Spiritualität

Spiritualität

Khola Maryam Hübsch

DIE IS­LAM­DE­BAT­TE
BRAUCHT MEHR SPI­RI­TUA­LI­TÄT

EIN ESSAY VON
KHOLA MARYAM HÜBSCH

In der Öffentlichkeit kursiert viel gefährliches Halbwissen über den Islam. Seit Jahren bemühen sich Muslime, dem mit Fakten zu begegnen. Nur über ihr eigenes Verhältnis zur Religion wollen die wenigsten sprechen. Das kann nicht funktionieren.

Neulich habe ich mir auf youtube ein Experiment angeschaut. Passanten auf einer deutschen Fußgängerzone sollten Zitate einordnen, in denen es um Gerechtigkeit, Frieden und Feindesliebe ging. Die meisten waren überzeugt, die Weisheiten müssten aus dem Christentum oder dem Buddhismus stammen. Es waren allesamt Verse aus dem Koran. Eine ähnliche Befragung wurde in abgewandelter Form vor einigen Jahren schon einmal durchgeführt und ging viral. Verse, die zu Mord und Totschlag aufriefen, wurde damals mehrheitlich mit dem Islam assoziiert - doch es waren alles Zitate aus dem Alten und Neuen Testament.

Die Experimente zeigen: Viele Menschen wissen nicht nur verschwindend wenig über den Koran; sie wissen auch nicht viel über das Christentum. Wahrscheinlich erscheint ihnen der Islam genau deswegen als Bedrohung. Bereits Freud wusste: Das Unheimliche, vor dem wir die Augen verschließen möchten, ist das verdrängte Eigene. Oft habe ich das Gefühl, die aus der Aufklärung erwachsene Befangenheit bezüglich Religion wird auf den Islam übertragen. Religion gilt seither als unvereinbar mit der Vernunft. Doch der Islam kennt eigentlich keine der Logik schwer zugänglichen Konzepte wie Erbsünde, Trinität und Sühnelehre. Gerade deswegen wurde er von großen Aufklärern wie Lessing als rationale Kontrastfolie zur christlichen Religion benutzt.

Die vernunftkompatible Stringenz des Islam wird jedoch gerne als »Einfachheit« abgetan – die christlich-abendländische Tradition darf dagegen als anspruchsvoll und intellektuell erscheinen. Diese Abgrenzung kennzeichnet grundsätzlich den Umgang mit dem Islam. Er wird gerne als Gegenbild zum Westen konstruiert, um sich vor dieser Negativfolie seiner eigenen Überlegenheit versichern zu können und ihn dann »im Gestus des pädagogischen Wohlmeinens« (Navid Kermani) zu kritisieren. Das Ganze hat natürlich eine psychologische Funktion: Wer sich seiner eigenen Identität nicht mehr bewusst ist, muss sich über die Abgrenzung zum Fremden definieren.

Kon­struk­ti­ve
Kri­tik ist wohl­wol­lend
und lö­sungs­ori­en­tiert

Doch ist es wirklich so schlimm, wenn sich kaum noch jemand mit Religion auskennt? Schließlich leben wir in einer säkularen Welt in der es eine Trennung von Politik und Kirche gibt. Der Glaube ist Privatsache; es muss ja auch nicht jeder Spezialist für vegane Ernährung sein. Was ist schon dabei, wenn das Allgemeinwissen über den Koran sich nicht selten auf die Kenntnis bestimmter Verse beschränkt, die vermeintlich zu Gewalt gegen »Ungläubige« aufrufen? Muslime wie Nicht-Muslime haben den Koran oft nicht gelesen, sie kennen ihn vom Hörensagen.

Das Problem ist nur: Sie haben oft genug etwas darüber gelesen, wie der Islam zu verstehen sei. Und in Deutschland stammt dieses Wissen nicht selten aus den Händen populärwissenschaftlicher Beststeller. Meist sind sie geschrieben von vermeintlichen »Islamexperten«, die sich als »Islamkritiker« bezeichnen und im Islam wahlweise eine »faschistische Ideologie« (Hamed Abdel-Samad) oder die Ursache für einen erwarteten Untergang des Abendlandes sehen.

Nun könnte man einwenden, eine solche Kritik sei dringend notwendig angesichts des globalen Terrors, der von muslimischen Radikalen ausgeht. Das ist einerseits richtig. Doch konstruktive Kritik ist wohlwollend, sie ist lösungsorientiert, nicht verächtlich und ablehnend. Das kann sie dann sein, wenn es ein gemeinsames Fundament gibt, auf das man aufbauen kann. Deswegen ist das Gegengift für diese Art der Engführung: Mehr spirituelle Substanz in der Islamdebatte!

Der Ko­ran for­dert
ei­ne ra­di­ka­le Ver­pflich­tung zur Wahr­heit

Wir müssen viel mehr darüber sprechen, was die Religion des Islams ausmacht: Über die konsequente gesellschaftskritische Botschaft von Gerechtigkeit und Solidarität, die der Koran formuliert. Über den Propheten, der von Muslimen als demütiger Visionär und kluger Revolutionär verstanden wird. Über die Weisheiten der islamischen Mystiker, die das neue Leben besingen, das beginnt, wenn das eigene Ego überwunden wird. Und über die vom Koran geforderte radikale Verpflichtung zur Wahrheit, die mit der hoffnungsvollen Vision einhergeht, dass erst in einer besonderen Empfindsamkeit für das Leid der Schwächsten Frieden zu finden ist. Darüber, dass es dem Islam im Kern um eine lebendige Beziehung zum Schöpfer und dem Dienst an seine Schöpfung geht und wie sich jedes einzelne Gebot darauf zurückführen lässt. Darüber müssten wir etwas wissen, wenn die Debatte tiefer gehen soll. Doch solche Inhalte finden selten ihren Weg in die Leitartikel. Über Religion spricht man nicht.

Über den Islam wird aber eben doch ständig gesprochen, oft auch theologisch. Problematisch ist jedoch, wie und von wem diese (pseudo-)theologische Debatte geführt wird. Von selbsternannten oder stark tendenziösen »Islamkennern« werden Verse des Korans so gedeutet, dass sie eine radikale Lesart als allgemeingültige Exegese präsentieren. Ein bisschen traumatische Biografie hier, ein bisschen negative Erfahrungen dort, dazu ein paar Koranverse und ein irgendwie muslimischer Background. Fertig ist der Islamexperte des Vertrauens. Islamkritik als vermeintlich glaubwürdige Verifikation mehrheitsgesellschaftlich verbreiteter Vorurteile ist ein Geschäftsmodell.

Dem Durchschnittsdeutschem suggerieren solche Abhandlungen, er sei bestens informiert, wie es um diese Weltreligion bestellt sei. Dabei war er nicht selten schon vorher von der Rückständigkeit des ihm fremden Glaubens überzeugt. Eine intellektuell verbrämte Beglaubigung der eigenen Meinung liest jedoch jeder gerne.

Aufgebaute Weltbilder lassen sich nicht so leicht erschüttern. Das menschliche Gehirn denkt in Kategorien: Was nicht passend erscheint, wird notfalls passend gemacht. Und zwar mit aller Kraft. Ich erinnere mich an ein kognitionspsychologisches Seminar, das ich im Studium besuchte. Mit meinem Dozenten besprach ich das Thema für ein Referat: Die Schemata-Theorie. Sie besagt unter anderem, dass die menschliche Wahrnehmung dazu tendiert, Eindrücke, die nicht in ein bestehendes Schema passen, entweder als Ausnahmen abzuspeichern oder durch kognitive Tricks gedanklich an das Stereotyp im Kopf anzupassen. Am Ende der Besprechung fragte mich der Dozent nach meinem Nachnamen: Ob er aus dem Türkischen eingedeutscht worden sei? Eine Kopftuchträgerin mit einem ur-deutschen Namen – das konnte nicht sein. Mit dieser Frage hatte er mir ein wunderbares Beispiel für die Schemata-Theorie verschafft! Der Vorfall wurde mein Einstieg ins Referat, was dem Dozenten sichtlich unangenehm war. Was die Anekdoten zeigt: Auch der klügste Professor ist nicht gefeit davor, Opfer seiner eigenen Stereotype zu werden.

Der Islam wird fast ausschließlich als exotisches, externales Problem diskutiert: als Defizit, als Missstand, als Fremdobjekt, das von außen eindringt. Etwas, das nicht organisch dazugehört. Deswegen sollen Muslime sich positionieren, erklären, rechtfertigen. Bio-Deutsche müssen das nicht. Sie müssen sich nicht entschuldigen für Waffenexporte, Grenzpolitik, kapitalistische Ausbeutung. Und viele Muslime haben immer weniger Lust, sich an solchen Diskussionen zu beteiligen. Nicht zuletzt, weil Grundwissen über die Spiritualität des Islams in der Debatte fehlt: Grundlagen, die zu der Erkenntnis beitragen, dass die Werte des Islams nicht alle fremd sind, sondern es ein tiefes gemeinsames Fundament einer Ethik gibt, die Solidarität, Nächstenliebe und zwischenmenschliche Empathie als Kernanliegen jeden religiösen Handelns versteht.

Warum lesen wir kaum etwas über Überlieferungen wie die Folgende: Ein gläubiger Mann erklärte einst seinem Gefährten, dass dieser aufgrund seiner vielen Sünden in der Hölle schmoren werde. Daraufhin antworte Allah dem Sprechenden: »Wer ist es, der meiner Barmherzigkeit Grenzen setzt?« und warf den Gläubigen aufgrund seiner Arroganz in die Hölle. Den Sünder hingegen ließ er ins Paradies eintreten. Es gibt unzähliger solcher Überlieferungen, die davor warnen, andere zu verurteilen. Und ja, es gibt die Verse, die irritierend sind, die auf den ersten Blick im Widerspruch zu einem barmherzigen Gott zu stehen scheinen – sie müssen verständlich gemacht und eingeordnet werden.

Ar­ti­kel, die ich vor Jah­ren ge­schrie­ben ha­be, kann ich heu­te fast un­ver­än­dert wie­der­ver­wen­den

Wenn Muslime versuchen medienkompatibel zu erklären, dass der Islam doch ganz anders ist als der verzerrte Ausschnitt der »bad news« in der Berichterstattung, erscheinen sie oft als hilflose Beschwichtiger. Ein sicherer Weg, Sympathien zu gewinnen und medial hofiert zu werden, ist hingegen, den Islam zu kritisieren und seine sichtbare Andersartigkeit abzulehnen: Das Kopftuch, die Moschee, das Gebet der Muslime. Das Bedürfnis, den Islam an deutsche Normen anzupassen, ihn in das bestehende Schema zu zwängen, ist groß: bloß nicht um die Ecke denken, seinen Blick erweitern, die Perspektive wechseln.

Genau das müssen wir, Muslime wie Nichtmuslime, aber, wenn wir die Islamdebatte nicht auf diesem erschreckend niedrigem Niveau weiterführen möchten. Artikel, die ich vor Jahren zu Islam-Themen geschrieben habe, kann ich heute fast unverändert wiederverwenden. Denn es sind die immer gleichen Debatten, die es sich zwischen der Dramatisierung radikaler Einzelfälle auf der einen und der Relativierung bestimmter Phänomene auf der anderen Seite gemütlich gemacht haben. Die Debatte ermüdet und erlahmt damit.

Werden soziale Probleme »muslimisiert«, indem man die Ursachen für bildungs- und integrationspolitische Versäumnisse in der Religion sucht? Oder ist die Lehre des Islams der Grund für patriarchale Strukturen und Gewaltaffinität? Es ist ein Diskurs, der zwischen Anklage und Verteidigung changiert. Es ist kein Diskurs auf Augenhöhe. Denn dafür fehlen die Grundlagen.

Ich kenne viele Muslime, die sich diesem Diskurs nun vollends entziehen. Sie sind es leid, sich ständig erklären zu müssen. Ich glaube, dass dies vielen auch schwerfällt. Religion lässt sich nicht verständlich machen, sagen mir manche. Man muss sie spüren, sie ist intim und darf nicht in die Öffentlichkeit gezerrt werden. Doch unsere Religion ist längst dem Scheinwerferlicht des Medienrummels ausgesetzt. Gerade jetzt ist es wichtiger denn je, zu zeigen, was sie ausmacht.

Viele Menschen wissen, dass Muslime nach Mekka pilgern, um die Pilgerfahrt - die Hadsch - zu vollziehen. Doch die wenigsten kennen islamische Erzählungen wie diese: Es ist überliefert, dass Allah die Hadsch tausender Gläubige, die in Mekka waren, nicht annahm. Er nahm sie jedoch an von einem Schuster, der nicht nach Mekka reisen konnte, weil er das Geld, das er für die Pilgerfahrt gespart hatte, seinem hungernden Nachbarn gab. Nicht die ostentative Zurschaustellung des Glaubens ist es, die Gott erreicht, sondern ein empathisches Herz.

Frauen mit Kopftuch wird genau das vorgeworfen: Sie würden ihren Glauben demonstrativ vor sich hertragen. Es fehlt das Verständnis dafür, dass ein Mensch seine Spiritualität ganzheitlich versteht und ihr innerlich wie äußerlich Ausdruck verleihen möchte. Gerade weil wir in einer zunehmend säkularen Welt leben, ist es wichtig, eine säkulare Sprache für Spiritualität zu finden: um Brücken zu bauen zwischen religiös Unmusikalischen, die sich ihr religiöses Gegenüber nur als naiven Esoteriker oder radikalen Fundi vorstellen können, und Gläubigen, die ihrem atheistischen Kritiker vorschnell Rassismus oder Arroganz vorwerfen.

Wenn spirituelle Weisheiten des Korans, Überlieferungen des Propheten, sufistische Erzählungen, die unser Herz und unseren Verstand weiten können, nicht ebenso Bestandteil des Allgemeinwissens sind wie das Wissen über Terroranschläge, die von Radikalen religiös begründet werden, entsteht eine gefährliche Schieflage. In dieser können es sich Rechtspopulisten und aufmerksamkeitsverliebte »Islamkritiker« bequem machen, denn sie vertreten letztlich beide dasselbe Islambild, dessen Propagierung langfristig die Gesellschaft spaltet.

Es gibt kei­ne »gute«
Is­lam­be­richt­er­stat­tung, so­lan­ge der Frame aus­schließlich ne­ga­tiv ist

Kritik ist wichtig. Doch sie fruchtet nur dort, wo es ein grundsätzliches Gefühl des Wohlwollens auf beiden Seiten gibt: wo respektvoll und unvoreingenommen diskutiert wird. Derzeit gibt es jedoch hartnäckige, dominante Frames, die die Debatte bestimmen. Eine sich als differenziert verstehende Berichterstattung sieht nicht selten so aus, dass drei islamkritische Stimmen einer muslimischen Stimme gegenübergestellt werden. Der Muslim verkommt dann zum Quotenverteidiger, der hilft, den Anschein von Ausgewogenheit zu wahren. So eine Situation kann nicht ausgewogen sein, weil das prägende Narrativ von einem bösen Islam ausgeht.

Der dominante Frame bestimmt die Wahrnehmung. Das ist auch der Grund, warum Buddhisten weiterhin als friedfertig gelten - auch ein Völkermord seitens radikaler Buddhisten in Myanmar vermag diesen Frame nicht zu brechen. Der dominante Frame bestimmt, welches Ereignis als »Ausnahme« und welches als »Norm« abgespeichert wird. Der »gute« Muslim ist im Zweifel ein Einzelfall, eine Ausnahmeerscheinung.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Und es kann keine gute Islamberichterstattung geben, solange ein grundsätzlich negativer Islamframe dominiert. Solange wir nicht häufiger und offener darüber sprechen, was uns am Islam fasziniert - dass es im Kern um den Dienst am Menschen geht und Toleranz in der islamischen Praxis lange Zeit tief verankert war - fehlt das Fundament für einen Diskurs auf Augenhöhe. Auch berechtigte Kritik kann dann nicht fruchten.

Wer den Islam verstehen will, muss ihn jenseits von Schönfärberei und Stereotypen auch aus der Perspektive der Muslime lesen. Verstehen heißt nicht, die Position von Muslimen zu übernehmen. Ich habe einmal einen Essay des ZEIT-Journalisten Bernd Ulrich gelesen, in dem er beschreibt, warum er Veganer geworden ist. Sein Bekenntnis hat mich nicht zur Veganerin gemacht und ich teile seine Meinung nicht. Doch die eindrückliche Art, in der Ulrich seine Beweggründe schildert, hat dazu geführt, dass ich seine Haltung nachvollziehen konnte. Sie wurde mir sympathisch. Der Essay hat in mir ein neues Verständnis und einen neuen Respekt für den Veganismus geschaffen. Und genau deswegen müssen Muslime darüber reden und schreiben, warum sie sich für den Islam entschieden haben – persönlich, authentisch und nachvollziehbar.

Warum es dazu nicht kommt? Es mag zum einen an der weit verbreiteten Angst vor Apologetik und religiöser Infiltration liegen. Es ist in Deutschland noch immer ungewöhnlich, über Religiöses im säkularen Raum zu sprechen. Vielleicht ist es aber auch die Angst vor dem Blick in den Spiegel, die Angst davor, durch die Auseinandersetzung mit dem spirituellen Islam mit dem verdrängten Eigenen konfrontiert zu werden. Sie könnten wieder aus dem Unterbewussten hochkriechen, die großen Fragen nach dem Sinn.

 

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