ZDF-Jahres­rückblick: Nein, es hätte nicht »Jeden« Tref­fen kön­nen

Eine Graffiti erinnert an die Getöteten des Anschlags von Hanau. Auch das ZDF gedenkt ihnen in seinem Jahresrückblick - und nennt den Täter einen »Wirrkopf«. (Foto: Kollektiv ohne Namen)

Der rassistisch motivierte Anschlag von Hanau zählte für viele Medienhäuser zurecht zu den wichtigsten Ereignissen des Jahres 2020. Doch in einem ihrer Jahresrückblicke schafft es das ZDF noch immer nicht, die Tat als das zu benennen, was sie war: ein rassistischer Anschlag.

Von Grigoria Kaneli

Jahresrückblicke sind für Medienschaffende das, was für andere das Korkenknallen am Silvesterabend ist. Sie sind DER Weg, das Jahr noch einmal Revue passieren zu lassen. Sie prägen unseren Blick auf das Vergangene und erinnern uns daran, was auf keinen Fall vergessen werden darf.

Beim ZDF geschieht das unter anderem in der Sendung »Album 2020 - Bilder eines Jahres«,  in der der Journalist Gert Anhalt die wichtigsten Videos des letzten Jahres kommentiert. Die Sendung erreicht eine beträchtliche Einschaltquote von mehr als fünf Millionen Zuschauern. Es ist deswegen nicht egal, wie das ZDF die wichtigsten Ereignisse des vergangenen Jahres darin einordnet, unter anderem den rechtsextremen Anschlag in Hanau im Februar.

Dabei schien es am Tag von Hanau selbst zunächst so, als hätte die deutsche Öffentlichkeit endlich dazugelernt. Während in den allerersten Stunden noch von »Fremdenfeindlichkeit« die Rede war, bezeichnete die große Mehrheit der Journalist:innen den Anschlag bald als das, was er (zunächst noch »mutmaßlich«) war: rassistisch und rechtsextrem motiviert. Anfängliche Spekulationen über eine »Spielautomatenmafia«, die hinter dem Anschlag stecken könnte, oder gar ein russisches »Täterumfeld« verhallten rasch und mehrere Medien reflektierten die eigene und fremde Berichterstattung später.

Ende März bestätigte dann auch der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch, auf Twitter, was viele längst vermutet hatten: »Das BKA bewertet die Tat als eindeutig rechtsextremistisch«. Auch in der Politik fanden sich Stimmen, die den Anschlag erstaunlich klar verurteilten: »Rassismus ist ein Gift. Der Hass ist ein Gift. Dieses Gift existiert in unserer Gesellschaft und es ist schuld an schon viel zu vielen Verbrechen«, sagte etwa Angela Merkel einen Tag nach dem Geschehen.

Umso enttäuschender ist, was kürzlich das ZDF in seinem Jahresrückblick hinlegte. Dabei dauert der Einspieler zu Hanau nur etwa 40 Sekunden. Trotzdem schafft es der Sender, Wesentliches zu vermasseln. Gert Anhalt kommentiert die Bilder des Terroranschlags mit den Worten: »Ein Mittwochabend in Hanau. Neun Tote in der Shisha Bar und am Kiosk. Es hätte jeden treffen können und keiner fühlt sich jetzt noch sicher. Ihr Mörder: ein Wirrkopf, aber mit Waffenschein.«

Danach sieht man noch einen der Angehörigen von Ferhat Unvar - eines der Todesopfer - auf einer Trauerkundgebung sprechen: »Das sind alles Kinder von Hanau. Sie sind hier geboren, hier aufgewachsen, hier zur Schule gegangen. Und das sind Kinder Deutschlands.«

Ein rassis­tisches Welt­bild hin­ter der Tat

Die Debatten über die Einordnung von rassistischer Gewalt läuft nicht erst seit gestern. Gerade deswegen ist es erschreckend, dass das ZDF es in seinem Jahresrückblick noch immer nicht schafft, das Attentat als klar »rassistisch« zu bezeichnen. Auch das Anhalt den Attentäter im Beitrag als »Wirrkopf« betitelt, relativiert den Rassismus in unserer Gesellschaft. Es verkennt die Gefahr durch Rechtsextremisten und verhöhnt die Opfer.

Abgesehen von der Mutter des Täters waren alle Getöteten Nachkommen von Einwanderer:innen aus der Türkei, Bosnien, Afghanistan, Bulgarien und Rumänien. Es hätte eben nicht »jeden« treffen können. Denn die brandgefährliche Gesinnung hinter dem Terroranschlag benennt seine Zielscheibe klar: Menschen, die in der hasserfüllten Ideologie des Täters aufgrund ihres Aussehens keine Deutschen sein können. Das hinterlassene Manifest des Täters lässt ebenso keinen Raum für Zweifel: Es zeugt von seinem tief rassistischen Weltbild.

Der Täter war, bisherigen Ermittlungen zufolge, in keiner rechtsextremen Organisation aktiv. Das ist allerdings auch nicht nötig, um sich eine rassistische Denkweise anzueignen, mit Gleichgesinnten zu vernetzen oder gar Gewalt auszuüben. Der Hass auf Menschen mit Migrationshintergrund, Schwarze Menschen, People of Colour und andere Minderheiten verbreitet sich im Internet wie ein Lauffeuer. Die Gefahr von Rechtsextremismus drückt sich auch in Zahlen aus: Laut Bundesministerium des Innern (BMI) sind rechte Straftaten im dritten Jahr in Folge angestiegen, 2019 sogar um rund 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

ZDF-Redakteur ANhalT verweist auf FAZ-Artikel

Die BLIQ-Redaktion hat das ZDF um eine Stellungnahme zu der Kritik am Hanau-Jahresrückblick gebeten. Demnach stützte sich Gert Anhalt in seinem Kommentar auf einen FAZ-Artikel, der kurz nach der Tat am 21.02.2020 erschien. Dort hieß es unter anderem: »Die Frage, ob R. ein Rechtsextremer mit psychischen Problemen war oder ein psychisch Kranker mit eher zufälligen Einsprengseln von Rechtsextremismus, wird in der Debatte über seine Tat absehbar eine zentrale Rolle spielen. Jedenfalls findet sich in den vormals auf seiner Homepage abrufbaren Dokumenten nichts, was sich als umfassende und kohärente rechte Ideologie bezeichnen ließe. (...) Auch die weiterführenden Links auf seiner Homepage verweisen nicht auf dezidiert politische Inhalte, sondern vielmehr auf Videos und anderen Websites aus dem wahnhaft-verschwörungstheoretischen Spektrum.«

Anhalt betont, dass er nicht die Absicht hatte, die Opfer zu verhöhnen. Er nimmt noch einmal Bezug auf die Aussage des Angehörigen eines der Todesopfer, die er ebenfalls eingebunden hat (»Das sind alles Kinder von Hanau. Sie sind hier geboren, hier aufgewachsen, hier zur Schule gegangen. Und das sind Kinder Deutschlands.«) »Dies war das Narrativ, dem ich als zur Kürze verdammter Chronist Raum und Nachhall geben wollte«, so Anhalt.

Auch wenn im Manifest des Attentäters wahnhafte Züge zu erkennen sind, relativiert dies die rassistische Gesinnung nicht. Ein Täter kann eine psychische Störung haben und gleichzeitig Rassismus in sich tragen. So ist auch der Soziologe Matthias Quent mit dem Arbeitsschwerpunkt Rechtsradikalismus der Meinung: »Vorurteile und Rassismus sind nicht immer vordergründig politisch (motiviert), sondern sozialpsychologische und kulturelle Hierarchien und Muster, die die Gesellschaft und die Sozialisationsprozesse von Individuen prägen.« Auch in der Kürze sollte dies nicht vernachlässigt werden.

Viele Journalist:innen haben aus den Fehlern in der Berichterstattung über die Verbrechen des »Nationalsozialistischen Untergrund« gelernt. Verschweigen oder relativieren Journalist:innen rassistische Gewalt, beeinflusst das, wie ernst unsere Gesellschaft dieses Thema nimmt - und wie bereitwillig sie ist, auf allen Ebenen etwas gegen die rechte Bedrohung zu unternehmen.

Nach einem Jahr intensiver Debatte über Rassismus, die Black-Lives-Matter-Bewegung, Rechtsextremismus sowie die Attentate in Halle und Hanau sollte das keinem Medienhaus mehr passieren, erst recht nicht einem mit Millionenpublikum.

Hinweis: Wir haben den Artikel am 10.01.2020 um die Stellungnahme des ZDF-Redakteurs Gert Anhalt ergänzt.