Eva Meschede

»DIVERSITÄT? wir brauchen Realität!«

Ciani Sophia Hoeder ist die Gründerin des RosaMag - einem Magazin für Schwarze Frauen.
Ciani-Sophia Hoeder ist Gründerin des RosaMag - einem Lifestyle-Magazin für Schwarze Frauen. (Foto: Megan Vada Hoeder)

 

Vor fast zwei Jahren hat Ciani-Sophia Hoeder das RosaMag für Schwarze Frauen gegründet und damit bewiesen, dass Frauenmagazine durchaus politisch sein können. Ciani ist seitdem zu einer der wichtigsten Stimmen der Schwarzen Community in Deutschland geworden. Sie schreibt eine Kolumne für das SZ-Magazin und ist immer wieder in allen Medien gefragt, wenn es um die Anliegen Schwarzer Menschen in Deutschland geht. Wir haben mit ihr über Diversität, Racism Porn und Kinderbücher gesprochen.


Frauen­magazine gelten nicht als poli­tisch, warum also RosaMag?

Wir sind ja kein klassisches Frauenmagazin mit den fünf Tipps, wie du ihn besser zum Orgasmus bringst. Wir sind ein feministisches Magazin für Schwarze Frauen. So war ein Grund dafür, dass ich RosaMag gegründet habe, das Thema Brustkrebs. Ich hatte herausgefunden, dass Schwarze Frauen ein höheres Risiko haben zu erkranken. Es gab dazu Forschungen aus den USA und ich wollte wissen, wie ist das mit Schwarzen Frauen in Deutschland. Dann habe ich festgestellt, dass es nicht mal Daten gibt. Mir war aber wichtig, dass hier auch mal darüber geschrieben wird. Es gibt vieles, was Schwarze Frauen in Deutschland beschäftigt, über das nie berichtet wird. Wir geben zwar auch klassische Frauenzeitschriften-Tipps, etwa zur Afrohaarpflege, spiegeln damit aber immer die Themen der Schwarzen Community. Und nachdem es zum Beispiel zwei Magazine zum Thema UFOs gibt und sogar eines über Fleischesser, war ein Magazin für Schwarze überfällig.


Du magst den Begriff »Diver­sität« nicht. Warum?

Es ist ein Trendwort und die Forderung nach mehr Diversität in den Medien verschleiert, worum es wirklich geht. Was wir wollen ist: Realität! Denn jede:r vierte Deutsche hat Migrationshintergrund und trotzdem kommen diese Menschen in den Medien nicht entsprechend vor. Das ist ähnlich wie mit der Cellulite: 90 Prozent der Frauen haben sie, aber in den Medien sieht man nur glatte Beine. Wenn es aber etwas in der öffentlichen Wahrnehmung nicht oder kaum gibt, ist das auch eine Wertung: nicht normal, nicht schön. Sichtbarkeit gibt Macht. Ich wünsche mir vor allem mehr Realität.

Dich nervt sogenannter Racism Porn. Was meinst du damit?

Das Wort habe ich bei der Antirassismus-Trainerin Tupoka Ogette gelesen und es trifft sehr gut, was ich immer wieder erlebe. Dass die Leute nicht über strukturellen Rassismus sprechen wollen, sondern immer fragen: »Wie fühlt sich Rassismus für dich an? Erzähl mal, wie du es erlebt hast!« Racism Porn bedeutet, dass man Menschen, die von Rassismus betroffen sind, ausfragt und das spannend findet. In Interviews geht meist gleich die erste Frage in diese Richtung, denn es gilt als gutes Storytelling, Persönliches erzählen zu lassen. Für mich ist das unguter Betroffenheitsjournalismus, der schmerzhafte Erfahrungen breittritt und vor allem suggeriert, dass Rassismus nur ein Problem von Menschen ist, die davon betroffen sind. Dabei ist es ein gesamtgesellschaftliches Problem. Weiße Menschen haben auch etwas mit Rassismus zu tun, sie haben zum Beispiel Vorteile dadurch und sie sind diejenigen, die überhaupt dafür verantwortlich sind. Außerdem will ich nicht immer wieder in die Opferrolle hineingedrängt werden.


Viele Journalist:innen haben Probleme mit den neuen Vokabeln, sind unsicher, wie sie politisch korrekt schreiben. Bist du nun zum Beispiel eine Afrodeutsche oder eine Schwarze?

Schwarz und Afrodeutsch,  das sind beides Begriffe, die in der Schwarzen deutschen Bewegung entstanden sind, ich mag sie. Ich nenne mich Schwarze Frau – groß geschrieben–, das heißt aber nicht, dass sich alle Schwarzen mit diesem Begriff identifizieren müssen. Es gibt nicht die allgemeingültige Antwort. Zudem ist Sprache ja auch immer im Wandel, Begriffe verändern sich. Es kann sein, dass ein Wort irgendwann zur Beleidigung wird, das sieht man an dem Wort »schwul«. Sprache lebt. Aber für eine:n Journalist:in dürfte es kein Problem sein, herauszufinden,  was aktuell als politisch korrekte Sprache gilt. Ein Anruf bei der entsprechenden Community genügt.


Was hat sich seit der Black Lives Matter-Bewegung verändert?

Viele Medienhäuser haben realisiert, dass sie nicht so viele oder eher gar keine Schwarzen Menschen in den Redaktionen haben, überhaupt zu wenig Leute mit Migrationsgescchichte. Sie haben erkannt, dass sie deshalb viele Themen, viele Realitäten und viele Situationen nicht abdecken. Und ihnen ist klar geworden: Vielleicht können wir Rassismus nicht verstehen, weil wir Rassismus selbst nicht erleben. Wir werden sehen, ob sich die Strukturen nun tatsächlich nachhaltig verändern. Journalismus ist ein sehr elitärer, eindimensionaler Beruf, in dem immer wieder die gleichen Leute zu Wort kommen. Alle haben eine ähnliche Biographie. Aber ich habe kürzlich gelesen, dass seit einigen Jahren mehr Frauen auf die Journalistenschulen gehen als Männer. Das wird spannend zu beobachten sein.


Böse Zungen behaupten, es seien deshalb mehr Frauen, weil im Journalismus nicht mehr so viel Geld, Ruhm oder Erfolg winken?

Es ist schon so, dass sich Menschen eher in unsichere Berufe wagen, wenn sie wissen, dass sie noch ein Auffangbecken haben, etwa eine Familie, die zur Not einspringen kann. Menschen mit Migrationsgeschichte haben solche Privilegien selten. Wenn sie durch ein Studium den Aufstieg schaffen, entscheiden sie sich nicht leicht für einen prekären Beruf.  Aber nur, weil man People of Color in der Redaktion hat, ändert sich ja auch noch nicht alles automatisch. Weiße Redakteur:innen müssen lernen, wie man antirassistisch denkt.


Wie sollten Journalisten das angehen?

Es gibt jede Menge Coaching dafür. Wichtig wäre, sich bewusst zu werden: Der Eurozentrismus zieht sich durch unser ganzes Leben, schon von Kindergarten und Schule an. Wir agieren nicht bewusst rassistisch, aber wir reproduzieren rassistische Strukturen und festigen sie. Journalist:innen müssen üben, sich in unterschiedliche Lebensrealitäten hineinzuversetzen und sich fragen, entspricht das nur meiner Welt, gibt es womöglich Gruppen, die sich nicht damit identifizieren können?  Ein Beispiel: Kinderbücher, fast immer gibt es darin ein freistehendes Haus mit Garten. Meine Freudinnen (auch die weißen) und ich sind alle in einer Wohnung aufgewachsen. Keine lebte in so einem Haus. Solche Bücher erzählen nicht von unserer Welt.


Weil wir gerade bei Kinderbüchern sind: Über Pippi Langstrumpf wird gerade viel diskutiert. Was hältst du davon?

Es war noch nie schön, das N-Wort zu verwenden. Lange hatten Schwarze Menschen nicht die Möglichkeit zu sagen, das ist rassistisch. Vor allem in Kinderbüchern, mit denen schon kleine Kinder dieses Wort lernen, muss das N-Wort gestrichen werden. Und diese Nostalgie um die die sogenannte gute alte Zeit kommt aus der privilegierten Position, die man als Weiße:r hat. Wer sagt, ich möchte das Wort beibehalten, weil das Buch mich an eine schöne Kindheit erinnert, übersieht, dass Sprache marginalisierende Strukturen festigt. Dass aber aktuell überhaupt über die Bücher diskutiert werden darf, ist ein Fortschritt. Es zeigt, dass endlich mehr Menschen mitreden. Mit Pippi Langstrumpf konnte ich mich übrigens überhaupt nicht identifizieren. Das Mädchen ist reich und privilegiert, weil ihr Vater schwarze Menschen versklavt. In meinem Kinderzimmer gab es eher die Frage, warum sehe ich wie diese Sklaven aus? Das ist keine schöne Erinnerung.

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