Umstrittener Begriff

Was ist jetzt ei­gent­lich »po­li­ti­scher Is­lam«?

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Seit Jahren diskutiert das Land darüber, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht. Mit dem Begriff »politischer Islam« wurde nun eine vermeintliche Antwort gefunden: »Ein« Islam gehöre zwar zu Deutschland, nicht aber der »politische Islam«. Doch so einfach ist es nicht.

Von Elias Kapeller

Seit Ex-Bundespräsident Christian Wulff 2010 sagte, dass »der Islam inzwischen auch zu Deutschland gehört«, lässt uns dieser Satz nicht mehr los. Jahrelang wurde darüber diskutiert, debattiert und gestritten. Stunden um Stunden an Talkshows wurden gesendet, Seiten um Seiten an Kolumnen und Artikel geschrieben und noch immer gibt es keine Einigkeit.

Zwei CDU-Politiker versprechen nun, eine differenzierte Antwort gefunden zu haben. Anfang dieses Jahres gaben Carsten Linnemann und Winfried Bausback ein Buch mit dem Titel »Der politische Islam gehört nicht zu Deutschland« heraus. Darin erläutert eine Reihe namhafter Autoren und Autorinnen die Probleme des »politischen Islams«. Es gehe um Gefahren für den Rechtsstaat, Hindernisse bei der Integration und die Entstehung von Parallelgesellschaften.

Man könnte Bausbacks und Linnemanns Antwort auf die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, folgendermaßen zusammenfassen: Während ein Islam durchaus in gewisser Form zu Deutschland gehören kann, so gehört der »politische Islam« sicher nicht dazu. Denn jener sei demokratiefeindlich, militant und fundamentalistisch. Auf den ersten Blick scheint das ein guter Kompromiss zu sein. Schließlich betonen die Autoren, dass sie sich um Differenzierung bemühten und nicht verallgemeinern wollten.

Viele Fragen bleiben dennoch offen: Was ist jetzt eigentlich »politischer Islam«? Ist es einfach nur ein Synonym für Islamismus? Und wenn ja, wie definiert man Islamismus? Was unterscheidet Islamismus von islamischem Fundamentalismus? Treten diese beiden Phänomene stets zusammen auf oder sind sie gar identisch? Es sind nicht nur Linnemann und Bausback, die diese Fragen offen lassen oder zumindest nur vage beantworten. Die Ethnologin Susanne Schröter benutzt in ihrem Buch Politischer Islam, Stresstest für Deutschland den Begriff des »politischen Islam« synonym mit »Islamismus« und setzt beide wiederum mit »islamischem Fundamentalismus« gleich. Ähnlich gehen auch Bausback und Linnemann vor: Der »politische Islam« ist all das, was demokratiefeindlich, radikal und nicht friedlich erscheint. Aber warum spricht man dann nicht einfach von »islamischem Fundamentalismus«? Wird der Islam erst fundamentalistisch, wenn er »politisch« wird? Wenn ja, gilt das auch für andere Religionen?

Genau diese Gleichsetzung von »politischer Islam« und Fundamentalismus ist zu hinterfragen, denn in der Wissenschaft wird dieser Begriff bei weitem nicht nur für »fundamentalistische« Phänomene verwendet. Der Begriff ist fluide, die genaue Bedeutung hängt vom Kontext seiner Benutzung ab. Ein Blick in die Geschichte des »politischen Islams« zeigt: Man findet viele Phänomene, die man durchaus als »politisch« bezeichnen kann - jedoch nicht als »fundamentalistisch«.

Auch Mo­der­nis­ten und Re­for­mer sind Teil des »po­li­ti­schen Is­lams«

Wichtig ist hierbei zu wissen, dass die Begriffe »Islamismus« und „politischer Islam« als westliche Fremdbezeichnungen entstanden sind. Es sind keine Begriffe, die Muslime selbst benutzt haben. Mit beiden Bezeichnungen wurden eine Reihe von Bewegungen, Parteien und Einzelpersonen beschrieben, die Ende des 19. und über das 20. Jahrhundert hinweg in der mehrheitlich-muslimischen Welt aktiv waren: darunter die Muslimbrüder in Ägypten oder Ruhollah Khomeini im Iran.

Die meisten Historiker identifizieren daher das späte 19. Jahrhundert als Anfangszeit des politischen Islams. Genauer bezieht man sich hier auf die Gelehrten Dschmal ad-Din al-Afghani (1837-97), Muhammad Abduh (1849-1905) und Rashid Rida (1865-1935). Was schon das erste Problem kreiert: Denn zum einen gelten diese Männer zwar als Vordenker des politischen Islams bzw. des Islamismus; sie gelten aber auch als Reformer und Modernisten.

Vor allem al-Afghani und sein Schüler Abduh waren alles andere als Fundamentalisten. Al-Afghani äußerte sich sogar hin und wieder nahezu islamkritisch. So warf er dem Islam bzw. der Religion im Allgemeinen vor, wissenschaftsfeindlich zu sein. Er plädierte für eine Trennung von Wissenschaft und Religion. Muhammad Abduh bemühte sich sowohl um interreligiösen als auch um interkonfessionellen Dialog. Desweiteren war er ein scharfer Kritiker der Vielehe. Er betrachtete sie als überholt und nicht mehr zeitgemäß.

Der Pan-Is­la­mis­mus for­der­te ei­ne ge­mein­schaft­li­che, na­tio­nen­über­grei­fen­de, mus­li­mi­sche Iden­ti­tät

Abduh forderte, dass Koran und Scharia stets im Kontext ihrer zeitlichen Entstehung betrachtet werden sollten. Nur so könne man den »ursprünglichen«, »wahren« Islam ergründen. Aber was machte die beiden nun zu Vordenkern des Islamismus bzw. des politischen Islams? Sie waren Vertreter des »Pan-Islamismus«. Ihr Ziel war es, eine gemeinschaftliche, nationenübergreifende, muslimische Identität zu formulieren. Der Islam sollte als vereinende Kraft gegen den europäischen Imperialismus fungieren. Die Religion nahm hier also durchaus eine politische Funktion ein. Mit »Fundamentalismus« hatte das aber wenig zu tun. Rashid Rida unterschied sich von diesen Vorläufern. Er entwickelte deutlich konservativere Ansichten. Rida sollte letztlich sogar Hassan al-Banna inspirieren, den Gründer der Muslimbrüder. Aber selbst nach Rida und al-Banna kann man den »politischen Islam« nicht pauschal mit Fundamentalismus gleichsetzten.

Der So­zio­lo­ge Ali Sharia­ti ver­trat ein pro­gres­si­ves Frau­en­bild und war So­zia­list - ist das nun un­po­li­tisch

Der Soziologe Ali Shariati (1933-77) gilt als einer der wichtigsten islamistischen Vordenker im Iran. Wenn man jedoch einen Blick in seine Werke wirft, so wird man auch hier wenig finden, das man als »fundamentalistisch« bezeichnen könnte. So vertrat Shariati ein recht progressives Frauenbild. In »Man and Islam« betont er, dass Mann und Frau absolut gleich sind. Die ideale, muslimische Frau war für ihn keine klassische Hausfrau. Vielmehr eine politische Aktivistin und Revolutionärin. Außerdem verstand Shariati viele Stellen des Korans rein allegorisch. So hat die Schöpfungsgeschichte für ihn rein symbolischen Charakter und war kein historisches Ereignis.

Was aber machte Shariati zu einem Islamisten bzw. zu einem Vertreter des »politischen Islam«? Er war einer der wichtigsten Vorreiter des »islamischen Sozialismus«. Shariati verband islamische Ethik und Theologie mit marxistischer Theorie und linkem Aktivismus. Das zeichnete den politischen Charakter seiner Ideen aus. Eine von Shariati inspirierte Gruppierung ist heute in der Türkei aktiv. Die »antikapitalistischen Muslime« (Antikapitalist Müslümanlar), gegründet vom Theologen Ihsan Eliaçik.

Eliaçik und seine Vereinigung stellen sich gegen die Politik Erdoğans. Sie nahmen an den Gezi-Protesten teil, kritisieren die in ihren Augen »kapitalistische, ausbeuterische Politik« der AKP und verurteilen den derzeitigen Angriffskrieg in Nordsyrien. Eliaçik selbst hat sich auch für die Akzeptanz von Homosexuellen in muslimischen Gemeinden ausgesprochen. Ist das »Fundamentalismus«? Bestimmt nicht. Ist das »politischer Islam«? Natürlich, warum sollte es keiner sein? Mit »Sozialismus« und »Antikapitalismus« benutzt man hier sogar klassisch politische Begriffe als Selbstbezeichnung. Es sind also bei weitem nicht nur Formen des Fundamentalismus, die mit diesem Wort beschrieben werden.

Selbst die Ex­tre­mis­ten sind nicht Teil »ei­ner« Be­we­gung

Das ist jedoch nicht das einzige Problem. Der Sozialwissenschaftler Ruud Koopmans ist einer der Mitwirkenden von »Der politische Islam gehört nicht zu Deutschland«. Er spricht von »einer totalitären Bewegung« in Bezug auf den politischen Islam. Selbst wenn man nur Gruppen in den Blick nimmt, auf welche das auch zutrifft - Gruppierungen welche in der Tat demokratiefeindlich, totalitär und/oder gewaltbereit sind wie der IS, al-Qaida oder die Hezbollah - kann man schwer von einer Bewegung sprechen. Das ist nicht einfach ein Phänomen.

Nehmen wir den IS als Beispiel. Diese Terrororganisation verfolgt Nicht-Muslime (Christen, Jesiden, Atheisten usw.), aber auch (in den Augen des IS) »falsche Muslime« wie z.B. Schiiten. Wir assoziieren mit dieser Gruppe also eine radikale, konfessionelle Homogenität. Einen Kontrast dazu bildet die libanesische Hezbollah. In den Reihen dieser schiitisch-islamistischen Gruppierung finden sich nicht nur schiitische Muslime. Auch Sunniten und sogar einige maronitische Christen sind Teil der Hezbollah. Natürlich ist die Hezbollah deshalb nicht »harmlos« oder gar im Einklang mit demokratischen und freiheitlichen Werten. Sie ist hochgradig antisemitisch und gewaltbereit. Dennoch ist sie anders als etwa der IS und andere islamistische Milizen.

Ein weiteres Beispiel: Die türkische AKP wird nicht einfach nur als »islamistisch« beschrieben, sondern oft auch als »nationalistisch«. Türkischer Nationalismus und Nationalstolz sind ein zentraler Bestandteil der AKP-Ideologie. Islamisten wie Sayyid Qutb jedoch waren und sind entschieden anti-nationalistisch. Qutb zufolge ist es das Ziel des Islams Kategorien wie Nation und Nationalstolz zu überwinden.

Was diese Beispiele zeigen sollen: Selbst jene Gruppierungen, die gefährlich und demokratiefeindlich sind, unterscheiden sich stark. Auch diese Gruppen haben nicht die exakt selben Ziele und Methoden. Sie sind nicht alle Teil ein und derselben Bewegung.

War­um dann über­haupt ein »po­li­ti­scher Is­lam«?

Der Begriff »politischer Islam« beschreibt Gruppen, Parteien und Einzelpersonen, welche den Islam – in irgendeiner Art und Weise – als Grundlage für ein politisches Programm verwenden. Mit Hilfe des Islams werden hier Ziele für die Gesellschaft formuliert. Mehr sagt der Begriff aber nicht. Er sagt nichts über die totalitären, gewalttätigen oder fundamentalistischen Tendenzen einer Gruppierung aus. Auch nichts über ihr Frauenbild oder ihre Position zur Demokratie. Während die Absichten von Linnemann und Bausback durchaus lobenswert sein mögen, liegen sie mit dieser Begriffswahl dennoch daneben.

Warum wird dieses Wort überhaupt verwendet, wenn es so vage ist? Wenn in den Medien vom »politischem Islam« die Rede ist, wird meist eine ganze Masse an Themen angesprochen: Mal geht es um Dschihadismus oder um demokratiefeindliche Parteien. Dann wieder um Kopftücher, Geschlechtertrennung in der Schule, Schweinefleisch in der Kantine oder um Weihnachtsmärkte und Minarette. Mit dem Begriff werden also nicht nur Bewegungen und Gruppen beschrieben, die tatsächlich gefährlich und demokratiefeindlich sind. Alles potentiell »Unliebsame« wird derzeit als »politischer Islam« gebrandmarkt. Der Begriff differenziert also nicht, wie er es eigentlich sollte, sondern stigmatisiert.

Was aber soll oder könnte man anstelle des »politischen Islam« verwenden? Man könnte von »islamischem Fundamentalismus« sprechen, aber auch das ist recht ungenau. Eine konkretere Arbeitsdefinition von »Islamismus« wäre vielleicht hilfreich. Derartige Definitionen gibt es bereits. Sie beschränken den »Islamismus« allein auf die Etablierung eines totalitären Staates. Man könnte auch versuchen, sich von so pauschalen Kategorien so gut es geht zu verabschieden und stattdessen jedes einzelne Phänomen konkret benennen: Wahhabismus, Khomeinismus, Neoosmanismus. Weniger Hysterie und mehr Präzision würden der Debatte sicherlich gut tun.

 

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