Talkshows

Wie DI­Vers sind deut­sche Talk­shows?

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135 Themen, 728 Gäs­te, 8800 Sendeminuten: Wir haben sämtliche Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen des Jahres 2019 nach Diversität untersucht. Unsere Analyse zeigt: Anne Will, »hart aber fair«, Maischberger und Maybrit Illner grenzen große Teile der deutschen Gesellschaft aus.

Eine Analyse von Fabian Goldmann

Anne Will, »hart aber fair«, Maischberger und Maybrit Illner: Das sind die Talkshows von ARD und ZDF, in denen ausgewählte Personen regelmäßig über die Themen der Woche diskutieren. Und mit ihnen Millionen Menschen vor den Mediatheken und Fernsehgeräten. Doch in diesem Jahr waren die Talks der Öffentlich-Rechtlichen nicht nur Austragungsort von Diskussionen, sie waren auch deren Gegenstand. Der Grund: Im November hatten die »Neuen Deutschen Medienmacher*innen« die Sendungen mit der »Goldenen Kartoffel« ausgezeichnet.

Mit dem Negativpreis für »besonders unterirdische Berichterstattung« würdigt der Verein einmal jährlich »Medien oder Journalist*innen, die ein verzerrtes Bild vom Zusammenleben im Einwanderungsland Deutschland zeichnen«. In der Urteilsbegründung ließ die Jury kein gutes Haar an den Talks der Öffentlich-Rechtlichen: die Inhalte förderten Klischees, die Gästeauswahl sei diskriminierend, der Diversitätsmangel bestechend.

Die Macher der Talkshows wiederum wiesen die Kritik umgehend zurück. Für sie sei es eine »Selbstverständlichkeit, Menschen mit internationaler Geschichte bzw. Migrationshintergrund zu aktuellen Themen einzuladen«, erklärte beispielsweise ZDF-Talkerin Maybrit Illner.

Zum Ende des Talkshow-Jahres wollten wir deshalb wissen: Wer hat Recht? Werden Menschen mit Migrationsgeschichte und »nicht-weiße« Menschen wirklich in den Sendungen von Anne Will, Sandra Maischberger, Frank Plasberg und Maybritt Illner diskriminiert? Wie vielfältig sind die Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen?

135 Sen­dun­gen, 728 Gäs­te, 8800 Mi­nu­ten

Um das herauszufinden, haben wir uns die Gäste- und Themenlisten sämtlicher öffentlich-rechtlichen Talks des Jahres 2019 vorgenommen und diese auf ihre Diversität abgeklopft: Welche Nationalität haben die Gäste? Wo sind sie geboren? Haben sie Wurzeln im Ausland? Welches Geschlecht haben sie? Wie werden sie von der Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen? Außerdem haben wir untersucht, zu welchen Themen sie zu Gast waren? Durften türkeistämmige Menschen nur Fragen zu Erdoğans Außenpolitik beantworten oder wurden Menschen mit Migrationserfahrung auch ganz selbstverständlich gehört, wenn es um Pflege, Klimapolitik oder den Zustand der GroKo ging?

135-mal wurde in diesem Jahr mit 728 Gästen getalkt: 155 Menschen waren in 30 Sendungen von Anne Will zu Gast, 176 Gäste verteilten sich auf 33 Sendungen von Frank Plasbergs »hart aber fair«, 183 Personen diskutierten in 34 Shows von Sandra Maischberger und 214 Menschen begrüßte Maybrit Illner in ihren 38 Sendungen des Jahres 2019. Das macht zusammengerechnet fast 150 Stunden Talk oder, einfacher ausgedrückt: jede Menge Zeit, um der Vielfalt der deutschen Gesellschaft gerecht zu werden.

Na­tio­na­li­tät: Auf je­den Aus­län­der kom­men rund 20 Deut­sche

Zunächst wenig überraschend für deutsche Sendungen, die sich vor allem an ein deutsches Publikum richten: Der allergrößte Teil der Gäste waren Deutsche. Von den 728 Gästen hatten 689 die deutsche Staatsbürgerschaft oder schon seit langem ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland. Auf 39 Gäste traf dies nicht zu. Das ergibt einen Ausländeranteil in den Sendungen von Anne Will, »hart aber fair«, Maischberger und Maybritt Illner von 5,4 Prozent.

Interessanter wird es, wenn man sich die genaue Herkunft der nicht-deutschen Gäste anschaut: Bei 37 der 39 ausländischen Gäste handelte es sich um Europäer. Von diesen wiederum entfiel mit 17 Gästen der Großteil auf das Vereinigte Königreich. Der Grund: die Masse an Brexit-Sendungen. Auf Platz zwei landete Österreich mit 7 Vertretern, gefolgt von Luxemburg mit 5 und Frankreich mit 2 Gästen. Auf jeweils einen Gast kamen Griechenland, Polen, Schweden, die Schweiz und Russland. Bei den einzigen beiden Nicht-Europäern auf der Gästeliste der Öffentlich-Rechtlichen handelte es sich um zwei US-Amerikaner. Ausländische Gäste mit Pass aus afrikanischen, südamerikanischen oder asiatischen Ländern waren nicht vertreten.

Her­kunft: 95 Pro­zent der deut­schen Gäs­te wur­den auch in Deutsch­land ge­bo­ren

Als nächstes haben wir uns nur den deutschen Gästen gewidmet. Circa einer von acht Deutschen ist im Ausland geboren. Spiegelt sich dieses Verhältnis auch in den Gästelisten der öffentlich-rechtlichen Talkshows wider? Nein. Von den 689 deutschen Gästen wurden lediglich 33 im Ausland geboren. Damit erblickte nicht einmal jeder zwanzigste deutsche Talkshow-Gast im Ausland das Licht der Welt.

Mit sieben Auftritten am häufigsten vertreten waren Gäste, die in Polen geboren wurden, was vor allem den regelmäßigen Besuchen des CDU-Generalsekretärs Paul Ziemiak geschuldet war. Drei deutsche Gäste wurden in Frankreich geboren. Auf je zwei Plätze brachten es Australien, Griechenland, Iran, Ex-Jugoslawien, Russland, Spanien, Syrien, Türkei und die Ukraine. Je ein deutscher Gast erblickte das Licht der Welt in China, Ghana, Holland, Italien, Japan, Libanon, Rumänien und der Schweiz. Auch überraschend: Menschen aus Ländern, die in den vergangenen Jahren im Fokus der Migrationsdebatten standen, sind kaum vertreten. Allein CDU-Politiker Norbert Röttgen brachte es auf mehr Auftritte (9) als sämtliche Gäste aus Afrika, der Arabischen Welt und dem Iran zusammen (7).

Vor­na­men: Mehr Pe­ters als Tür­ken

Auch beim Blick auf die Namensliste scheint sich der Eindruck zu bestätigen, dass Deutsche ohne internationale Geschichte bei Anne Will, »hart aber fair«, Maischberger und Maybrit Illner deutlich überrepräsentiert sind. Von den 728 Gästen tragen 671 (92%) einen Vornamen, der gemeinhin als deutsch wahrgenommen wird. Nur 57 (8%) Gäste tragen einen Vornamen, der als ausländisch wahrgenommen wird.

In der Einzelauswertung wird die deutsche Namensdominanz noch deutlicher. Den Spitzenplatz im Namensranking belegt »Peter«. Menschen mit diesem Namen waren im Jahr 2019 14-mal in den Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen zu Gast. Auf Platz zwei folgt Markus (13x). Den dritten Platz teilen sich Michael und Norbert (11x). Platz fünf geht an Sahra/ Sarah, Stefan/ Stephan und Annelana (je 10x). Für Letzteren ist die Grünen-Chefin allein verantwortlich.

Nach ausländisch klingenden Namen sucht man unter den Top 30 der beliebtesten Talkshow-Namen vergeblich. Der bestplazierteste nicht-deutsch klingende Name ist auf Platz 32 Anthony (5x). Verantwortlich hier für ist der britische Historiker und beliebter Brexit-Diskutant Anthony Glees. Betrachtet man nur die deutschen Gäste, muss man sogar noch länger auf einen nicht-deutsch klingenden Namen warten. Der Grünen-Politiker Cem Özdemir hat seinen Vornamen mit vier Auftritten auf Platz 45 der häufigsten Vornamen gebracht.

Schlüsselt man die Herkunft der 57 ausländisch klingenden Namen weiter auf, machen sich erneut die hohe Zahl an Brexit-Gästen bemerkbar: Insgesamt 15 -mal sind Vornamen englischen Ursprungs verteten. 13 -mal kommen türkisch klingende Vornamen auf den Gästelisten vor. Nur 6 sind arabischen oder persischen Ursprungs. Oder anschaulicher: Menschen mit dem Namen Peter begegnet man in deutschen Talkshows häufiger als allen Personen mit türkischen Namen zusammen.

Zwei­drittel der öf­fent­lich-recht­li­chen Talk­show-Sen­dun­gen hat­ten aus­schließ­lich weiße Gäste

Aber Vornamen, Nationalitäten und Geburtsländer sind nur Indizien, wenn es um die Vielfalt in Gesellschaften wie Talkshows geht. Schließlich wollten wir wissen, wie es um die Dominanz jener Gruppe steht, die dem Negativpreis der »Neuen Deutschenmedienmacher*innen« seinen Namen verliehen hat. Als »Kartoffeln« werden umgangssprachlich weiße Deutsche bezeichnet. Der Begriff »weiß« wiederum hat zwar auch etwas mit der Hautfarbe zu tun, bezeichnet darüber hinaus in der Rassismusforschung allgemein Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind. Als Gegenstück hat sich die Bezeichnung »People of Color« (PoC) etabliert.

Hierzu haben wir uns neben den Namen, Aussehen, Nationalität, Geburtsort und Herkunft der Eltern auch angeschaut, wie eine Person öffentlich wahrgenommen wird. Zu entscheiden, ob eine Person als »weiß« oder »nicht-weiß« wahrgenommen wird, war in einigen Fällen nicht ganz einfach und auch ein Stück weit subjektiv. Im Zweifel haben wir uns zu Gunsten der Talkshow-Macher entschieden.

Von den 728 Gästen, die in den Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen im Jahr 2019 zu Gast waren, ordneten wir 690 als »weiß« und 48 als »nicht-weiß« ein. Das macht einen Anteil nicht weißer Gäste von 6,6 Prozent gegenüber 93,4 Prozent »weißen« Gästen. Während sich Anne Will, »hart aber fair“ und Maischberger mit 4,5 bis 6 Prozent »nicht-weißen« Gästen in etwas auf gleichem Niveau befinden, schneidet Maybrit Illner mit ihrer Sendung etwas besser ab: Bei ihr war im Jahr 2019 fast jeder zehnte Gast (9,8%) »nicht-weiß«.

Von den 48 »nicht-weißen« Gästen aller Talkshows werden 14 aufgrund Name oder äußerer Merkmale als Türkisch wahrgenommen, 9 haben iranische Wurzeln, je 8 Personen werden als asiatisch oder südeuropäisch wahrgenommen und 6 haben einen arabischen Background. Nur 3 von 728 Gästen waren schwarz. Noch homogener fällt das Bild aus, betrachtet man die Zusammensetzung der einzelnen Sendungen. 100 der 135 Talk-Sendungen des Jahres 2019 waren komplett »weiß« besetzt. Das heißt: Nur in etwa jeder dritten Talkshow (35) bekamen die Zuschauer und Zuschauerinnen mindestens eine »nicht-weiße« Person zu sehen.

 

Sie­ben­ein­halb Mo­na­te bis zum ers­ten schwar­zen Gast

Den Negativ-Rekord im Ausschluss von PoC stellte die Sendung »hart aber fair« auf. Die Macher schafften es zwischen dem 8. Juli und 18. November 2019 in 11 aufeinander folgenden Sendungen ausschließlich weiße und bis auf einen britischen Brexit-Talker nur deutsche Gäste einzuladen. Es dauert 55 weiße deutsche Gäste bis am 25. November beim Thema Clan-Kriminalität wieder ein Gast mit arabischen Wurzeln vertreten war.

Mit lediglich drei Personen im gesamten Jahr waren schwarze Menschen bei Anne Will, »hart aber fair«, Maischberger und Maybrit Illner besonder selten zu sehen. Was das bedeutet, lässt sich auch so formulieren: Talkshow-Zuschauer und -Zuschauerinnen mussten siebeneinhalb Monate, 76 Sendungen und 405 Gäste darauf warten, bis in der Maischberger-Sendung vom 14. August mit dem Politiker und Schauspieler Charles M. Huber der erste schwarze Mensch in einer öffentlich-rechtlichen Talkshow des Jahrs 2019 zu sehen war.

Be­set­zung: Fast je­der zwei­te „nicht-wei­ße“ Gast in ei­ner ste­reo­ty­pen Rol­le

Der Auftritt von Charles M. Huber zeigt noch ein weiteres Problem hin: Huber wurde von Maischberger nicht etwa zu seiner Schaulspielkarriere oder seinem politischen Engagement befragt. Stattdessen sollte der Sohn eines Senegalesen die rassistischen und anti-afrikanischen Aussagen des Schalke-Aufsichtsratschefs Clemens Tönnies kommentieren. Die »Neuen Deutschen Medienmacher*innen« schreiben dazu in ihrer Erklärung zur Verleihung der »Goldenen Kartoffel«, PoC würden sich in den öffentlich-rechtlichen Talkshows »wenn überhaupt – oft nur in Sendungen zu Migrationsthemen wiederfinden«.

Diese These kann unsere Auswertung dennoch nur zum Teil bestätigen: Unter den 49 »nicht-weißen« Gästen fanden wir 23, die eingeladen wurden, um zu einem Thema Stellung zu nehmen, das mit ihrem oder dem Herkunftsland ihrer Eltern, ihrer Religion oder allgemein den Themen Integration und Migration zu tun hat. 26 »nicht-weiße« Gäste wurden zu Themen befragt, die nichts mit ihren internationalen Wurzeln zu tun haben. Das klingt zwar zunächst nach einem ausgeglichenen Verhältnis, betrachtet man aber, dass »weiße« Gäste nur in wenigen Einzelfällen zu ihrer Herkunft befragt wurden, erscheint das Problem von stereotypen Besetzungen von »People of Color« in deutschen Talkshows immer noch gewaltig.

Die unterschiedliche Behandlung von »weißen« Menschen und »PoC« zeigt sich auch am Umgang mit Gästen, denen man ihren Migrationshintergrund nicht ansieht. In vielen Sendungen konnten auch Gäste mit Migrationserfahrung ganz selbstverständlich zu Themen jenseits ihres persönlichen Hintergrundes Stellung nehmen, solange sie öffentlich nicht als »PoC« wahrgenommen werden. Gäste wie Sascha Lobo (Vater Argentinier), Sahra Wagenknecht (Vater Iraner), Marina Weisband (in der Ukraine geboren) oder Marcel Reif (Schweizer, in Polen geboren) konnten sich problemlos zu den verschiedensten Themen äußern. Was sie eint: Ihr Migrationshintergrund ist unsichtbar und in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt.

Män­ner und Frau­en: Kein ein­zi­ges All-male-Pa­nel

Herrschte bei Anne Will, »hart aber fair«, Maischberger und Maybritt Illner im Jahr 2019 immer noch weitgehend kulturelle Einöde, gibt es bei der Gleichberechtigung von Mann und Frau Fortschritte. Frauen sind zwar weiterhin unterrepräsentiert, aber nicht mehr so stark wie noch vor einigen Jahren. In 135 Sendungen trafen 450 Männer auf 278 Frauen. Das macht einen Frauenanteil von 38,2 Prozent. Auch hier unterscheiden sich die Talkshows stark untereinander.

Ein fast ausgeglichenes Verhältnis der Geschlechter herrschte bei Anne Will: Ihre Sendungen kamen auf einen Frauenanteil von 44,5 Prozent. Das Schlusslicht einmal mehr: »hart aber fair«. Hier war nur jeder dritte Gast weiblich (33 Prozent). Positiv dennoch: All-male-Panels scheinen in öffentlich-rechtlichen Talkshows der Vergangenheit anzugehören. Sendungen mit ausschließlich männlicher Besetzung gab es im Jahr 2019 keine mehr (sieht man von einer Maischberger-Sondersendung mit Sigmar Gabriel auf Roland Koch am 08. Mai ab. Dafür bekam Annegret Kamp-Karrenbauer am 31. Januar eine ganze Sendung für sich allein).

Leicht unterrepräsentiert sind auch Ostdeutsche. Von 689 deutschen Gästen kamen 589 aus dem Westteil der Republik und 79 aus den neuen Bundesländern. Bei 16 Gästen gelang es uns nicht, sie einem Teil Deutschlands zuzuordnen. Daraus ergibt sich ein Ostdeutschen-Anteil von 11,8% gegenüber 88,2 Prozent Westdeutschen. Zum Vergleich: Ostdeutsche machen etwa 17 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung aus. Bei der Einzelauswertung zeigt sich auch hier das gewohnte Bild: Anne Will liegt mit einem Anteil von 18,5 Prozent Ostdeutschen unter ihren deutschen Gästen sogar noch über dem Bevölkerungsschnitt. »hart aber fair« brachte es auf einen bescheidenen Ostdeutschen-Anteil von sechs Prozent.

The­men: Es wur­de kaum über Mi­gran­ten ge­spro­chen – aber auch kaum mit ih­nen

Dass progressive gesellschaftliche Entwicklungen nicht spurlos an den Talkshow-Machern vorbeigehen, zeigte sich auch bei der Themensetzung. Mit 22 Sendungen lag der Themenkomplex Klima- und Umweltpolitik ganz oben auf der Agenda. Einschränkend muss man allerdings feststellen, dass im Großteil der Sendungen nicht der Klimawandel, sondern klimapolitische Gesetzgebungen wie Fahrverbote als größte Gefahr ausgemacht wurden.

Mit 19 Sendungen knapp dahinter landeten Talks zum Zustand der Großen Koalition. Rechnet man noch fünf Sendungen hinzu, die sich mit deutschen Landtagswahlen beschäftigen, kommt der Themenkomplex »Parteipolitik« auf 24 Sendungen. Auf Platz 3 lassen sich 16 Sendungen zu internationaler Politik und EU zusammenfassen. Auch stark vertreten waren soziale Themen wie faire Löhne, knappe Renten und hohe Miete mit insgesamt 13 Sendungen. Den fünften Platz belegte der Brexit mit 12 Sendungen.

Worüber in diesem Jahr hingegen kaum gesprochen wurde: Migration. Waren in den vergangenen Jahren Kopftuch, Flüchtlinge oder Migrantengewalt noch Dauerbrenner in deutschen Talkshows, gab es in diesem Jahr kaum Sendungen, in denen Menschen mit ausländischen Wurzeln oder Muslime von vorneherein als Problemfall dargestellt wurden. Allenfalls zwei Sendungen zu arabischer Clankriminalität lassen sich so einordnen. Stattdessen wurde zu sechs Gelegenheiten im Öffentlich-Rechtlichen über radikale Entwicklungen in der Mehrheitsgesellschaft wie rechte Gewalt, Antisemitismus und Rechtspopulismus gesprochen.

Bei der Preisverleihung der »Goldenen Kartoffel« kritisierten die »Neuen Deutschen Medienmacher*innen«, dass die »Sendungen zu den Themen rund um Migration, Geflüchtete und Islam sich durch Vorurteile und Panikmache auszeichnen«. Diesen Eindruck kann unsere Auswertung zumindest für das Jahr 2019 nicht bestätigen. Denn Sendungen zu den genannten Themen gab es so gut wie keine. Ein positives Fazit lautet also: Über Migranten wurde in den öffentlich-rechtlichen Talkshows des Jahres 2019 kaum noch diskutiert. Doch mit ihnen leider auch kaum.

Deshalb bleibt unser Resümee überwiegend negativ: Die Gästeauswahl der Öffentlich-Rechtlichen Talkshows ist vor allem gegenüber »nicht-weißen« Menschen tatsächlich stark diskriminierend. »Weiße« Menschen und Deutsche ohne Migrationserfahrung dominierten die Gästelisten der Talks weit mehr als es ihr Bevölkerungsanteil vermuten ließe. Die wenigen »nicht-weißen« Gäste des Jahres 2019 wurden häufig in stereotypen Rollen besetzt. Die »Goldene Kartoffel« haben sich Anne Will, »hart aber fair«, Maischberger und Maybrit Illner deshalb mehr als verdient.


An­mer­kun­gen: Wie wir vor­ge­gan­gen sind und wie wir uns ent­schie­den ha­ben

Grundlage unserer Auswertung waren die Online-Sendungsarchive von Anne Will, »hart aber fair«, Maischberger und Maybrit Illner. Aus diesen haben wir Termine, Zeitpunkte und Gäste der Sendungen entnommen. Einige wenige Sendungen wurden dort nicht aufgelistet. Zur Sicherheit haben wir deshalb unsere Ergebnisse noch einmal mit anderen Quellen wie TV-Programmzeitschriften und Medienbeiträgen abgeglichen.

Anschließend haben wir biographische Angaben wie Geburtsort, Nationalität, Herkunft der Eltern etc. zu den einzelnen Gästen zusammengetragen: Im besten Fall konnten wir alle nötigen Informationen schon der Gästebeschreibung auf der jeweiligen Talkshow-Website entnehmen. Häufig führte die Recherche über Wikipedia-Einträge, Biographien auf Partei-Webseiten oder akademische Vita. Oftmals reichte aber auch das nicht und wir stöberten in Presseberichten, Facebook-Profilen und TV-Aufzeichnungen nach Infos.

Nicht zu jedem Gast konnten wir alle Informationen zusammentragen. In diesen Fällen haben wir das in der Auswertung kenntlich gemacht. Wenn Personen mehrfach zu Gast waren, haben wir sie auch mehrfach gezählt. Schließlich erhöhen zwei Besuche von Cem Özdemir auch die Diversität in zwei Sendungen.

Nationalität: Hier haben wir vorrangig nach Staatsbürgerschaft entschieden. Bei Menschen mit mehreren Staatsbürgerschaften haben wir uns für das Land entschieden, das den aktuellen Lebensmittelpunkt darstellt. Als »Deutsch« haben wir auch einige Personen eingeordnet, die ihren Lebensmittelpunkt schon lange in Deutschland haben, bei denen wir uns aber nicht ganz sicher waren, ob sie einen deutschen Pass haben.

Geburtsort/ Geschlecht: Hier konnten wir alle Gäste eindeutig zuordnen.

Weiß oder nicht-weiß: Diese Zuordnung war mit Abstand die schwierigste, weil sie anders als Herkunft oder Geschlecht schon dem Wesen nach eine subjektive ist. »Weiß« oder »PoC« bezeichnet in der Rassismusforschung kein Wesensmerkmal, sondern eine Kategorie, nach der Menschen von der Mehrheitsgesellschaft beurteilt werden. »Nicht-Weiß« ist jeder, der in der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft Opfer von Rassismus werden kann.

Neben äußeren Merk-malen wie Namen, Phänotyp oder Dialekt war für uns deshalb entscheidend: Wie wird der Gast in der Öffentlichkeit wahrgenommen? Wird sie oder er Ziel von Zuschreibungen, die sich auf ihre oder seine tatsächliche oder vermeintliche Herkunft oder Kultur beziehen? Hier gab es einige Fälle, in denen man auch anderes hätte entscheiden können. Im Zweifel haben wir zu Gunsten der Talkshow-Macher entschieden und lieber einen Diversitätspunkt zu viel als zu wenig vergeben.

Migrationshintergrund: Warum wir die Gäste nicht nach Migrationshintergrund eingeteilt haben, hat zwei Gründe. Der eine ist ein praktischer: Den Geburtsort nicht nur von allen 728 Gästen, sondern auch von ihren fast 1500 Eltern und 3000 Großeltern herauszufinden war schlichtweg unmöglich. Der wichtigere allerdings ist ein konzeptioneller: »Migrationshintergrund« ist in Deutschland eine behördlich definierte Größe, die über die Lebensrealität dieser Person nicht unmittelbar etwas aussagt. Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt (Mutter ist Dänin) und Islam-Funktionär Aiman Mazyek (Vater ist Syrer) sind beide Deutsche mit Migrationshintergrund, werden in der Öffentlichkeit aber dennoch ganz unterschiedlich kategorisiert. Bei vielen Personen spielt der Migrationshintergrund deshalb keine Rolle, weil er der Öffentlichkeit schlicht nicht bekannt ist. Andererseits können auch Menschen in Deutschland ohne internationale Wurzeln Opfer von Rassismus werden: Beispielsweise wenn sie den Nachnamen ihres migrantischen Partners annehmen. Da wir für all diese Fälle auch in den Gästelisten der Talkshows Beispiele fanden, erschien uns die Kategorie »weiß/ PoC« als besserer Indikator für Diversität als der Migrationshintergrund.

Ost/West: Westdeutsche und Ostdeutsche haben wir in der Regel nach ihrem Geburtsort eingeteilt. Bei Deutschen, die im Ausland geboren sind, haben wir uns danach gerichtet, wo sie gelebt haben, nachdem sie nach Deutschland gezogen sind. Das Gleiche gilt für Menschen, die vor der deutschen Teilung geboren sind. Egal ob sie in Aachen, Schwerin oder Königsberg geboren wurden: Ausschlaggebend war für uns, wo sie nach 1945 überwiegend gelebt haben. In einigen wenigen Fällen konnte wir Gäste nicht zuordnen. Sie haben wir aus der Statistik herausgelassen.

Themen: Grundlage der Auswertungen waren alle Sendungen außer »maischberger. die woche«. Diese 15 von insgesamt 34 Maischberger-Sendungen widmeten sich mehreren aktuellen Themen der vergangenen sieben Tage. Hier hätten wir uns entweder für das dominanteste Thema entscheiden können, was in einigen Fällen nicht eindeutig feststellbar war. Oder wir hätten sämtliche angesprochenen Themen gezählt, was wiederum das Gesamtergebnis verzerrt hätte. Deshalb haben wir uns dazu entschieden, »maischberger. die woche« bei der Themenauswertung zu ignorieren.

 

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