Was in der Bericht­erstattung über krimi­nelle Clans schief­läuft

Gleich zu Beginn will die Spiegel-TV-Doku zeigen, wie groß das Problem der Clan-Kriminalität ist - und zeigt dazu Bilder von Beerdigungen. Wie viele der Trauergäste irgendetwas mit Kriminalität zu tun haben, erfahren die Zuschauer:innen nicht. Aber der Effekt bleibt. (Screenshot: BLIQ)

 

Über kaum ein Thema wird derzeit so viel berichtet wie die kriminellen Machenschaften von arabisch- und türkeistämmigen Clans. Kein Wunder, denn Clan-Kriminalität bietet vieles, was sich gut klickt: Gewalt, Drogen, Prominenz, Emotionen. Doch allzu viele Journalist:innen gehen dabei zu unkritisch mit ihren Quellen um - und transportieren billige kulturelle Klischees.

Ein »Islam-KLischee des Monats« von Julia Ley

»Es sind viele, sehr viele und es werden immer mehr. Mitglieder krimineller arabischer Großfamilien halten Ermittler, Staatsanwaltschaft und Sozialbehörden seit Jahren in Atem – selbst wenn die Polizei in der Überzahl ist. Es ist nicht nur die schiere Größe der Familien, es ist auch ihr kriminelles Potential, das Ermittler verzweifeln lässt.«  

Mit diesen Worten, dramatischer Musik und Bildern von einer Masse dunkelhäutiger Männer und Kopftuch-tragender Frauen beginnt der erste Teil eines Spiegel TV-Spezials mit dem Titel »Die Macht der Clans«. Ausgestrahlt wurde er Anfang Oktober, der zweite Teil folgte zwei Wochen später. Das Problem: Es sind offensichtlich Bilder der Beerdigungen von Clan-Mitgliedern, die in der Doku immer wieder gezeigt werden. Ob die Trauergäste selbst irgendetwas mit Kriminalität zu tun haben - und wenn ja wie viele von ihnen - erfahren die Zusschauer:innen nicht. Aber der Effekt bleibt.

Es ist nur eines von vielen solcher Beispiele. Beiträge zur Kriminalität arabisch- und kurdischstämmiger Clans erscheinen derzeit im Stundentakt. Allein seit Montag dieser Woche sind laut Google News mehr als 300 neue Beiträge zum Thema erschienen.

Das liegt auch daran, dass in diesem Jahr gleich mehrere Bücher zum Thema herauskamen. Neben dem gleichnamigen Buch zur Spiegel-TV-Serie von Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer gibt es die Biographie von Khalil O., einem Aussteiger. Mit Hilfe der WELT-Journalistin Christine Kensche hat er seine Geschichte aufgeschrieben: »Auf der Straße gilt unser Gesetz«. Auch das dritte Buch ist ein Insiderreport. Der bekannte Berliner Clanchef Mahmoud Al-Zein erzählt in »Der Pate von Berlin« sein Leben.  

Das Thema hat viel von dem, was Journalist:innen gemeinhin als »Nachrichtenwert« bezeichnen: Gewalt, Kriminalität, gute Zitate, Prominenz, starke Persönlichkeiten. Doch so nachvollziehbar das Interesse sein mag, so austauschbar wirken auch die Berichte. Fast immer wird den Leser:innen ein exklusiver Zugang zu einer »geheimen«, gar »abgeschotteten« Welt versprochen. In dieser Parallelwelt »gilt der deutsche Rechtsstaat nicht«. Es herrscht mal »islamisches Recht«, mal »das Recht der Straße«. Unter den Männern der Clans gelten »archaische Ehrvorstellungen« und »die Macht der Traditionen« - ganz so als gehörten der Handel mit Drogen und Prostituierten, Schutzgelderpressung und Raub mancherorts einfach zum Kulturgut.

Mangelnde Distanz zu beiden Seiten

Vielen der Beiträge mangelt es zudem an Distanz: Nicht nur zu Polizei und Politik, die im letzten Jahr eine großangelegte »Bund-Länder-Initiative zur Bekämpfung der Clan-Kriminalität (BLICK)« ankündigte - sondern auch zu den »Insidern«, die den Typus des besonders gefährlichen Ausländers längst als erfolgreiche Marketingsstrategie entdeckt haben - inklusive Instagram-Leaks, Promi-Rechtsstreitigkeiten und exklusiven Homestories, in denen der Berliner Clanchef Arafat Abou-Chaker stolz seine Trainer-Sammlung zeigt. Es wäre die Aufgabe von Journalist:innen solche Selbstvermarktung genauso einzuordnen wie bei anderen Prominenten - statt sie seitenweise nachzudrucken.

»Ich habe bei manchen Kolleg:innen das Gefühl, die haben zu viel 4Blocks geguckt«, sagt der freie Journalist Mohamed Amjahid im Interview mit BLIQ. »Genauso stellen die sich Clan-Kriminalität dann vor und so stellen sie es in ihren Berichten auch dar.« Mit kritischen Recherchen, etwa in der ZEIT und in der taz, stellt Amjahid immer wieder das vorherrschende Narrativ der allumfassenden Clan-Bedrohung infrage. Er fordert einen nüchternen Blick auf eine Form von organisierter Kriminalität (OK), die längst ihren eigenen Mythos geschaffen hat.

Eine bundesweite Definition fehlt

Die Schwierigkeiten fangen schon bei der Definition an. Bis heute konnten sich die Strafverfolgungsbehörden der Länder nicht darauf einigen, was genau »Clan-Kriminalität« eigentlich ist. Stattdessen hat das Bundeskriminalamt »Zuordnungskriterien und Indikatoren« ausgegeben. Clan-Kriminalität ist »die Begehung von Straftaten durch Angehörige ethnisch abgeschotteter Subkulturen« und wird bestimmt durch »verwandtschaftliche Beziehungen«, eine »gemeinsame ethnische Herkunft und ein hohes Maß an Abschottung der Täter, wodurch die Tatbegehung gefördert oder die Aufklärung der Tat erschwert wird«.

Das klingt zunächst konkret, eine klare Grundlage für statistische Erhebungen ist es jedoch nicht. Welche Taten in die Clan-Kriminalitäts-Statistiken der Länder eingehen, ist deshalb sehr unterschiedlich. In Niedersachsen etwa hat sich die Polizei eine Art Abkürzung einfallen lassen, um bestimmte Straftaten der Clan-Kriminalität zuordnen zu können. Sie führt einfach eine Liste mit Nachnamen, wie Mohamed Amjahid recherchiert hat.

Das Problem dabei: Die Familien sind teilweise extrem groß, manche haben nach eigenen Angaben mehrere Tausend Mitglieder. Und keineswegs alle Familienmitglieder sind kriminell. »Auf 100 Leute kommen vielleicht zehn, die kriminell sind, und zehn, die im Gefängnis sitzen«, schätzt etwa Khalil O. in seinem Buch. Wie repräsentativ das ist, sei dahingestellt. Hinzu kommen Menschen, die denselben Nachnamen tragen, ohne mit der Familie verwandt zu sein.

Menschen werden auf­grund ihres Nach­namens stigma­tisiert

Begeht nun irgendjemand – egal, ob er in die organisierten kriminellen Machenschaften der Familie verwickelt ist oder nicht – irgendeine Straftat, landet diese beinahe automatisch in der Statistik. Oder um es mit den Worten eines anonymen Polizeibeamten aus dem Großraum Hannover zu sagen, den Amjahid in der ZEIT zitiert: »Wenn ein 15-jähriger Junge (...) in einem Kiosk am Hauptbahnhof von Hannover aus Langeweile einen Schokoriegel klaut, landet er, weil er einen Nachnamen aus der Clan-Tabelle trägt, automatisch in der Clan-Statistik.«

So werden einerseits die Statistiken aufgebläht, auf die viele Journalist:innen und Politiker:innen sich berufen. Andererseits führt es dazu, dass Menschen allein aufgrund ihres Nachnamens verdächtigt werden. So schildert Melly, Sprecherin der Neuköllner Initiative »Kein Generalverdacht«, wie einer ihrer Freunde, der zu einer der großen Familien gehört, seinen Job verlor: »Er hat bei einer Security-Firma gearbeitet und der Chef hatte Angst, dass es mal einen Vorfall geben könnte – was in der Branche ja durchaus vorkommen kann. Der Chef meinte dann: ‘Keiner wird uns glauben, wenn sie deinen Nachnamen lesen.‘«

Ein journalistischer Grundsatz ist zudem der der Verhältnismäßigkeit. Medienschaffende sollten darüber nachdenken, wie viel sie über ein bestimmtes Problem berichten und in welchem Verhältnis das zur Relevanz des Problems steht. Das ist umso wichtiger, wenn die Berichterstattung womöglich diskriminierend wirkt.

Natürlich ist es ein Problem, wenn Mitglieder arabischstämmiger Großfamilien kriminell werden. Es ist auch nachvollziehbar, dass die Polizei im Umgang mit dieser Art von Kriminalität womöglich neue Strategie entwickeln muss – etwa weil sie hier nicht einfach auf verdeckte Ermittler setzen kann. Das macht die Arbeit sicherlich schwieriger.

Doch ist das bei Angehörigen deutsch-deutscher Familienunternehmen, die Steuern hinterziehen, so anders? Hat nicht auch die Frau des CSU-Politikers, der sie über Jahre in seinem Abgeordnetenbüro »beschäftigt«, zu ihrem Mann gehalten? Hat der Sohn von Uli Hoeneß preisgegeben, dass sein Vater über die Jahre knapp 30 Millionen Euro an Steuern hinterzog?

Sucht man auf Google News nach den Begriffen »Clan« und »Kriminalität«, dann finden sich allein für das laufende Jahr 2020 knapp 12.000 Beiträge. Sucht man hingegen nach »Pflege« und »Notstand« finden sich gerade einmal 7.000 Beiträge. So spektakulär manche Aktionen der Clans sein mögen, die allermeisten Deutschen sind von dem Thema – im Gegensatz zum Pflegenotstand – nicht direkt betroffen. Das mag anders sein, wenn man in direkter Nähe zu Clans lebt. Aber selbst in Berlin-Neukölln, als Clan-Hochburg verschrien, fühlen sich viele Anwohner:innen derzeit offenbar eher durch die fortwährenden Polizeikontrollen schikaniert.

die Selbst­inszenierung von Polizei und Politik hinter­fragen

Sicherheitsbehörden und Politiker:innen verschiedener Parteien haben das Thema in den letzten Jahren verstärkt auf die Agenda gehoben. Politiker haben eine »Null-Toleranz-Politik« ausgegeben, die Rede ist von einer »Politik der kleinen Nadelstiche«. Dazu gehört es, dass der »Kontrolldruck« zugenommen hat. Allein die Berliner Polizei hat 2019 laut ihrer Jahresbilanz 382 »Einsätze im Zusammenhang mit der Bekämpfung der Clan- Kriminalität« durchgeführt. Das ist mehr als einer am Tag. In über 100 »Verbundeinsätzen« kontrollierten Beamte von Polizei, Zoll und Steuerfahndung gemeinsam Schischabars, Cafès, Bars, Friseursalons und Wettstuben.

Auf diese Weise wollen Beamte nicht nur »illegale Geschäftsfelder und Geldwäscheaktivitäten« aufdecken - sondern auch »Strukturerkenntnisse zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität« gewinnen. Aktivist:innen wie Melly oder LINKEN-Politikerin Ulla Jelpke, kritisieren, dass die ständigen Kontrollen vor allem Symbolwert haben - und oft anlasslos stattzufinden scheinen:

»Da kommen dann 50 bis 70 Polizeibeamte, die teils mit Maschinengewehren bewaffnet sind, was einen als Gast natürlich komplett abschreckt und das Bild kreiert, der Besitzer des Ladens wäre ein Schwerverbrecher«, sagt Melly, die als Mitarbeiterin einer Schischabar solche Kontrollen schon selbst miterlebt hat.

unver­zollter Schischa­tabak und erhöh­te Kohlen­monoxid­werte in Schischa­bars

Regelmäßig findet etwa die Berliner Polizei bei den Kontrollen unverzollten Schischa-Tabak oder Zigaretten und stellt Verstöße gegen die Kohlenmonoxidobergrenze fest. Alles das ist nicht schön, aber es sind Dinge, die auch im Rahmen normaler Gewerbekontrollen zu finden wären.

Und: Selbst wenn der Polizei gelegentlich spektakuläre Großfunde gelingen - laut BKA machen Verfahren zur Clan-Kriminalität insgesamt nur etwa acht Prozent aller OK-Verfahren aus. Die durch Clan-Kriminalität verursachten Schäden beliefen sich 2019 auf 1,6 Millionen Euro. Bei einem Gesamtschaden von mehr als 800 Millionen Euro ist das geradezu lächerlich wenig. Dass über all die anderen Formen organisierter Kriminalität - von Rockerbanden über Cyberkriminelle bis zur Mafia - nicht annähernd so viel berichtet wird, legt den Verdacht nahe, dass das auch etwas mit der vermeintlichen kulturellen Fremdheit der Täter:innen zu tun hat.

Melly etwa stört sich vor allem an dem Bild, das durch die andauernden Kontrollen und der begleitenden Berichterstattung entsteht: Schischabars gelten als »arabische« oder »türkische«, jedenfalls migrantische Orte. Gerade für Menschen mit Ausgrenzungserfahrungen sind sie Rückzugsorte, an die sie gehen können, wenn etwa ein schicker Club sie abweist. Durch die ständigen Bilder von Razzien entsteht der Eindruck, sie seien vor allem Umschlagplätze für Drogen und Waffen. Auch der Attentäter von Hanau, der im Februar diesen Jahres neun Menschen ermordetete, hat sich bewusst Schischabars als Ort für seinen Anschlag ausgesucht.

Wie gerne gerade Politiker:innen den »Kampf gegen die Clans« nutzen, um sich selbst als toughe Beschützer des Rechtsstaates zu inszenieren, hat die Berliner CDU erst kürzlich eindrucksvoll vorgeführt. Zur Präsentation ihres neuen Plans gegen Clan-Kriminalität hat sie einen gelben Lamborghini mit falschen Einschusslöchern beklebt. Das Auto, auf dem der Spruch »Kriminelle Clans gehören auf Netflix, nicht auf Berlins Strassen [sic]« prangte, sollte symbolisch abgeschleppt werden. Die Aktion ging nach hinten los. Am Ende leitete die Berliner Staatsanwaltschaft kein Verfahren gegen die Clans ein - sondern gegen die CDU. Wegen des Verdachts auf Kennzeichenmissbrauch. Darauf stand nämlich nur »Bye.bye«.

Mohamed Amjahid kritisiert im Interview, dass viele Journalist:innen sich für die Selbstinszenierung von Polizei und Politik einspannen lassen. Er berichtet von Kolleg:innen, die vorab über Razzien informiert würden. Auch die Autoren der eingangs erwähnten Spiegel TV-Doku scheinen immer schon an Ort und Stelle zu sein, wenn die Polizei eine Razzia durchführt. Wo bleibt die journalistische Distanz?

Das Problem nicht mit der Kultur wegerklären

Deutschland hat seit der Silvesternacht von Köln ausgiebig darüber diskutiert, welche Rolle der Migrationshintergrund von Täter:innen in der Kriminalitätsberichterstattung spielen darf. Der Pressekodex wurde angepasst, es ist inzwischen wieder üblicher geworden, die ethnische Herkunft zu erwähnen - mit dem Ergebnis, dass Medien die Realität grob verzerren.

Dennoch gibt es kaum ein anderes Genre, in dem Journalist:innen so bereitwillig die »Kultur« der Täter:innen als Erklärungsmuster heranziehen, wie bei der Clan-Berichterstattung. Das hat viel damit zu tun, wie die Polizei selbst das Thema versteht. Erst kürzlich sorgte etwa eine Broschüre der Polizei Essen und Mülheim an der Ruhr für Empörung.

In gewisser Weise spricht schon der Titel für sich: »Arabische Familienclans – Historie. Analyse. Ansätze zur Bekämpfung« heißt es da – als wollte die Polizei die Clans an sich bekämpfen und nicht etwa deren kriminelle Mitglieder. Zurück bleibt nur die bedrohliche Masse der Großfamilie. Über diese wiederum werden den Mitgliedern die absurdesten Klischees zugeschrieben: »Aggressive Clan-Mitglieder« hätten Angst vor Hunden, heißt es da etwa - natürlich, weil diese im sunnitischen Islam »als unrein gelten«. Nicht etwa, weil Polizeihunde womöglich daraf trainiert werden, furchteinflößend zu sein. Clan-Mitglieder fürchteten sich außerdem vor »regulärer Arbeit (»9 to5«) für jemand anderen als die eigene Gemeinschaft«.

Erklärt wird all das mal mit »dem Islam«, mal mit »Prinzipien, die hunderte Jahre alt« und aus »vorislamischer Zeit« stammen. Warum das Menschen wie Melly nevt? »Ich bin selber praktizierende Muslima und fühle mich schon fast beleidigt, dass man die Kriminalität einzelner Menschen mit meinem Glauben in einen Topf wirft. Natürlich sind, nach meinem Wissen, diese Familien muslimischen Glaubens, allerdings sind die Dinge, die ihnen vorgeworfen werden, alles Dinge die im Islam nicht erlaubt sind.«

Wenn schon die Polizei das Problem nicht anders greifen kann als mit kruden Kultur-Klischees, überrascht es kaum, dass diese von den Medien weiter verbreitet werden. Journalist:innen lernen in der Ausbildung noch immer die staatliche Behörden als »privilegierte Quellen« zu verstehen, ihre Aussagen dürfen als wahr betrachtet werden. Zum Glück wird das Konzept inzwischen zunehmend infrage gestellt. Im Juli 2019 wies etwa der Deutsche Journalistenverband (DJV) in einer Pressemitteilung darauf hin, dass Journalist:innen auch Meldungen und Informationen der Polizeibehörden kritisch hinterfragen müssten.

Eben das aber passiert in den allermeisten Beiträgen zu Clans nicht. Darin steckt, man muss es so sagen, auch eine gewisse Denkfaulheit. Allzu viele weiße Journalist:innen geben sich mit der für sie naheliegendsten Erklärung zufrieden: Es muss wohl an der Kultur liegen.

Auf die Strukturen schauen

Vielversprechender könnte es sein, sich die Strukturen hinter der Kriminalität und die individuellen Biographien anzuschauen. Viele Berliner Clanmitglieder etwa seien als Jugendliche zwar auffällig gewesen, aber erst im Gefängnis zu echten Schwerverbrechern geworden, erläutert Mohamed Amjahid. Hier stellt sich also die Frage nach der Rolle des Staates.

Auch ist kein Zufall, dass viele der kriminellen Clans der kurdisch-libanesischen Minderheit der Mhallamiye angehören. Viele Mhallamiye kamen in den 1980er Jahren nach Deutschland, auf der Flucht vor dem libanesischen Bürgerkrieg. Asyl bekamen viele nicht, abgeschoben werden konnten sie aber auch nicht, denn sie galten als staatenlos. Als Geduldete durften viele Mhallamiye jahrelang nicht regulär arbeiten – eine Tatsache, die mit dazu beigetragen hat, dass etliche kriminell wurden.

Und: Statt immer wieder Islamwissenschaftler:innen zu Wort kommen zu lassen, könnten Journalist:innen die Frage nach dem »Warum?« vielleicht auch mal Soziolog:innen und Kriminolog:innen stellen. Man stelle sich vor, die Autor:innen der Panama Papers-Recherchen hätten nur Theolog:innen dazu befragt, warum ausgerechnet das katholisch geprägte Panama eine Firma hervorbrachte, die Hunderttausenden Reichen die Steuerhinterziehung ermöglichte. Sie wären wohl zu Recht ausgelacht worden.

Am kommenden Montag startet übrigens ein neuer Podcast auf dem Berliner Radio Fritz, der verspricht einiges anders zu machen. In »Clanland - Schrecklich nette Familiengeschichten« spricht der Schauspieler und Musikproduzent Mohamed Chahrour, der selbst aus einem sogenannten Clan stammt, gemeinsam mit dem Hip-Hop-Journalisten Marcus Staiger mit und über Mitglieder von Clan-Familien. Wir sind gespannt.