Tradition

Der Nikolaus -
Ein ISLAMI­SCHER HEI­LIGER?

Rechte befürchten zur Festzeit regelmäßig, Muslime wollten Weihnachtsmärkte und Weihnachtssterne »islamisieren«. In den sozialen Medien hingegen deklarieren Türkeistämmige den Nikolaus gerne zum »Türken«. Warum die Wirklichkeit zugleich viel komplexer und viel spannender ist, erklärt Leyla Jagiella.

Von Leyla Jagiella

Gegen Ende des Jahres lesen wir immer wieder die gleichen panischen Meldungen: Weihnachtsmärkte würden abgeschafft, Weihnachtssterne in Herbststerne und Martinszüge in Lichterfeste umbenannt, das Adventsbrauchtum müsse unweigerlich der Islamisierung des Abendlandes weichen. Alles auf Grund der angeblichen Umvolkung, die schon jetzt mit vollster Energie dabei sei, unser Land in einen Scharia-Gottesstaat zu verwandeln. Es sind Behauptungen, die von rechtspopulistischen und rechtsradikalen Milieus gestreut werden und die es leider zunehmend in die gesellschaftliche Mitte schaffen.

Die Verbreitung einer solchen Orientphobie ausgerechnet in der (Vor-)Weihnachtszeit ist etwas sonderbar. Denn schließlich geht es hier um eine Festzeit, in deren Mittelpunkt nach altem abendländischem Verständnis die Geburt eines palästinensischen Juden steht, der einst als Geflüchteter Asyl in Ägypten fand. Und zu der Menschen mit Vorliebe süße Leckereien mit orientalischen Gewürzen verzehren.

In den so­zia­len Me­dien wird ger­ne be­haup­tet, der Ni­ko­laus sei »Tür­ke« ge­we­sen – auch das ist Quatsch

Doch so regelmäßig gegen Jahresende ein islamophobes Schauertheater durch die Nachrichten geistert, so regelmäßig tauchen neuerdings in sozialen Medien Memes auf, die daran erinnern, dass der Nikolaus eigentlich »Türke« gewesen sei – oft gepostet von Türkeistämmigen. Eine Behauptung, die ihrerseits freilich auf einer groben Vereinfachung beruht, denn zu jener Zeit, als der historische Nikolaus lebte (im 4. Jahrhundert n. Chr.), gab es natürlich noch gar keine Türken in Anatolien.

Nach allem was wir wissen, dürfte der Nikolaus sich selbst wahrscheinlich als »Kappadokier«, vielleicht auch als »Asiate« bezeichnet haben. Seine Muttersprache dürfte das Griechische gewesen sein. Aber, soweit haben die Memes recht: Ein Anatolier war der Nikolaus allemal. Und sollte die Familie des Nikolaus heute noch irgendwelche Nachkommen haben (er selbst lebte wohl zölibatär, aber vielleicht hatte er ja Nichten oder Neffen), dann ist es tatsächlich gut möglich, dass einige davon heute Türkisch sprechen. Andere vielleicht Griechisch, Kurdisch, Zaza oder Armenisch. Denn über die Jahrhunderte haben sich in Anatolien die Religionen, Kulturen und Ethnien vermischt.

Es war ei­ne Prin­zes­sin aus Is­tan­bul, die den Ni­ko­laus in Eu­ro­pa po­pu­lär mach­te

Nach Deutschland wanderte dieser Anatolier übrigens erst recht spät ein und auch dann erst dank der Begegnung und Vermischung verschiedener Kulturen. Es war vor allem die Kaiserin Theophanu, die den Kult des asiatischen Heiligen in Mitteleuropa populär machte. Diese Prinzessin aus dem heutigen Istanbul heiratete im Jahr 972 Otto II, den deutschen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Theophanu wuchs als griechisch-byzantinische Edelfrau in Konstantinopel auf, ihre Familie war jedoch vermutlich armenischer Herkunft und stand immer mal wieder sowohl in byzantinisch-christlichen wie arabisch-muslimischen Diensten.

Einer ihrer Vorfahren war einst Co-Regent des Emirs Umar al-Aqta von Malatya, und während sie selbst als Kaiserin auf dem deutschen Thron saß, saßen ihr Vater, ihr Onkel und ein Großteil ihrer Familie im Exil in Baghdad, da sie versucht hatten, mit Hilfe der Araber eine Rebellion gegen den byzantinischen Kaiser zu gewinnen. Diese junge Frau von der Grenze zwischen Abend- und Morgenland brachte eine Menge orientalischer Sitten nach Deutschland, die uns bis heute lieb sind. Den Gebrauch der Gabel, etwa. Und eben auch den Nikolauskult.

Luther be­trach­tete den Ni­ko­laus­tag
als ge­fähr­lichen Aber­glau­ben

Noch lange nach Theophanu blieb der Nikolauskult bei uns übrigens umstritten. In der Reformationszeit wurde er schließlich erneut zum Gegenstand frommer Ablehnung. Martin Luther etwa betrachtete den Nikolaustag als einen gefährlichen Aberglauben. Insofern wurde er in vielen mehrheitlich protestantischen Gegenden Deutschlands über viele Jahrhunderte lang vollkommen abgelehnt.

Gleichzeitig ist der Kult des Nikolaus mit seiner Einführung ins Abendland natürlich längst nicht aus dem Orient verschwunden. Insbesondere in der Griechisch-Orthodoxen Kirche und in den Orientalischen Ostkirchen ist er bis heute einer der beliebtesten Heiligen. Diese Beliebtheit hat auch auf die Glaubenspraxis von Muslimen abgefärbt, denn insbesondere im Osmanischen Reich lebten in vielen Gegenden griechisch-orthodoxe und orientalisch-orthodoxe Christen, Juden und Muslime neben- und miteinander und nahmen Anteil an den religiösen Festen der jeweils anderen.

Auch Mus­lime ha­ben den Hei­ligen
Ni­kolaus lan­ge ver­ehrt

Auch wenn sich manche heutige Muslime dabei unwohl fühlen, so war es über die Geschichte hinweg nichts Ungewöhnliches, dass vor-islamische christliche Heilige in die muslimische Glaubenspraxis integriert wurden. Der Koran selbst erwähnt in Sure 18 eine mysteriöse Gestalt, die den Propheten Moses auf die Prüfung stellt. Der muslimische Volksglaube hat diese später oft mit dem Heiligen Georg gleichgesetzt.

Und die Mildtätigkeit und fromme Nächstenliebe, die in vielen Legenden des Nikolaus eine zentrale Rolle spielt und ihn eben auch bei uns in Deutschland zum »Geschenkebringer« gemacht hat, ließ sich schon immer gut in Einklang mit muslimischen Überzeugungen bringen. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war es etwa in Palästina und Syrien nichts Ungewöhnliches, wenn Muslime sich neben ihren eigenen Heiligen auch hilfesuchend an den Heiligen Nikolaus als Fürsprecher vor Gott wandten. Das immer puristischer werdende Islamverständnis des 20. Jahrhunderts und der Aufstieg nationalistischer Politik hat solchen Bräuchen jedoch weitestgehend den Garaus gemacht.

Viele Mus­lime ver­ehren ganz ähn­liche Ge­stal­ten wie den Ni­kolaus

In einigen Teilen des Osmanischen Reiches war zudem lange die Legende verbreitet, der muslimische Heilige Sarı Saltuk hätte einst den Heiligen Nikolaus in einem übernatürlichen Wettstreit bezwungen und danach seine Gestalt angenommen. Nach dieser Legende ist der Heilige Nikolaus vieler Geschichten also eigentlich der muslimische Heilige Sarı Saltuk, in Verkleidung. So kann man wohl sagen, dass die Islamisierung des Nikolaus schon einige Jahrhunderte alt ist. Jeder heutige Widerstand ist zwecklos.

Daneben kennt der Volksglaube in vielen muslimischen Regionen ganz ähnliche Gestalten: alte Männer mit langen weißen Bärten, die die Menschen inmitten des Winters mit Gaben überraschen. In einigen Gegenden Ost-Anatoliens ist es Hızır, der auf einem weißen Schimmel durch den Schnee reitet. Bei den Muslimen in Tatarstan im östlichen Teil des europäischen Russlands und im nahegelegenen Baschkirien ist es Qis Babay, der dem russischen Väterchen Frost ähnelt. In Hawraman im iranischen Kurdistan ist es Pir Shalyar, der im kalten Februar erscheint. Haben hier christliche Vorstellungen muslimische Nachbarn beeinflusst? Handelt es sich hierbei also um eine »Christianisierung des Morgenlandes«? Grund zur Panik? Vermutlich gehen all diese Vorstellungen wohl einfach auf Ideen zurück, die viel älter sind als das Christentum und der Islam.

Tat­säch­lich ist der Ni­ko­laus wohl ei­ne per­fek­te Mi­schung aus Ori­en­ta­li­schem und Eu­ro­päischem

Historisch-kritische Forscher gehen übrigens davon aus, dass viele der heutigen Nikolaus-Legenden gar nicht auf den historischen Nikolaus zurückgehen, sondern auf den vor-christlichen Philosophen und Wundertäter Appollonius von Tyana. Auch dieser war, zumindest in der Vergangenheit, vielen Muslimen gut bekannt. Nicht so sehr im Volksglauben, aber in der naturwissenschaftlichen und philosophischen Literatur, in der er (z.B. bei Dschabir ibn Hayyan) als der Weise Balinas auftaucht, auf den sowohl philosophisches wie auch magisches und physikalische Wissen zurückgeführt wird.

Andere Elemente im deutschen Nikolausglauben mögen wiederum auf vorchristliche germanische oder keltische Vorstellungen zurückgehen und damit tatsächlich schon sehr alte »abendländische« Wurzeln haben.

So ist unser Nikolaus heute, wie so vieles andere auch im deutschen Advents- , Weihnachts- und Winterbrauchtum, tatsächlich eine perfekte Mischung aus Orientalischem und Europäischen, aus Christlichem und nicht-Christlichem, aus Eingewandertem und Alteingesessenem. Und steht damit eigentlich für das genaue Gegenteil einer Gesellschaft, wie sie von Pegidisten, Afdlern und anderen ähnlich gesinnten Geschichts- und Kulturbanausen propagiert wird.

Leyla Jagiella ist Ethnologin und Religionswissenschaftlerin. Zur Zeit koordiniert sie das Projekt »Anders ankommen« in Stuttgart, das Sprachmittleri*nnen Sachen Diversitätskompetenz in der Geflüchtetenarbeit weiterbildet und lsbtiq* Geflüchtete berät. Freischaffend schreibt sie Artikel und hält Vorträge zu Themen wie Sexualität und Geschlecht im Islam, interkultureller Kompetenz, und zu Fragen von Orthodoxie und Heterodoxie in muslimischen Kontexten.

 

 

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