Toxische Männlichkeit

Fabian Goldmann

Nicht nur Hal­le:       War­um fast al­le At­ten­tä­ter Män­ner sind

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Ob islamistischer Anschlag, rechtsextremes Attentat oder Amoklauf: Die meisten schweren Gewalttaten werden von Männern begangen. Forscher sagen, das hat auch etwas mit unserer Vorstellung von Männlichkeit zu tun.

Von Fabian Goldmann

In Halle versucht ein 27-Jähriger ein Massaker an Juden zu begehen. Als dies nicht klappt, erschießt er eine Passantin und den Besucher eines Döner-Imbiss und verletzt auf der Flucht zwei weitere Personen schwer. Auf einer Polizeiwache in Paris sticht ein mutmaßlicher Islamist vier Polizisten nieder. In Texas eröffnet ein 36-Jähriger scheinbar willkürlich das Feuer auf vorbeifahrende Autofahrer und tötet sieben Menschen.

Das sind drei von dutzenden Attentaten, die in den vergangenen Wochen stattfanden. Auf den ersten Blick scheinen sie nichts miteinander zu tun haben. Doch eine Gemeinsamkeit verbindet die Taten von Halle, Paris und Texas.  Ein Tätermerkmal, an das wir uns schon so sehr gewöhnt haben, dass es uns gar nicht mehr auffällt: Alle Taten wurden von Männern begangen.

Wo auch immer auf der Welt Menschen getötet werden: Meist liegt man richtig mit der Vermutung, dass ein Mann dahintersteckt. 88 Prozent aller polizeilich erfassten Tötungsdelikte in Deutschland werden von Männern begangen. An den 107 Mass-Shootings, die zwischen 1982 und November 2018 die USA erschütterten, waren gerade einmal in vier Fällen Frauen beteiligt. In Deutschland liegt das letzte Mal, dass Menschen von einer Terroristin ermordet wurden, über 40 Jahre zurück.  „Nicht alle x sind Terroristen, aber alle Terroristen sind x“, heißt es bei anderen Tätergruppen häufig. Für keine andere gesellschaftliche Gruppe ist diese Gleichung so wahr wie für „x = Männer“.

Kul­tur oder Na­tur?

Warum ist das so? Warum finden sich fast nie Terroristinnen, Rechtsextremistinnen oder Amokläuferinnen in den Schlagzeilen? Woher kommt der männliche Hang zur Gewalt? Lange Zeit waren sich Forscher*innen sicher, die Antwort auf den Ursprung der Gewalt im männlichen Körper selbst gefunden zu haben. Genauer: In seinen Hoden, der Produktionsstätte von Testosteron. Das Sexualhormon musste lange als universelle Erklärung für alles Schlechte in der Welt herhalten: von höherer Suchtanfälligkeit über die Neigung zum Schule schwänzen bis hin zur Gewalttätigkeit.

Heutzutage fällt das Urteil von Experten wie Robin Haring wesentlich zurückhaltender aus. Der Epidemiologe hat hunderte Studien und wissenschaftliche Aufsätze zum Thema ausgewertet und 2015 mit „Die Männerlüge“ ein Buch über Testosteron veröffentlicht. Sein Urteil: Dass Testosteron gewalttätig mache, sei ebenso ein Mythos wie die meisten anderen Effekte, die wir mit Testosteron in Verbindung bringen.

Wenn es nicht die Natur ist, kann es dann die Kultur sein, die Männer zu Gewalttätern macht? Auch diese These findet schon seit langem Anhänger. „Niemand ist den Frauen gegenüber aggressiver oder herablassender als ein Mann, der seiner Männlichkeit nicht ganz sicher ist.“ Das Zitat der französischen Schriftstellerin und Feminismus-Ikone Simone de Beauvoir prangt seit Jahrzehnten auf feministischen Broschüren und Stickern von Frauenrechtsgruppen.

Mindestens ebenso lang schlägt sich die dahinterstehende Annahme in der Arbeit von Sexualtherapeutinnen und Psychologinnen nieder: Männer reagieren auf Kränkungen ihrer Männlichkeit demonstrativ mit noch mehr vermeintlicher “Männlichkeit”. Der Ursprung der Gewalt liegt demnach nicht in einem problematischen Hormon, sondern in dem, was wir unter „Männlichkeit“ verstehen.

Män­ner, de­ren Männ­lich­keit in­fra­ge ge­stellt wird, be­für­wor­ten stär­ker Ge­walt

Die These von der „Überkompensation Männlichkeit“ erklärt beispielsweise, warum sich Vergewaltiger vor der Tat häufig in ihrer Männlichkeit verletzt fühlen. Der Akt der Gewalt: Ein Versuch, die empfundene Erniedrigung durch übertrieben „männliches“ Verhalten auszugleichen. Diese These nutzen Psycholog*innen auch, um zu erklären, warum homophobe Einstellungen überdurchschnittlich häufig bei Männer anzutreffen sind, die selbst homosexuelle Neigungen haben.

Ob sich die These von einer „Überkompensation von Männlichkeit“ auch wissenschaftlich halten lässt, haben amerikanische Forscher*innen im Jahr 2013 überprüft. In einem Aufsatz für das „American Journal of Sociology“ werteten sie mehrere Studien neu aus, in denen getestet wurde, wie Männer darauf reagieren, wenn ihre Männlichkeit infrage gestellt wird.
Ein Ergebnis: Männliche Testpersonen, denen die Studienmacher zuvor feminine Züge zuschrieben, äußerten sich im Anschluss stärker stereotyp „männlich“ als die Vergleichsgruppe, die unbeeinflusst in den Versuch ging. So äußerten sie sich zum Beispiel homophober, befürworteten Gewalt stärker oder zeigten auch größeres Interesse an der Anschaffung eines SUVs.

Rechts­ex­tre­mis­ten und Dschi­ha­dis­ten füh­len sich häu­fig in ih­rer Männ­lich­keit be­droht

Kann dieser Effekt auch Terroranschläge und Mass-Shootings erklären? Ja, meint Michael Kimmel. Der amerikanische Soziologe und Männerforscher ist der Frage nachgegangen, warum gerade in seiner Heimat so viele Männer zu Massenmördern werden. Seine Antwort: Überkompensierte Männlichkeit. Wie nirgendwo sonst prallten in den USA die Vorstellung männlicher Allmacht, weißer Überlegenheit und ein übersteigerter Patriotismus auf Arbeitslosigkeit, gesellschaftliche Marginalisierung und progressive Gesellschaftsentwürfe. Das Ergebnis: Ein Millionenheer von „Angry White Men“, das immer wieder auch Attentäter hervorbringe.

Für sein 2018 erschienenes Buch „Healing from Hate“ ging Kimmel noch einen Schritt weiter. Nun wollte er wissen, ob der Effekt so groß ist, dass sich mit ihm politische Gewalttäter über ideologische und geographische Grenzen hinweg fassen lassen. Dazu interviewte er ehemalige Rechtsextremisten und Dschihadisten. Erneut traf er dabei auf Männer, die sich durch gesellschaftliche Veränderungen ihrer Männlichkeit beraubt fühlten und darauf mit besonders „männlichem“ Verhalten reagierten: Gewalt.

Andere Forscher*innen kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Der amerikanische Soziologe und Religionswissenschaftler Mark Juergensmeyer hat für sein Buch „Terror im Namen Gottes“ Interviews mit Terroristen verschiedenster politischer und religiöser Ausrichtungen geführt: von Dschihadisten bis jüdischen Extremisten, von militanten christlichen Abtreibungsgegnern bis Sikh-Kämpfern. Immer wieder stieß er dabei auf sexuell frustrierte Männer, die sich im Krieg gegen moderne Bedrohungen wie die säkulare Gesellschaft, Frauenemanzipation oder Homosexualität wähnten. Der Akt der Gewalt: Ein Symbol für die persönliche Rückgewinnung verlorengegangener Männlichkeit.

Dasselbe Prinzip findet sich auch in Klaus Theweleits 2015 erschienenen Buch „Das Lachen der Täter“. Der Kulturwissenschaftler untersuchte die Psychologie von Massenmördern: von Breivik über die Roten Khmer bis zu den Charlie Hebdo-Attentätern. Auch er fand die Antwort auf die Frage, was sie zu ihren Taten trieb, nicht primär in Religion oder politischen Ideologien. Gemein sei den Tätern die „zentrale Angst vor den körperauflösenden Fähigkeiten des bedrohenden Weiblichen.“ „Töten ist das zentrale Mittel dieser Körper zum Erreichen des Spannungsausgleichs“, schreibt Theweleit.

Gilt das auch für die Täter von Halle, Pairs und Texas? Ist die Propagierung neuer männlicher Rollenbilder der ultimative Weg zu einer friedlicheren Welt? Wir wissen es nicht genau. Es liegt an Richter*innen und Psycholog*innen, die individuellen Motive einzelner Täter zu entschlüsseln. Die Welt ist vielfältig, auch die der Gewalt: Es sind lasche Waffengesetze, die es ermöglichen, innerhalb von Minuten dutzenden Menschen das Leben zu nehmen. Politische Ideologien formen frustrierte Einzelgänger zu einer weltweiten chauvinistischen Bewegung. Gesamtgesellschaftliche Stimmungsmache gegen Minderheiten verschafft potenziellen Tätern die vermeintliche Legitimation.

Es ist wichtig und richtig, dass wir uns nach jedem Schusswaffen-Massaker kritisch mit der Rolle allzu liberaler Waffengesetze auseinandersetzen. Es ist richtig, dass wir nach einem Schul-Amoklauf nach möglichen Verfehlungen im Bildungssystem fragen. Und es ist richtig, dass wir nach einem antisemitischen Anschlag wie jetzt in Halle zu größeren Anstrengungen im Kampf gegen Antisemitismus aufrufen. Aber vielleicht sollten wir künftig mit derselben Ernsthaftigkeit danach fragen, was diese Taten mit unserer Vorstellung von „Männlichkeit“ zu tun haben, wenn wieder mal keine Attentäterin in den Schlagzeilen steht.

 

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