Mahmoud Bassiouni

VON ÄRZ­TEN UND PA­TIE­NTEN: MUSS SICH DER ISLAM
SÄ­KU­LA­RI­SIE­REN?

Das Grundgesetz schützt die Religionsfreiheit. Wer will, darf seinen religiösen Vorstellungen auch politisch Ausdruck verleihen. An ihre Grenze stößt diese Freiheit aber dort, wo sie mit dem Versuch einhergeht, die eigenen Vorstellungen autoritär oder gewaltsam durchzusetzen. Foto: Pexels.

 

EINE ANALYSE Von Mahmoud Bassiouni

Verfolgt man den öffentlichen Diskurs über den Islam, fühlt es sich manchmal an, als wäre man beim Arzt. Der Patient wird sorgfältig beäugt, vermessen und auf bestimmte Symptome hin untersucht. Im Anschluss erhält er eine Diagnose, die erklärt, woher seine Beschwerden kommen. Schließlich wird ihm eine Behandlung verschrieben, die verspricht, seine Schmerzen zu lindern und zukünftigen Beschwerden vorzubeugen.

Im Fall des muslimischen Kollektivpatienten verläuft die Situation oft ähnlich. Das Gespräch mit ihm kreist um auffällige gesellschaftspolitische Symptome, etwa seine Gewaltanfälligkeit oder seine allergischen Reaktionen auf Demokratie und Geschlechtergleichheit. Die Diagnose steht nach kurzer Zeit fest. Folgt man der geläufigen Expertenmeinung ist das Problem, dass der Islam einen ausgeprägten politischen Keim in sich trägt. Der muslimische Gläubige hängt demnach keiner gewöhnlichen Religion an, die sich auf innerliche Frömmigkeit beschränkt, sondern einer Weltanschauung, die sich auch auf den Bereich der Politik erstreckt. Dies erkläre, warum der Gläubige ständig in einen Konflikt zu geraten droht, sobald er mit fremden politischen Ordnungsvorstellungen konfrontiert wird.

Um diese Konfliktanfälligkeit zu behandeln, wird ihm daher oft eine Therapie empfohlen, die sich bei ähnlichen Fällen als besonders wirksam erwiesen habe. Fachexperten sprechen hier, je nach Zunft, von einem Prozess der Säkularisierung, Entpolitisierung oder Privatisierung. Der Muslim soll so erlernen, den privaten Bereich der Religion vom öffentlichen Bereich der Politik zu trennen. Sein Glaube soll so vor krankheitserregenden Keimen immunisiert und mit den Werten der aufgeklärten Moderne versöhnt werden.

 

»Die Hei­lung des eu­ro­pä­isch­en Pa­tien­ten wa­ren Re­for­ma­tion und Auf­klä­rung, heißt es«

 

Um Wirkung und Erfolgsaussichten dieser Therapie zu beweisen, verweist man in diesem Zusammenhang gerne auf den europäischen Musterpatienten, der einst mit ganz ähnlichen Beschwerden zu kämpfen hatte. Angestoßen wurde sein Heilungsprozess durch die Reformation, die ihn lehrte, zwischen Geistlichem und Weltlichem zu unterscheiden. Dadurch gelang es ihm, eine gesellschaftliche Grundlage zu etablieren, auf der Toleranz, Freiheit und Demokratie gedeihen konnten. Erblühen konnten sie schließlich durch die Aufklärung, die den Glauben endgültig in die Privatsphäre verdrängte und der Vernunft zum öffentlichen Triumph verhalf.

Wirft man einen näheren Blick auf die Behandlungsunterlagen des Musterpatienten, stellt sich diese Geschichte freilich als wirkmächtiges Placebo heraus. So führte gerade die Reformation dazu, dass Staat und Religion stärker als je zuvor miteinander verquickt wurden. Nicht umsonst galt der Landesherr in den evangelischen Territorien als Summus Episcopus („oberster Bischof“), der weltliche und geistliche Gewalt in einer Hand vereinte. Und selbst der englische Philosoph John Locke, konnte noch voller Selbstverständlichkeit behaupten, dass Katholiken und Atheisten keine Toleranz verdienten und brachte „vernünftige“ Gründe für den Kolonialismus und die Unterlegenheit der Frau vor. Viele seiner aufgeklärten Zeitgenossen argumentierten ähnlich.

 

Mahmoud Bassiouni ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Leibniz-Forschungsgruppe »Transnationale Gerechtigkeit« der Goethe-Universität Frankfurt. 2014 erschien von ihm »Menschenrechte zwischen Universalität und islamischer Legitimität« im Suhrkamp-Verlag. (Foto: Uwe Dettmar)

 

Wer seiner ärztlichen Sorgfaltspflicht nachkommen möchte, täte daher gut daran, die Aufklärung weniger als identitäres Erbgut zu betrachten. Vielmehr sollte man ihrem grundsätzlichen Anspruch folgen: die Prämissen des eigenen Denkens stets aufs Neue zu reflektieren. Bevor man dem muslimischen Patienten eine Privatisierungskur verordnet, sollte man sich also die Mühe machen, die eigenen diagnostischen und therapeutischen Annahmen zu hinterfragen. Und man sollte prüfen, welche Risiken und Nebenwirkungen mit dieser Kur einhergehen.

 

Re­li­gions­freiheit umfasst die Frei­heit,
»sein gesam­tes Ver­hal­ten an den Leh­ren sei­nes Glau­bens aus­zu­rich­ten«

 

So lässt sich zunächst feststellen, dass der Appell an Muslime, ihren Glauben zur Privatsache zu machen, auf einem verkürzten Religionsverständnis basiert. Alle Religionen, auch das Christentum, beziehen sich auf das Ganze der menschlichen Wirklichkeit. Religiöse Deutungssysteme beschränken sich nicht auf die kultische Gottesverehrung oder das menschliche Innenleben. Sie enthalten immer auch Aussagen, die sich auf das menschliche Zusammenleben beziehen. Daraus ergeben sich auch normative Impulse für die Gestaltung der sozialen und politischen Ordnung. Als ein Feld, das die Beziehungen zwischen Menschen reguliert, ist das Politische kein Fremdkörper im Gewebe der Religion, sondern etwas, womit sie sich ganz selbstverständlich befasst.

 

Diesem Verständnis entsprechend beschränkt sich auch die Religionsfreiheit des Grundgesetzes nicht auf den Schutz der inneren Frömmigkeit. Sie umfasst vielmehr die Freiheit, »sein gesamtes Verhalten an den Lehren seines Glaubens auszurichten und seiner inneren Glaubensüberzeugung gemäß zu handeln«, so das Bundesverfassungsgericht in einem wegweisenden Urteil von 1971. Den Bürgerinnen und Bürgern wird dadurch ermöglicht, ihren religiösen Überzeugungen auch öffentlich Ausdruck zu verleihen und sie in den politischen Prozess einzubringen. Dahinter steckt die aus dem Nationalsozialismus gewonnene Einsicht, dass der Staat kein Monopol auf das Politische hat.

Der Staat ist in einer Demokratie an den politischen Diskurs der Zivilgesellschaft gebunden, wo auch dezidiert religiöse Positionen zur Geltung kommen können. Dies gilt für christliche Sozialethiken ebenso wie für muslimische Gerechtigkeitsvorstellungen. Wer solche Positionen in die Privatsphäre zu verbannen sucht, erteilt dem egalitären und freiheitlichen Charakter des Grundgesetzes eine Absage. Es entbehrt daher nicht einer gewissen Ironie, wenn gerade solche Akteure, die sich auf seine grundlegenden Werte berufen, Muslime zur politischen Enthaltsamkeit auffordern.

Hinter dieser Aufforderung steckt freilich die unausgesprochene Prämisse, dass sich Muslime im Vergleich zu anderen Religionsgemeinschaften nur trotz und nicht aufgrund ihrer Religion zu den Werten des Grundgesetzes bekennen können. Darin sind sich theologisch ungeschulte Ideologen und viele selbsternannte Islamexperten einig. Beide gehen davon aus, es gebe eine Art islamische Essenz, die sich ohne weiteres aus diesen oder jenen Versen des Korans bestimmen lässt. Dies verkennt natürlich, dass sich aus denselben Quellen auch ganz andere Schlüsse ziehen lassen, wenn man eine hermeneutisch anspruchsvollere Lesart an sie heranträgt.

 

»Wie an­de­ren auch steht es Mus­li­men frei, ihren Über­zeu­gun­gen po­li­ti­schen Aus­druck zu ver­lei­hen«

So verwundert es auch nicht, dass unter Muslimen keine politische Einheitsmentalität existiert, sondern durchaus unterschiedliche Positionen bezogen werden - darunter solche, die sich aus religiöser Überzeugung zu einer egalitären Freiheitsordnung bekennen, oder es als kategorisches islamisches Gebot verstehen, für die Gleichberechtigung der Geschlechter einzutreten, für den Schutz der Umwelt zu kämpfen oder gegen ausbeuterische Wirtschaftsstrukturen zu protestieren. Wer Muslime zur Privatisierung ihres Glaubens auffordert, drängt auch diese, nicht minder politischen, Islamverständnisse ins stille Kämmerlein und versucht, sie zu entmündigen.

Daraus sollte man nun nicht die Forderung ableiten, nur jene Muslime in die Sphäre des Politischen eintreten zu lassen, die mit ihrem religiösen Programm auf öffentliches Wohlwollen stoßen. Ausschlaggebend ist nämlich nicht, mit welchem Inhalt sich Religionsgemeinschaften an der Gestaltung des Politischen beteiligen, sondern in welchem Modus sie dies tun. Wie anderen Gesellschaftsmitgliedern auch steht es allen Muslimen frei, ihren Überzeugungen politischen Ausdruck zu verleihen. An ihre Grenze stößt diese Freiheit erst dort, wo sie mit dem Versuch einhergeht, die eigenen Vorstellungen autoritär oder gewaltsam durchzusetzen. Dieselben Schranken gelten für Christen oder Atheisten.

Wenn Muslime also davon überzeugt sind, dass das, was sie behaupten, gut und richtig für die Gesellschaft ist, dann müssen sie in der Lage sein zu überzeugen. Und zwar all jene, die sie mit diesen Ansprüchen an ein bestimmtes Verhalten binden wollen. Wer seine Ansichten lediglich deswegen für befolgenswert hält, »weil es so im Koran steht«, vermag dabei genauso wenig zu überzeugen wie jemand, der ein verbindliches Verhalten allein deswegen vorschreibt, »weil es unserer Kultur entspricht« oder es »schon immer so gewesen ist«.

Eine freiheitliche demokratische Ordnung schützt man nicht durch die Abschirmung vom Religiösen, sondern durch die Eindämmung des Autoritären. Nimmt man das ernst, müsste sich der eine oder andere Arzt vom Hocker auf den Patientenstuhl setzen.

 

Die Beiträge auf BLIQ geben nicht zwingend die Meinung von CLAIM oder den einzelnen Allianz-Mitgliedern wieder. Die Allianz-Mitglieder keinen Einfluss auf die redaktionelle Arbeit von BLIQ.