Hybride Identitäten

Amani Abuzahra

Österreichisch und Muslimisch? Ja, Das Geht zusammen!

Amani Abuzahra ist Philosophin, Trainerin in der Erwachsenenbildung und Autorin. In ihrer Arbeit setzt sie sich mit den Themen Intrakulturelle Öffnung, Rassismus, hybride Identität und das Zusammenleben in einer diversen Gesellschaft auseinander. 2017 ist ihr Buch »Mehr Kopf als Tuch: Muslimische Frauen am Wort« im Tyrolia-Verlag erschienen.

Mehrere Identitäten gleichzeitig zu haben - das scheint für viele Menschen immer noch undenkbar. Für unsere Autorin und viele andere Menschen mit mehr als einem Herkunftsland ist es hingegen selbstverständlich. In diesem Essay plädiert sie für eine Heimat der Widersprüche.  

Ein Essay Von Amani Abuzahra

»Man kann nicht ein bisschen schwanger sein. Entweder man ist es oder ist es nicht. Genauso verhält es sich mit der Heimat. Heimat kann man nur eine haben. Mehrere gleichzeitig als sein Zuhause zu verspüren, ist nicht möglich. Entweder Sie sind Muslimin oder Österreicherin. Entweder man ist schwanger oder eben nicht«, entgegnet er mir vor einem Publikum von gut 200 Leuten. So schnell kann man im gegenwärtigen Identitätsdiskurs gar nicht schauen, da bekommt man schon an den Kopf geknallt, dass die eigene Lebensweise unmöglich sei. Das innere Gefühl der Zugehörigkeit zu mehr als nur einem Land, in meinem Fall Österreich, das sei doch ein Trugschluss. Meint er.

Doch wer ist er, der mein Selbstbild, ja meine Lebensrealität in Abrede stellt? Nun, fassen wir es mal so zusammen: ein weißer, älterer Herr, der mich – also eine junge muslimische, österreichische, sich selbst als »kulturell hybrid« bezeichnende Frau - belehrt. Mansplaining trifft auf Rassismus. Er erklärt mir, dass mein gelebtes Selbstverständnis einer hybriden Identität so nicht möglich und die vielen Facetten meines Seins nicht miteinander vereinbar seien.

Sogar für wissenschaftlich ausgeschlossen hält er es, das soll offenbar sein Verweis auf die Schwangerschaft belegen. All dies ereignet sich im Rahmen eines öffentlichen Gesprächs über Heimatort/e. Mein Diskussionspartner und ich sind eingeladen zunächst darüber zu referieren, was ein Zuhause zur Heimat macht. Um uns dann darüber auszutauschen, inwiefern es sich bei Heimat um einen oder mehrere konkrete Orte handelt - oder ob sie nicht vielmehr ein Gefühl darstellt.

Ich be­an­spru­che meh­re­re Hei­ma­te als mei­ne

Unsere Meinungen divergieren. Das ist an sich auch gut so, denn durch die verschiedenen Zugänge ergeben sich neue Gedankenwege und Möglichkeiten zur Reflexion. Was ich nicht akzeptieren kann, ist, dass er mir in Abrede stellt, mich an mehreren Orten zugleich, vielleicht mal mehr und mal weniger, zugehörig zu fühlen. Ich beanspruche mehrere Heimaten als meine. Er spricht von Heimat stets nur im Singular. Und dabei soll seine Meinung allgemeingültig sein.

Darüber hinaus verwechselt er scheinbar verschiedene Kategorien miteinander. »Muslimin« sein bedeutet, sich auf eine Religion zu beziehen, »Österreicherin« auf eine Nation. Nation und Religion, das sind zwei Kategorien, die nicht deckungsgleich sind. So fragt die Publizistin Margarete Stokowski in ihrem Artikel, als es um die Frage der »Integration« geht:

»Wie integriert man sich als deutscher Muslim in eine Gesellschaft, in der immer wieder von "Deutschen" und "Muslimen" gesprochen wird, so als sei "Deutsch" eine Religion oder "Muslim" eine Staatsangehörigkeit?«

Im Duk­tus des »Ent­we­der - Oder«

Die Zugehörigkeit zur Nation wird zum Heiligen, Sakralen erklärt. So wirkt es gegenwärtig zumindest. Und zu der Konstruktion des Gegensatzpaares »Islam versus Österreich« (oder Deutschland/Europa/der Westen) sei noch folgendes erwähnt:

In Österreich gibt es mehr als 16 gesetzlich anerkannte Kirchen und Religionsgemeinschaften. Mit dem Islamgesetz, mit dem der Islam schon 1912 gesetzlich anerkannt und das 2015 neu verabschiedet wurde, handelt es sich um eine österreichische Religion. Warum auch nicht, der Islam hat hierzulande eine reiche, jahrhundertalte Geschichte. Auf gesellschaftlicher Ebene bewegen wir uns hingegen im Duktus des »Entweder - Oder«, wie schon das Beispiel oben zeigt.

Kul­tu­ren als ho­mo­ge­ne Ein­hei­ten?

Ich finde es erschreckend, wie schnell in Debatten rund um Zugehörigkeit und Identität anderen ihr Bekenntnis zu Mehrfachidentitäten und Mehrfachheimaten abgesprochen wird. So entsteht ein eindimensionales Identitätskonzept, ein essentialistischer Zugang, der besagt, Identität sei fix, starr, unveränderbar. Kulturen werden als homogene Einheiten aufgefasst, die klar voneinander abgrenzbar seien.

Der Politikwissenschaftler Samuel Huntington, aus dessen Feder die These vom »Kampf der Kulturen« stammt, hat Menschen als VertreterInnen von Religion und Kultur verstanden. Es ist ein naturalistisches und reduktionistisches Kulturkonzept, das er ansetzt. Die Differenzen, die sich dadurch zwischen Menschen ergeben, sind in seinen Augen faktischer, essentieller Natur. Doch Menschen sind nicht nur VertreterInnen einer Religion oder einer Kultur; sie bedienen sich lediglich bestimmter Elemente daraus.

Menschen sind vielmehr Subjekte, die in einem bestimmten Kontext stehen, sei dieser religiös, ethnisch oder kulturell. Religion, Kultur, Sprache, Nation sind Bezugssysteme, derer sich Individuen und Gruppierungen auf unterschiedliche Art und Weise bedienen. Insofern ergibt sich ein unvergleichbares Zusammenspiel dieser Elemente. Warum dann Menschen auf nur einen Identitätsanteil reduzieren? Warum sie begrenzen und in ein Korsett schnüren, das dem eigenen Selbstbild nicht gerecht wird?

Ich trug an dem Abend einen tradi­tionellen Trachten­janker

Genauso verhält es sich bei meinem Gesprächspartner: Er war sich sicher, dass ich aufgrund meiner sichtbaren religiösen Identität gar nicht zu Österreich gehören könne.

Ein interessantes Detail am Rande: Ich trug an dem Abend einen traditionellen Trachtenjanker. Warum? Weil er mir gefällt. Weil er etwas aussagt über meine Geschichte und meine Verbundenheit mit dem Salzkammergut. Das ist scheinbar so auffällig, dass ich darüber bereits in einem Interview befragt wurde. Auch an anderer Stelle wurde das Janker medial kommentiert.

Mein Diskussionspartner hingegen hat meine Kleidung ausgeblendet, obwohl ja gerade dieses »österreichische« Detail in seinem Blick fallen könnte. Ins Auge sticht ihm jedoch lediglich das Tuch auf meinem Kopf. Das Problem dabei: Menschen werden bei solch reduzierten Identitätskonzepten nicht in ihrer Gesamtheit, in ihrer Komplexität gesehen. Stattdessen werden sie reduziert auf einen Anteil.

Oder man wird zur »Türkin«, obwohl der einzige Bezug zur Türkei in der Familiengeschichte etwas länger zurück liegt. Der deutsche Journalist und Migrationsforscher Mark Terkessidis schrieb einmal dazu: »Ein Vater türkischer Herkunft meinte mir gegenüber, seine Kinder würden täglich "türkischer" aus der Schule kommen als sie hineingingen, so sehr würden sie mit ihrer Herkunft quasi belästigt.«

Ein einziges Merkmal wird zu einem ausschließlichen. Darin mag eine Verkennung des Selbstbildes liegen. Denn nicht jeder identifiziert sich mit seiner Herkunft oder legt Wert darauf. Oder aber die Herkunft ist in der Tat Österreich. Man produziert durch diese Form der Verkennung etwas, das man so womöglich gar nicht wollte. Denn der Mensch bekennt sich zu dem, wo er Anerkennung und positive Rückmeldung erfährt.

Ver­mi­schung und Wan­del sind ste­te Kon­stan­ten

Was wir brauchen, ist daher mehr Anerkennung für die Art und Weise wie sich Menschen selbst definieren wollen - vor allem jene, die sich am Rande der Gesellschaft wiederfinden, sich tagtäglich mit Rassismus konfrontiert sehen. Eine Anerkennung von Hybridität und fluiden Identitäten. Das kann mitunter auch im Kampf und in der Auseinandersetzung enden, wie der kanadische Philosoph Charles Taylor schreibt: »Wir bestimmen unsere Identität stets im Dialog und manchmal sogar im Kampf mit dem, was unsere "signifikanten Anderen" in uns sehen wollen.« (Taylor 2009:20) Gesellschaftspolitisch gesehen, gibt es einige Kämpfe auszufechten.

Wenn wir uns ansehen, wie stark sich Sprache verändert hat, so merken wir auch da, wie stark sich Kulturen vermischen - und eigentlich immer schon vermischt haben. Migration und damit die Veränderung von Sprache und Kultur ist ein Bestandteil der Menschheitsgeschichte. Vermischung und Wandel sind Konstanten über die Zeit hinweg.

Jährlich wird das deutsche Jugendwort des Jahres gewählt. Dafür wird eine Liste von jenen Begriffen erstellt, die sehr oft von Jugendlichen verwendet werden. Im Internet werden die Vorschläge gesammelt und dann nach und nach eingegrenzt. Eine Jury stimmt dann nach Kriterien wie »Originalität«, »Verbreitungsgrad des Wortes« und »gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse« ab. Das Interessante dabei ist, dass jedes Jahr Ausdrücke und Neukreationen mit dabei sind, die zum Beispiel von der türkischen, arabischen, serbokroatischen/bosnischen Sprache geprägt sind.

Deutschland ist eine Migrationsgesellschaft und diese Durchmischung ist inzwischen auch in der Sprache Dimension erkennbar. So schaffte es 2012 »Yallah« (arabisch, bedeutet so viel wie »Auf geht’s!«) auf den dritten platz, 2013 setzte sich »Babo« (bosnisch für Vater, jedoch im Jugendsprech synonym für »Respektsperson/Boss«) durch und 2018 standen Begriffe wie »Auf dein Nacken« (bedeutet, dass die Rechnung auf dich geht/du zahlst) oder »Ich küss dein Auge« auf der Liste. Der Ausdruck »Ich küss dein Auge« ist eine blumige Formulierung aus dem Arabischen, die für Dank und Wertschätzung steht. Auch Jugendliche, die keinen oder kaum Bezug zu einem anderen Land haben, verwenden diese Begriffe.

Vermischung gab es schon immer, neu ist aber die Geschwin­digkeit

Die Hybridität ist also längst angekommen. Nicht nur in der Sprache, bei der Musik oder beim Essen, sondern auch im Wellness, wo es scheinbar leichter fällt, sie anzunehmen. Wer erholt sich nicht gerne bei einem Hammam-Besuch oder gönnt sich einen türkischen Çay? Auch Kebab ist mittlerweile nicht mehr wegzudenken aus der Fastfood-Szene der meisten Städte.

Die Landkarte Europas hat sich verändert, auf ethnischer, sprachlicher, religiöser und politischer Ebene. Es ist zwar ein Kennzeichen unserer Geschichte, neu ist aber die Geschwindigkeit. All das geht nun rasant von Statten, schnell und in Echtzeit quasi mitverfolgbar bis in die letzten Teile der Erde. Wandel und Veränderung sind die Konstanten unserer Zeit.

So ähnlich verhält es sich auch mit dem Diskussionspartner, von dem ich eingangs sprach. »Österreichisch« und »muslimisch« sind für ihn ein Gegensatzpaar, und was nicht sein kann, darf nicht sein und wird somit ausgeblendet. Was wir brauchen, sind rassismuskritische Räume des Lernens und des Widerspruchs, in denen wir aushalten können, dass nicht alle so leben, lieben, glauben, zweifeln, wie wir selbst.

Es wäre an der Zeit zu erkennen, dass Menschen ihre Leben unterschiedlich gestalten, dass religiöse, sexuelle, sprachliche, kulturelle und ethnische Identitäten sich unterscheiden – nicht nur zwischen Menschen, sondern dass sie sich im Laufe des Lebens sogar bei einem/r selbst wandeln können.

Insofern: Wir sollten den anderen mehr Freiräume zugestehen. Und auch uns selbst.

 

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