Fabian Goldmann


MUS­LIM, SAG,
WIE HÄLtST DU'S MIT DER DE­MO­KRA­TIE?

Das Bündnis gegen Demokratieabbau in der Türkei bringt in Sichtweite der Türkischen Botschaft symbolisch die Demokratie zum Blühen. (Foto: Jan Hagelstein | Lizenz: CC BY-SA 2.0)

 

Muslimen wird oft pauschal unterstellt, Probleme mit der Demokratie zu haben. Doch Studien zeigen: Das Gegenteil ist richtig.  

Ein Faktencheck von Fabian Goldmann


Es ein Klassiker deutscher Islamdebatten: Die Behauptung, dass Musliminnen und Muslime ein Problem mit freiheitlichen Werten, Gleichberechtigung oder Rechtsstaatlichkeit haben, kurz: demokratiefeindlich seien. Während das Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung bei nicht-muslimischen Deutschen grundsätzlich vorausgesetzt wird, wird die Demokratietauglichkeit von Musliminnen und Muslimen regelmäßig öffentlich in Frage gestellt. So auch vergangenen Montag. Da äußerte sich die Berliner Imamin und Anwältin Seyran Ateş in einem Interview mit dem Nordkurier wie folgt:

»Ich schätze, dass wir rund ein Drittel der Muslime in Deutschland als Hasser der Moderne betrachten können. Auch wenn sie nicht gewaltbereit sind, so lehnen sie trotzdem in ihrer sogenannten friedlichen Orthodoxie die freiheitliche Demokratie mit all ihren Facetten als Lebensform ab.«

Eine Aussage, die der Nordkurier nicht nur einfach so stehen ließ – kritische Rückfragen gab es keine – sondern sogar zur Überschrift des Artikels machte. Der unbedarfte Leser sieht im Überfliegen also nur die Aussage »Jeder dritte deutsche Muslim 'hasst die Moderne'«. Da macht es kaum noch einen Unterschied, dass immerhin der letzte Teil des Satzes als Zitat gekennzeichnet ist.

Mit ihrer These ist Ateş nicht allein. »Muslime, die die freiheitlich demokratische Grundordnung akzeptieren, sind keine echten.« So soll es zum Beispiel einmal Nicolaus Fest, ehemaliger Vize-Chefredakteur der Bild am Sonntag und heutiges AfD-Mitglied, bei einem Auftritt in der Bundespressekonferenz formuliert haben. Melanie Amann, Leiterin des Spiegel-Hauptstadtbüros, teilte die Aussage über ihren Twitter-Kanal. Nicht nur Fest, auch andere AfD-Mitglieder sind sich sicher: Islam und Demokratie - das geht nicht zusammen.

Woher die jeweiligen Protagonisten ihr Wissen beziehen? Ateş zumindest sagt es ganz deutlich: Sie schätzt es halt. Doch was ist dran am Klischee des demokratiefeindlichen Muslims? Was sagt die Wissenschaft? Stehen muslimische Deutsche der Demokratie ablehnender gegenüber als andere Deutsche?


Mus­lime sind ge­nau­so
gute De­mo­kra­ten wie Chris­ten

Dieser Frage gingen die Macher der Studie »Weltanschauliche Vielfalt und Demokratie« in diesem Jahr nach. Ihrer repräsentativen Untersuchung zufolge halten 91 Prozent der Muslime in Deutschland die Demokratie für eine gute Regierungsform. Damit unterscheiden sich Muslime nicht wesentlich von ihren christlichen Mitbürgern, die das zu 93 Prozent finden. Skeptischer sind hingegen die Konfessionslosen. Nur 83 Prozent von ihnen halten die Demokratie für eine gute Idee.

Und mit noch einem Klischee räumt die Studie auf: Es macht kaum einen Unterschied, ob die befragten Muslime zugezogen sind oder schon immer hier leben. Mit 92 Prozent (zugezogen) bzw. 90 Prozent (schon immer hier lebend) unterscheiden sie sich in ihrer Befürwortung der Demokratie ebenfalls nicht signifikant.

Und ihre Zustimmung bezieht sich keineswegs nur auf das Konzept der Demokratie im Abstrakten. Auch die real existierende Demokratie in Deutschland findet bei Muslimen überdurchschnittlich viel Zuspruch: 81 Prozent der zugezogenen und 75 Prozent der in Deutschland geborenen Muslime sind der Meinung, diese funktioniere gut. Damit liegen Muslime auch hier in etwa gleichauf mit Christen (78 Prozent). Hingegen zeigen sich nur 63 Prozent der Konfessionslosen zufrieden mit der deutschen Demokratie.

Im Hinblick auf ein wesentliches Element der Demokratie liegen Muslime in ihrer Zustimmung sogar deutlich vor allen anderen Befragten: dem Minderheitenschutz. Der Aussage, dass der Schutz von Minderheiten wichtig sei, stimmten 88 Prozent der Zugezogenen und 86 Prozent der in Deutschland geborenen befragten Muslime zu. Damit liegt ihre Zustimmungsrate deutlich vor der von Christen (78 Prozent) und Konfessionslosen
(81 Prozent).

Die demokratische Einstellung scheint also weder ein Resultat eines langwierigen Integrationsprozesses zu sein, noch von der Religionszugehörigkeit abzuhängen. Blickt man auf die niedrigen Zustimmungswerte unter Konfessionslosen, scheint Religiosität sogar eher einen positiven Einfluss auf das Verhältnis zur Demokratie zu haben.


Auch unter Ge­flüch­te­ten ist die Zu­stim­mung zur De­mo­kra­tie sehr hoch

Eine Variation des Klischees vom demokratiefeindlichen Muslim ist der Vorwurf, dass vor allem Menschen, die im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise nach Deutschland kamen, die Werte des Grundgesetzes ablehnen würden. In seinem 2016 erschienenen Buch „Wunschdenken: Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert“ argumentiert SPD-Rechtsaußen Thilo Sarrazin beispielsweise für geschlossene Grenzen, weil Geflüchtete die Demokratie und Gleichberechtigung in Deutschland bedrohten.

Aber auch hier belegt die Empirie das Gegenteil: Gemeinsam mit dem Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat das Bundesamt für Migration für Flüchtlinge im Jahr 2016 2.300 Asylsuchende danach befragt, was sie von der Demokratie halten und die Ergebnisse mit den Zahlen des »World Values Survey« aus dem Jahr 2014 verglichen.

Das Ergebnis: Die Zustimmungsrate unter Geflüchteten ist sogar noch höher als unter Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft.

Am besten schneiden letztere bei der Frage nach der Gleichberechtigung von Mann und Frau ab: Mit 92 Prozent Zustimmungsrate liegen Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit hier mit den gerade erst nach Deutschland Geflüchteten gleich auf. Auch bei der Frage, ob sie sie sich wünschen, in einer Demokratie zu leben, ähneln sich die Werte von Deutschen (95 Prozent) und Geflüchteten (96 Prozent). Bei fast allen anderen Fragen ist die Zustimmung unter Geflüchteten sogar größer: 96 Prozent der Geflüchteten aber nur 92 Prozent der Deutschen sprechen sich für freie Wahlen aus. Die Frage, ob Bürgerrechte den Einzelnen vor dem Staat schützen sollten, beantworteten 93 Prozent der Flüchtlinge mit »ja«, aber nur 83 Prozent der Deutschen.

Dass Demokratiefeindlichkeit in Deutschland kein Problem sei, bedeuten diese Studienergebnisse allerdings nicht. Die »Leipziger Autoritarismus-Studie« aus dem Jahr 2018 kam beispielsweise zu dem Ergebnis, dass etwa 40 Prozent der Deutschen bereit wären, ein autoritäres System zu unterstützen.

Eine besonders hohe Zustimmung zu demokratiefeindlichen Thesen unter Muslimen ergab diese Studie allerdings auch nicht. Stattdessen fanden sich die meisten Demokratiefeinde unter jenen Befragten, die sich zugleich auch islamfeindlich äußerten.