Antisemitismus

Islamismus

Micha Brumlik

Was sind die Ur­sprün­ge des is­la­misch ver­bräm­ten An­ti­se­mi­tis­mus?

 

Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler und Publizist. (Foto: CC BY-SA 2.0)

 

Eine Analyse von Micha Brumlik

Die Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert hat den bisherigen Formen des Antisemitismus zwei neue Varianten hinzugefügt, die insbesondere in Einwanderungsgesellschaften virulent werden: Auf der einen Seite stehen nationalistische, von der Globalisierung betroffene Rechtsextremisten. Sie klammern sich an den Glauben, dass der Holocaust, der den Antisemitismus ein für allemal diskreditierte, das Ergebnis einer lügenhaften Verschwörung sei. Einziges Ziel dieser Verschwörung: den Widerstand der Völker gegen den globalen Kapitalismus zu brechen. Währenddessen äußert sich die Ungerechtigkeit, die viele muslimische Migranten und deren Nachkommen im jeweiligen Einwanderungsland erfahren, manchmal als übersteigerte Wut auf Israel und dessen Besatzungs- und Repressionspolitik gegenüber den Palästinensern.

Tatsächlich stimmen in Ländern wie Belgien, den Niederlanden, Frankreich, Deutschland und in Schweden deutlich mehr Muslime der Äußerung »Juden kann man nicht trauen« zu als der Durchschnitt der jeweiligen Bevölkerung. Das belegt der deutsche Historiker und Antisemitismusforscher Günther Jikeli in dem soeben erschienenen Sammelband »Antisemitismus im 21. Jahrhundert. Virulenz einer alten Feindschaft in Zeiten von Islamismus und Terror«.

Während in Deutschland etwa 10,5 Prozent aller Befragten zustimmen, sind es unter Muslimen fast dreimal so viel: 28 Prozent. In Frankreich gar erwies eine Studie aus dem Jahr 2014, dass französische Muslime in etwa so antisemitisch eingestellt sind wie Anhänger des Front National. Gleichwohl: Jikeli schließt mit der Vermutung, dass ein spezifisch muslimischer Antisemitismus in westeuropäischen Gesellschaften noch immer tabuisiert werde – eine Vermutung, die jedenfalls diesem Autor nicht zutreffend erscheint.

Im Gegenteil: Anders als Jikeli vermutet, scheint die Selbstreflexion unter europäischen Muslimen, zumal der jüngeren Generation, gerade in dieser Hinsicht zuzunehmen. Das ist zumindest der Eindruck, den dieser Autor in unzähligen Hochschulseminaren über die Jahre gewann.

Man muss die Ur­sprün­ge des is­la­misch ver­bräm­ten An­ti­se­mi­tis­mus ken­nen, um ihn zu ver­ste­hen

In vielen Teilen der islamischen Welt ist islamistischer Antisemitismus virulent: In Algerien etwa hasst der Führer der verbotenen Islamistenpartei »Islamische Heilsfront«, Ali Belhadj, »Kreuzfahrer und Zionisten« mindestens so sehr wie seinerzeit Osama bin Laden. Am indischen Ozean plädierte der 2018 wiedergewählte malaysische Premier Mahathir bin Mohamad mit Blick auf palästinensische Selbstmordattentäter für einen »Antisemitismus der Vernunft«. Zuletzt hatte das vor ihm Adolf Hitler so formuliert. Im Iran schwadronierte der ehemalige Präsident Ahmadineschad gerne vom Verschwinden Israels. In Syrien, Ägypten und Jordanien liefen im staatlich kontrollierten Fernsehen unbeanstandet politische Soaps über die »Protokolle der Weisen von Zion«, einen Klassiker antisemitischer »Fake News«, sowie über jüdische Ritualmorde.

Allerdings lässt sich dieser islamisch verbrämte Antisemitismus nicht verstehen, ohne seine historischen und theoretischen Ursprünge zu kennen: Der israelische Historiker Yehuda Bauer hat den radikalen Islamismus in einem Essay in der ZEIT als dritte große totalitäre Bewegung neben den europäischen Faschismen und dem Stalinismus bezeichnet. Diese ganz und gar moderne, eben nicht islamische, sondern islamistische Weltanschauung sieht im Koran ein Programm, das nicht nur Seligkeit im Jenseits anstrebt, sondern auch eine gerechte Herrschaftsordnung im Diesseits mit absoluter Autorität gebietet. Diese Herrschaftsordnung ist es, die den Kapitalismus in seine Schranken weisen soll. Wie im Nationalsozialismus und der stalinistischen Polemik gegen das »Kosmopolitentum« sind auch hier die Juden das Feindbild.

Ein Blick in die ideologischen Gründungsschriften der radikalislamistischen Bewegung zeigt in Hinblick auf die Juden ein geschlossenes Bild. Darin sind sich die Vordenker, bei allen sonstigen Differenzen, doch recht einig: der Inder Sayyid Abu l-Aʿla Maududi, der Gründer der Muslimbrüder Hassan al Banna, der in den 1940er Jahren schrieb, und schließlich der Ägypter Sayyid Qutb, der jahrelang in Nassers Gefängnissen eingesperrt war und 1966 hingerichtet wurde.

Der Politikwissenschaftler Paul Berman zeichnet Qutb in seinem Buch »Terror and Liberalism«, fair und zugleich erschreckt, als einen Mann, der an der Orientierungslosigkeit der säkularen, westlichen Kultur litt und festen Halt nur noch in einer Weisung sehen konnte, die menschlicher Willkür entzogen zu sein schien: dem Koran.

Die islamistische Gedankenfigur einer gerechten Herrschaftsordnung auf Erden, die im Koran wurzelt, unterscheidet sich vom darwinistischen Geschichtsglauben der europäischen Faschisten und dem Geschichtsdeterminismus der Stalinisten nur durch seine Inhalte. Der Form nach, also in ihrem Glauben, gleichen sie sich wie ein Ei dem anderen. Denn alle drei meinen durch ein überhistorisches, ehern geltendes Gesetz einen Auftrag erhalten zu haben, der nicht demokratisch legitimiert werden muss und gegebenenfalls mit terroristischen Mitteln durchzusetzen ist.

Der Ko­ran selbst chan­giert zw­ischen einer Rhe­to­rik des Ver­flu­chens und des Ver­zei­hens

Die zentrale Auseinandersetzung mit Judentum und Christentum findet im Koran in der vieldeutigen Sure »Der Tisch« statt. Qutbs Interpretation dieser Sure lässt die Juden zum Inbegriff von Heuchlern, Lügnern und Betrügern werden. Er kommt darin zu dem Schluss, dass der vom Propheten gegen die Juden begonnene Krieg unter den veränderten Bedingungen der Gegenwart fortzusetzen sei. Doch während der Koran selbst im Stil spätantiker Religionspolemik zwischen einer Rhetorik des Verfluchens und des Verzeihens oszilliert, bedient sich der radikale Islamismus dessen negativster antijüdischer Aussagen und verfestigt sie zu einem rassistischen Stereotyp.

Doch nicht nur für Juden ist der radikale Islamismus ein Problem: Er bedroht die innenpolitische Stabilität europäischer Staaten (in Frankreich) genauso wie den Weltfrieden (in Pakistan). Mit den Terrormilizen des IS hat diese Bedrohung eine neue Qualität erreicht. Dass der UN-Sicherheitsrat noch unter der Leitung des damaligen Präsidenten der USA, Barack Obama, den Beschluss gefasst hat, den genozidalen Terror des IS zu bekämpfen, zeugt davon, dass diese religiös begründete Ideologie eine Gefahr für alle Zivilisationen darstellt.

Alldem zum Trotz wird es künftig darauf ankommen, die Haltung einzelner Ideologen, Prediger oder auch ganzer Regimes nicht mit der ihrer jeweiligen Bevölkerungsmehrheiten oder bestimmter Immigrationsmilieus gleichzusetzen. Stattdessen sollten wir die ungeheure Komplexität unterschiedlicher muslimischer Gesellschaften und Milieus ernst nehmen. Viele islamische Länder befinden sich derzeit in Modernisierungskrisen. Schon weil deren Ausgang völlig offen ist, sollten wir uns nicht auf das holzschnittartige Bild Samuel Huntingtons vom »Kampf der Kulturen« einlassen. Gefragt sind stattdessen: historische Bildung, die Fähigkeit zu differenzieren und Respekt vor einer Kultur, in der Jüdinnen und Juden über Jahrhunderte sicherer und besser lebten als im christlichen Abendland.

 

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