Aber dieses Starren kannte ich nicht. In Sachsen merkt man, dass ein Großteil der Gesellschaft und sogar Kinder und Jugendlich dir ziemlich feindlich gesinnt sind. Das ist deshalb erschreckend, weil man merkt, wie stark diese Feindlichkeit an die jüngere Generation weitergegeben wird. Das kenne ich aus Wien wirklich nicht. Die Xenophobie geht hier durch alle Schichten. Am meisten betrifft es die Alten. Die sind am rassistischsten.

Ich arbeite auf kommunaler Ebene und habe viel mit den Stadtakteuren zu tun. Deshalb bin ich viel in Chemnitz, Dresden, Riesa und kleineren Städten unterwegs. Dort bekomme ich die Spannungen noch stärker zu spüren. Da stellen sich Leute beispielsweise vor die Moscheen und versuchen das Freitagsgebet zu verhindern. Noch schlimmer ist es auf dem Land, dort wo es wenige Begegnungen mit Muslimen gibt. Da trauen sich die Leute noch einmal ein Stückchen mehr: mehr Angst zu machen, mich zu verfolgen. Das ist schon unheimlich.

Seitdem wir hergezogen sind, denken mein Mann und ich darüber nach, Sachsen wieder zu verlassen. Eigentlich wollten wir nach den Landtagswahlen schon wegziehen. Ich habe jetzt aber einen Master-Studienplatz bekommen, den will ich auch antreten. Wenn wir in Sachsen bleiben, dann aber auf jeden Fall in Leipzig. Alles außerhalb von Leipzig würde ich niemandem empfehlen.

 

»Die erste Frage, die in der Beratung kommt, ist: Wie kann ich hier weg?«

Mamad Mohamad (39), Geschäftsführer Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt aus Halle


Die Zahl der Menschen, die auf unsere Antidiskriminierungsstelle zukommen, ist in den letzten drei Jahren enorm gestiegen. Viele wollen es nicht mehr länger hinnehmen, diskriminiert oder rassistisch beleidigt zu werden. Andererseits wollen die Menschen auch ein klares Zeichen setzen; zeigen, dass sie sich wehren.

Die Betroffene erzählen von Übergriffen, Beleidigungen, davon, dass sie sich nicht willkommen fühlen und weniger soziale Bindungen vor Ort haben. Zu unseren Beratungen kommen auch viele Eltern, die berichten, dass ihre Kinder in der Schule diskriminiert werden. Die erste Frage, die dann kommt, ist: „Wie kann ich hier weg? Wie kann ich für meine Kinder eine bessere Lebenssituation gestalten?“ Mit dieser Frage sind wir sehr häufig konfrontiert. Die Leute fragen dauernd danach. Dabei haben wir in Ostdeutschland weniger als fünf Prozent von Menschen mit Migrationshintergrund. Wir brauchen eher mehr Migration nach Ostdeutschland als weniger.

Das Problem, dass Menschen Erfahrungen mit Alltagsrassismus machen, gibt es schon sehr lange. Aber durch die Stärkung von Rechtspopulismus und -extremismus ist Vieles salonfähig geworden. Früher waren die Anfeindungen eher versteckt, nicht so gut sichtbar. Mittlerweile geschehen sie sehr offen; die Leute trauen sich mehr, Dinge auch auch öffentlich zu sagen. Die jüngsten Wahlergebnisse symbolisieren die Herausforderungen, mit denen wir täglich zu tun haben. Bei einem Viertel der Bevölkerung findet man rechtsradikales Denken.

Was die Menschen hier täglich erleben, kommt leider in der Presse viel zu kurz. Die Debatten über die AfD handeln meist von der bundesweiten Organisation aber nicht davon, welche Folgen ihre Politik für die Menschen hat, die hier leben. Diese Politik betrifft die Menschen hier unmittelbar. Ich finde es wichtig, dass Medien noch stärker darauf aufmerksam machen.

 

»Ich war immer ein bisschen stolz auf Deutschland«

Roman Gherman (33), lebte 16 Jahre in Thüringen, arbeitet jetzt als Referent in der Mainzer Staatskanzlei


Meine Eltern, meine Schwester und ich sind 2003 nach Thüringen gekommen. Damals gab es noch keine Flüchtlingskrise aber es gab viele Kontingentflüchtlinge, Menschen mit jüdischem Hintergrund und Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion, denen vorgeworfen wurde, zu klauen, kriminell zu sein und deutsche Frauen zu vergewaltigen. Die heutige Rhetorik der AfD ist dem extrem ähnlich. Nur die Projektionsfläche hat sich geändert. Heute trifft es Flüchtlinge, während Spätaussiedler als die guten Migranten gelten. Diese Entwicklung macht mir Angst. Wenn wir anfangen, Menschen in gute und schlechte Migranten einzuteilen, dann kann ich auch früher oder später ein schlechter Migrant sein.

Seitdem ich in Deutschland bin, habe ich mich immer politisch engagiert, war immer wieder bei Demos gegen rechts. Ich war auch immer ein bisschen stolz auf Deutschland, weil es diese Erinnerungskultur pflegte, sich immer wieder mit Ausgrenzung auseinandersetzte und klar war, dass wir nie wieder in diese Zeiten zurück wollen. Wirklich Angst bekommen habe ich erst, bei einer Demo vor dem Thüringer Landtag. Björn Höcke schrie dort Parolen von der Bühne, die an Goebbels-Reden erinnerten. Viele normale Menschen liefen dort mit und unterstützten das. Und vielen anderen Menschen schien es einfach egal zu sein.

Ich finde es Quatsch zu sagen, die Leute wählen die AfD aus Protest. Klar, haben viele wirtschaftliche oder soziale Probleme und es gibt sicherlich ost-spezifische Probleme. Aber dass junge Leute aus Protest eine Partei wählen, die im Grunde genommen gegen alles steht, was man sich unter einer modernen und offenen Gesellschaft vorstellt, macht mir Angst. Angst macht mir auch auch, dass das kein temporärer Phänomen ist, sondern gewisse Thesen und Rhetoriken mittlerweile normal macht.

Ich bin Anfang Mai aus Thüringen weggezogen. Es war aber keine Flucht aus dem Osten, sondern wegen einem guten Job-Angebot. Wäre die CDU mit der AfD in Thüringen aber eine Koalition eingegangen, wäre ich schon vorher gegangen.