Homophobie

Ali Ghandour

Ist »der Is­lam«

ho­mo­phob?

Historische Abbildung von Zahir al-Din Muhammad Babur (1483-1530). Der einstige Begründer des Moghulreiches (links) ist bekannt für seine homoerotische Lyrik.

In vielen Teilen der muslimisch geprägten Welt werden Homosexuelle bis heute verfolgt. In Europa gehen deshalb viele davon aus, dass der Ursprung dieser Intoleranz in der muslimischen Tradition liegt. Doch das ist zu kurz gedacht.

Ein Essay von Ali Ghandour

Die Frage, wie der Islam zur Homosexualität steht, ist immer wieder Gegenstand von Diskussionen. Doch schon die Frage ist problematisch, denn sie suggeriert, dass es eine Position des Islams gäbe, die end- und allgemeingültig wäre. Zudem geht sie davon aus, dass Begriffe wie »Homophobie« und »Homosexualität« universelle Kategorien wären.

Genauer betrachtet können wir »dem Islam« kaum etwas zuschreiben. Wir können lediglich Positionen muslimischer Gelehrter oder muslimische Praxis in unterschiedlichen Kontexten untersuchen. Auch »Homosexualität« ist laut Michel Foucault eine konstruierte, historisch bedingte Kategorie. Sie entwickelte sich in Europa erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. In der Zeit davor sprachen die Menschen vielmehr von Handlungen. Erst mit der Entstehung der Sexualwissenschaft fingen Wissenschaftler an, eine homosexuelle Identität zu konzipieren. Foucault spricht in diesem Zusammenhang bewusst provokativ von einer »Spezies«, die damals erfunden wurde.

Es geht uns dabei nicht darum, das Konzept der Homosexualität in Frage zu stellen, das heute durchaus eine Realität ist - sondern eher darum, dass wir uns bewusst sein sollten, dass es dieses Konzept nicht schon immer gegeben hat. Homosexualität als eine Identität oder gar Lebensform, die mit bestimmten Charakteristika einhergeht, ist vor dem 19. Jahrhundert schlicht unbekannt.

Auch die mus­li­mi­sche Li­te­ra­tur kennt kei­ne »Ho­mo­se­xua­li­tät« – nur se­xu­el­le Hand­lun­gen

Da es den Begriff der Homosexualität in der muslimischen Normenlehre bis zum 20. Jahrhundert ebenfalls nicht gab, ist man als Wissenschaftler heute oft versucht, sie in frühere Quellen hineinzulesen. So wird beispielsweise das arabische Wort liwāt (= Analverkehr) heute sowohl von manchen Muslimen als auch von einigen Experten fälschlicherweise als Synonym für Homosexualität benutzt. Diese Übersetzung ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich, wie wir noch sehen werden. Denn liwāt bezeichnet – in seiner allgemeinen Verwendung – eine konkrete Tätigkeit: die anale Penetration eines Mannes durch einen anderen Mann. Liwāt ist weder eine Veranlagung noch eine Sammlung an Persönlichkeitszügen. Einen Mann zu lieben, oder sich zu einer Person des eigenen Geschlechts hingezogen zu fühlen, ist eben kein liwāt.

In den früheren muslimischen Werken vor dem 20. Jh. wurde einzig der Analverkehr zwischen zwei Männern behandelt und normiert. Hier finden wir die unterschiedlichsten und gegensätzlichsten Positionen, wie damit umzugehen sei: von der Todesstrafe bis zur Nichtsanktionierung. In diesem Zusammenhang müssen allerdings drei Punkte klargestellt werden.

Erstens: Im Koran oder in der Tradition des Propheten haben wir keine Stellen, die den Analverkehr zwischen Männern, geschweige denn homosexuelle Neigungen, explizit sanktionieren. Es gibt hierzu zwar Überlieferungen, diese sind jedoch nach Ansicht mehrerer anerkannter Gelehrter, wie Ibn Hazm (gest. 1064) oder al-Asqalānī (gest. 1449) nicht authentisch. Aus diesem Grund haben die Gelehrten für ihre Argumente alternative Rechtsquellen benutzt, wie beispielsweise den Analogieschluss. Es ist zu erwähnen, dass der Analverkehr zwischen zwei Männern in vormuslimischer Zeit bei Juden, Christen und Zoroastriern als verwerfliche Tat eingestuft wurde. Den damaligen Normen entsprechend waren dafür der Tod oder andere Körperstrafen vorgesehen. Wir müssen uns also auch fragen, inwieweit die Positionen der damaligen muslimischen Gelehrten ein Echo damaliger persischer und rabbinischer Vorstellungen waren?

Zweitens: Die für Analverkehr vorgesehenen Strafen waren theoretischer Natur und wurden nie praktisch umgesetzt. Es existiert kein Bericht darüber, dass diese Strafen vor dem 20. Jahrhundert auch nur ein einziges Mal angewendet wurden. Die Mindestanzahl der erforderlichen Zeugen für eine Verurteilung wegen zwischenmännlichem Analverkehrs war vier. Alle vier mussten die Penetration mit bloßem Auge gesehen haben und weitere Kriterien erfüllen, die kaum zu erfüllen waren.

Drittens: Die damaligen Juristen haben allein die Penetration sanktioniert - nicht etwa Neigungen oder die Bewunderung männlicher Schönheit. Es ist daher fatal, das Wort liwāt in muslimisch-juristischen Texten als »Homosexualität« im modernen Sinne zu verstehen. Denn dann würde sich jeder Mensch mit homosexueller Neigung automatisch strafbar machen. Dies hat jedoch keiner der traditionellen Gelehrten gefordert. Auch Küsse oder intime Berührungen wurden im Bereich des vormodernen muslimischen Strafrechts nicht behandelt und scheinen die Gelehrten genauso wie die Intimität zwischen Frauen schlicht nicht sonderlich interessiert zu haben.

Gleich­ge­schlecht­li­che Lie­bes- oder Sex­be­zie­hun­gen wa­ren in der Pra­xis lan­ge weit ver­brei­tet

Die juristische Perspektive ist jedoch nur ein Teilaspekt der Gesellschaft. Bei der Untersuchung der muslimisch geprägten Gesellschaften zwischen dem 8. und 19. Jahrhundert stellt sich nämlich heraus, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen in Form von reinen Liebes- oder Sexbeziehungen nicht nur weit verbreitet waren, sondern häufig sogar eine Form von Normalität darstellten.

Diese Zeit wird in der Literatur als das »Zeitalter der Geliebten« bezeichnet: eine Ära, die ihren Ursprung in der Zeit der Abbasiden-Dynastie (750–1258) hatte. Das »Zeitalter der Geliebten« erstreckte sich über die osmanischen, persischen und mogulischen Reiche bis zum frühen 20. Jahrhundert. In dieser Zeit begegnen uns gleichgeschlechtliche Beziehungen in allen gesellschaftlichen Schichten. Die Quellen enthalten reichlich Material über Kalifen, Wesire, Generäle, Dichter und Händler, die gleichgeschlechtliche Beziehungen unterhielten. Zu dieser Zeit wurden Tausende homoerotische Gedichte verfasst. Thomas Bauer zufolge war die arabische Liebesdichtung seit dem 8. Jahrhundert etwa zur Hälfte homoerotisch geprägt.

Schon ab dem 13. Jahrhundert finden wir auch in europäischen Reiseberichten Hinweise darauf, dass in muslimischen Reichen gleichgeschlechtliche Beziehungen, sowohl sexueller Natur als auch in Form platonischer Liebesbeziehungen, zum gewöhnlichen Stadtleben gehörten. Diese Schilderungen von Fremden dienen allerdings nur als Bestätigung dessen, was wir ohnehin schon aus zahlreichen arabischen, osmanischen und persischen Quellen erfahren.

Wann än­der­te sich der to­le­ran­te Um­gang der Mus­li­me mit gleich­ge­schlecht­li­cher Lie­be? Und wa­rum?

Die Verfolgung und Kontrolle von Männern, die andere Männer begehrten, war in den meisten muslimischen Gesellschaften vor dem 20. Jahrhundert also weitgehend unbekannt. Vielmehr waren gleichgeschlechtliche Liebe und Sex als Phänomene in vielen muslimisch geprägten Gesellschaften der Vormoderne verwurzelt, mindestens aber in deren urbanen Ausprägungen. Teilweise waren solche Beziehungen sogar institutionalisiert und unterlagen festen Gepflogenheiten.

Doch wenn dem so ist, müssen wir auch fragen: Warum hat sich all das so radikal geändert? Warum ist Homophobie heute unter Muslimen so weit verbreitet?

Der Kolonialismus hat hier gewiss eine Rolle gespielt. Die meisten muslimisch geprägten Gesellschaften haben im Zuge der Kolonialherrschaft die »Homosexualität« als Begriff importiert, anhand dessen man Menschen kategorisieren und vor allem ausschließen konnte. Auch der moderne Nationalstaat war eine der Ideen, die die europäischen Kolonialmächte in muslimisch geprägte Gesellschaften hineintrugen. Beide Ideen wurden dazu missbraucht, Menschen zu kontrollieren und zu untersuchen.

Gepaart mit modernen religiösen Ideologien sind dies die Hauptzutaten einer Politik, die Homosexuelle, Andersdenkende und Oppositionelle bis heute als »Andere“ betrachtet und in ihnen eine Gefahr sieht. An diesem Anderen demonstrieren autokratische Regime ihre Macht. Indem sie diese »Außenseiter« in Bildung, Medien und öffentlichem Leben negativ darstellten, verfestigte sich diese Haltung auch in der Gesellschaft. Dieser prekäre Zustand hindert auch den theologischen Diskurs daran sich weiterzuentwickeln. Zeitgenössische Erkenntnisse der Natur- und Sozialwissenschaften werden teilweise bis heute nicht rezipiert.

Mehrere Jahrzehnte nach dem Ende des Kolonialismus sehen wir in den muslimisch geprägten Gesellschaften deshalb Generationen von Muslimen, die glauben im Sinne ihrer Religion zu handeln, wenn sie die Sexualität »der Anderen« kontrollieren. Dabei sind die Kontrolle, Verfolgung, Unterdrückung und Tötung von Homosexuellen ebenso moderne Phänomene wie die Erfindung des Homosexuellen an sich. Und sie haben ihren Ursprung dort, wo gerade Strenggläubige sich sonst nur ungern inspirieren lassen: In der westlichen Moderne und im Kolonialismus.

 

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