Von Nimet Şeker

Isla­mi­scher Fe­mi­nis­mus: ein Wi­der­spruch in sich?

Im Jahr 2005 leite die muslimische Feministin Amina Wadud in New York ein gemischt geschlechtliches Gebet. Vielerorts sorgte das für Kontroverse. (Foto: Flickr)

Islam und Feminismus: Vielen Muslimen, aber auch vielen Nichtmuslimen, gilt das als Widerspruch. Dabei gibt es inzwischen viele Frauenbewegungen, die sich für Gleichberechtigung einsetzen - aus dem Islam heraus.

Ein Essay von Nimet Şeker

Im letzten Jahrhundert ist eine globale Bewegung entstanden, die sich »islamischer Feminismus« nennt. Sie strebt die gesellschaftliche, politische und rechtliche Gleichstellung der Geschlechter in muslimischen Gemeinschaften an und begründet dies mit den religiösen Quellen des Islams.

Islam und Feminismus: Für viele Kritiker – sowohl von muslimischer Seite als auch aus der säkular-feministischen Ecke – gelten sie als miteinander unvereinbare Prinzipien. Und doch gewinnt die Bewegung des islamischen Feminismus in allen Teilen der Welt an Zuwachs. Manche Vertreterinnen bezeichnen sich selbst als Feministinnen, andere vermeiden diese Selbstbezeichnung - auch wenn sie für ähnliche Ziele kämpfen wie Feministinnen. Es ist eine Bewegung, die von muslimischen Frauen angeführt wird, aber auch viel Unterstützung von muslimischen Männern erfährt.

Für viele Muslimas steht ihr Glaube nicht im Widerspruch zu feministischen Zielen und Idealen. Viele beobachten eine Diskrepanz zwischen dem Ideal der Gleichheit aller Menschen im Islam und der gelebten Realität in ihren jeweiligen muslimischen Communities. Ihre Überzeugung ist, dass Frauen mit der Botschaft ihres Propheten Muhammad umfassende politische, gesellschaftliche und ökonomische Rechte und Autonomie zugestanden wurden. Ihr Ziel ist es, ein gerechtes Verhältnis zwischen den Geschlechtern herzustellen. Muslimische Feministinnen berufen sich also auf Gott und auf den Propheten Muhammad. Dabei kommt es vor, dass sie den Internationalen Menschenrechtskodex genauso heranziehen.

 

Mus­li­mi­sche Fe­mi­nis­tin­nen ar­gu­men­tie­ren für Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit aus dem Islam selbst heraus


Gleichzeitig sind in vielen muslimischen Ländern säkulare Feministinnen aktiv. »Säkular« muss in diesem Zusammenhang nicht unbedingt bedeuten, dass sie den Islam per se ablehnen. Vielmehr meinen sie, dass in der heutigen Welt die Implementierung des Islams als eine politische Ordnung Ungleichheit und Ungerechtigkeit schafft.

Dagegen argumentieren muslimische Feministinnen, dass nur aus dem Islam heraus wahre Geschlechtergerechtigkeit hergestellt werden könne. Ihr Aktivismus richtet sich oftmals gegen islamistische Aktivitäten und Bestrebungen, die den Frauen nicht ihre von Gott zugesprochenen Rechte zugestehen und sie von der Teilhabe am öffentlichen und wirtschaftlichen Leben ausschließen.

Als Reaktion gegen den politischen Islamismus vertreten einige Strömungen des islamischen Feminismus in der islamischen Welt daher durchaus eine politische Programmatik, die sich aus dem Islam speist. Beide feministischen Strömungen – sowohl die säkulare, als auch die islamische – verfolgen sehr ähnliche Ziele, basieren aber auf unterschiedlichen Prämissen.

Die Bewegung hat sich bereits im 19. Jahrhundert voneinander unabhängig in verschiedenen Teilen der islamischen Welt entwickelt. Eine der ersten muslimischen Feministinnen war die afrikanische Gelehrte und Autorin Nana Asma’u (gest. 1864). Auch die ägyptische Schriftstellerin und Aktivistin Aisha Taymur (gest. 1902) gehörte zu den ersten Frauen, die sich für Frauenrechte aus einer islamischen Perspektive einsetzten.

Frauen aus den gebildeten Schichten in vielen Teilen der islamischen Welt begannen in dieser Zeit, sich vor allem für Bildung und finanzielle Unabhängigkeit einzusetzen. Diese Entwicklung setzte sich ungebrochen im 20. Jahrhundert fort. Gegen massiven Widerstand engagierte sich etwa die bengalische Schriftstellerin Begum Rokeya für die Bildung von Frauen und Mädchen und gründete 1916 die Muslim Women’s Association.

In Ägypten legte die Aktivistin Huda Sha’rawi als erste Frau aus der Oberschicht ihren Gesichtsschleier in der Öffentlichkeit ab und organisierte im Zuge der Ägyptischen Revolution 1919 Demonstrationen gegen die britische Besatzung Ägyptens und des Sudan. Wenige Jahre später war es in der Türkei Latife Uşşaki, genannt Latife Hanım, die maßgeblich die Gesetze zur Frauenemanzipation in der Türkei initiierte und entsprechende Texte verfasste. In der kurzen Zeit, in der sie mit Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk verheiratet war, schrieb sie seine Reden und brachte die rechtliche und politische Neuordnung des Landes maßgeblich voran. Latife Hanım trat auch in der Öffentlichkeit selbstbewusst auf. Umso schmerzhafter war es für sie, dass Atatürk nach traditionellem islamischem Recht einseitig die Scheidung der Ehe aussprach.

Muslimische Fe­mi­nis­tin­nen in EUROPA und den USA kämp­fen oft auch gegen Ras­sis­mus

Während Latife Hanım sich für einen kompromisslos säkularen Feminismus einsetzte, entwickelte sich später im 20. Jahrhundert zunehmend der islamische Feminismus sowohl auf globaler als auch auf lokaler Ebene. Dabei haben Vorkämpferinnen für Frauenrechte in Saudi-Arabien andere Ziele als beispielsweise muslimische Frauen in Deutschland oder den Vereinigten Staaten. Hier richtet sich die Arbeit von muslimischen Feministinnen nicht nur gegen patriarchalische Strukturen in der Gesellschaft, sondern auch gegen antimuslimischen Rassismus und Islamfeindlichkeit.

Muslimische Feministinnen vertreten die Auffassung, dass mit der Verkündung des Propheten Muhammad eine herrschaftskritische Revolution eintrat, die vor allem auch zur immensen Verbesserung der Frauenrechte in der Spätantike beitrug. Diese Betrachtung der frühislamischen Geschichte ist aber keine neue, sondern wird zum großen Teil von der traditionellen islamischen Geschichtsschreibung und von frühen theologischen Schriften gestützt.

Tatsächlich lassen sich in vielen Werken der alten Gelehrten auch feministische Ideen finden. So meinte etwa der Mystiker Ibn Arabi, dass Frauen dasselbe spirituelle Potential haben wie Männer. In der klassischen islamischen Rechtsliteratur werden den Frauen umfassende Rechte im Bereich von Ehe, Scheidung, Erbe und finanzieller Autonomie zugestanden.

Aber nicht alle muslimischen Feministinnen teilen die Prämisse, dass die traditionelle Gelehrtenliteratur auch im Sinne der Frauengerechtigkeit verfasst wurde. Vielmehr sei das wahre emanzipatorische Potential des Korans und der Botschaft Muhammads von männlichen Gelehrten minimiert und sogar untergraben worden.

2005 leitete die Fe­mi­nis­tin Amina Wa­dud in New York ein ge­mischt­ge­schlecht­li­ches Frei­tags­ge­bet

Konsequent lehnt eine Strömung des feministischen Denkens im Islam daher traditionelle Gelehrtenmeinungen und traditionelles Wissen ab und vertritt die Auffassung, dass der Koran völlig neu interpretiert werden müsse. Wichtige Vertreterinnen dieser Richtung sind die Politikwissenschaftlerin Asma Barlas und die Frauenrechtsaktivistin Amina Wadud, die 2005 mit der Leitung eines gemischtgeschlechtlichen Freitagsgebets in New York weltweit Aufsehen erregte.

Feministische Koranexegetinnen betonen, dass Männer und Frauen vom Schöpfer als gleichwertige Wesen erschaffen worden sind, und berufen sich dabei auf zahlreiche Koranverse. Ebenso seien Verantwortung, Respekt und Liebe füreinander als ein Ideal der islamischen Ehe im Koran verankert. Zugleich kämpfen sie auch dafür, dass Frauen als Vorbeterinnen in Gemeinden wie auch als religiöse und theologische Autoritäten Anerkennung bekommen. Dazu gehört auch die Forderung nach gleichem Zugang von Frauen zu Moscheen, vor allem beim Freitagsgebet, wo Frauen häufig räumlich verdrängt werden. Aus diesem Grunde gibt es in China bereits reine Frauenmoscheen. Aber auch die Anerkennung und finanzielle Entlohnung von weiblicher Care-Arbeit wird gefordert.

Doch es gibt auch Kritik am westlichen, »weißen« Feminismus. Vielen gilt die westliche Islamkritik im Mantel des Feminismus als eine neue Form der alten Kolonialpolitik, die weiterhin kulturelles Hegemoniedenken pflegt und die kulturelle sowie religiöse Andersheit muslimischer Frauen verachtet. Der britische Konsul in Ägypten Lord Cromer (1883-1907) verkörperte dies.

Cromer meinte, dass die westliche Zivilisation in Ägypten eingeführt und dazu vor allem die Verhüllung von Frauen als Kernproblem der islamischen Misogynie aufgehoben werden müsse. Doch zu Hause in England gründete Cromer 1909 eine Organisation, die vehement gegen das Wahlrecht von Frauen kämpfte. Wegen derartigen Aktivitäten ist der Begriff »Feminismus« für viele Muslimas negativ besetzt. Aber auch die anhaltenden islamfeindlichen Kampagnen westlicher Feministinnen wie die von Alice Schwarzer oder Organisationen wie Terre des Femmes erschweren eine Identifikation mit dem »Feminismus«. Viele sehen darin nämlich eine neue Form des Kolonialismus.

 

Die Beiträge auf BLIQ geben nicht zwingend die Meinung von CLAIM oder den einzelnen Allianz-Mitgliedern wieder. Die Allianz-Mitglieder haben keinen Einfluss auf die redaktionelle Arbeit von BLIQ.