SCHLACH­TEN IM NAMEN GOTTES: WIE FUNK­TIO­NIERT DAS ISLA­MISCHE SCHÄCH­TEN?  

In Deutschland ist es verboten, Tiere ohne vorherige Betäubung zu schächten. Es sei denn, der oder die Gläubige kann nachweisen, dass es eine zwingend notwendige religiöse Vorschrift ist. Doch wie genau läuft das Schächten eigentlich in der Praxis ab? Und was ist die Rechtslage in Deutschland? Ein Überblick über die Debatte aus islamisch-theologischer Sicht.

EINE ANALYSE Von Bilal Erkin

Polen, Dänemark, Norwegen, die Schweiz, Island, große Teile Belgiens, Liechtenstein – in immer mehr europäischen Ländern ist das Schächten verboten. Da ist es kaum verwunderlich, dass nun plötzlich auch in Deutschland von einigen Seiten wieder ein Verbot gefordert wird. Im August, passend zur Eid-Feier, an der viele Muslime rituell Tiere schlachten lassen, entschied die CDU-Landtagsfraktion in Niedersachsen einstimmig, ein generelles Schächtverbot prüfen zu lassen. Ein Jahr zuvor hatte die AfD bereits einen ähnlichen Antrag eingebracht.

Wie sehr die Debatte um das rituelle Schächten die Gemüter erhitzt, zeigt schon eine einfache Google-Suchanfrage: »Die Qual beim Schächten – Müssen Tiere beim betäubungslosen Schlachten unnötig leiden?«, »Schächten ist Tierquälerei«, »Betäubungsloses Schächten: Mann (51) für Blutbad auf der Weide bei Bamberg verurteilt« – so lauten einige der Schlagzeilen, die sich dort finden.

Angesichts des medialen Diskurses ist es für den unbedarften Leser nicht schwer, das Ritual selbst und die es praktizierenden Muslime allzu leicht als tierfeindlich abzustempeln. Wie bereits Eren Güvercin in seinem Beitrag dargelegt hat, ist es mindestens fraglich, worauf die neuerlichen Verbotsforderungen abzielen. Denn das Schächten ist - bis auf wenige Ausnahmen - in Deutschland bereits verboten. Geht es bei den neuerlichen Forderungen also wirklich um das Tierwohl oder eher um die Einschränkung von Grundrechten, auf die sich Minderheiten berufen? Bei einigen Politikern scheint das Tierwohl eher als dankbares Scheinargument zu fungieren, um Minderheiten auszugrenzen und zu stigmatisieren.

Dass die Debatte ums Schächten so populistisch geführt wird, rührt auch daher, dass die meisten Menschen mit den Details der Praxis kaum vertraut sein dürften. Entsprechend einfach ist es für Politiker, mit populistischen Forderungen Stimmung zu machen. Doch wie läuft das Schächten in der Praxis wirklich ab? Welche Details sind dabei aus muslimisch-theologischer Sicht zu beachten? Und wie ist die Tradition aus verfassungsrechtlicher Sicht zu beurteilen? Dieser Artikel beabsichtigt einen Überblick zu verschaffen.

Was bedeutet »halal«?

In der islamischen Rechtsprechung ist zunächst alles an Lebensmitteln erlaubt, was nicht explizit verboten ist. Dabei ist auch die Art und Weise, wie die verschiedenen Lebensmittel hergestellt werden, von entscheidender Bedeutung für die Frage, ob sie erlaubt (halal) oder verboten (haram) sind.

Lebensmittel wie Schweinefleisch, Alkohol, Blut oder das Fleisch verendeter Tiere werden im Koran explizit als haram klassifiziert. Fleisch, über dem beim Schlachten ein anderer Name als der Name Gottes ausgesprochen wird, ist verboten. Diese Regelung ist das Grundprinzip, wenn es um das Thema »halal-Fleisch« geht.

Der Begriff »Schächten« stammt von dem jüdischen Wort schechita und meint die rituelle Schlachtung von Tieren im Judentum nach definierten Regeln. In der heutigen Zeit versteht man darunter, ein wenig verallgemeinert, die religiös-rituelle Schlachtung von warmblütigen Tieren, egal in welcher Religion. Der Unterschied zur heute gängigen Schlachtmethode ist der, dass das Tier vor der Schlachtung nicht betäubt wird. Im Judentum ist diese Voraussetzung unanfechtbar.

Da bei Muslimen weder im Koran noch in der Sunna (den Überlieferungen des Propheten Muhammad) zur Betäubungsfrage Stellung genommen wird, ist es unter muslimischen Gelehrten umstritten, ob das Weglassen der Betäubung eine zwingende islamrechtliche Voraussetzung darstellt. Einig sind sich Juden und Muslime jedenfalls darin, dass das rückstandslose Ausbluten des Tieres garantiert sein muss. Und: Die drei großen Kanäle Luftröhre, Speiseröhre und Halsarterien müssen mit einem scharfen Gegenstand durchtrennt werden, bevor das Tier stirbt. Andernfalls gilt das Fleisch als nicht verzehrbar.

In der Pra­xis kann nicht immer ga­ran­tiert werden, dass das Tier nach der Be­täu­bung noch lebt

Wie bereits erwähnt, gehen die Meinungsunterschiede in der klassischen islamischen und sunnitischen Jurisprudenz (fiqh) auf die Tatsache zurück, dass weder der Koran noch die Sunna Informationen zu Betäubungsmethoden enthalten. Damit liegt die Entscheidung bei den Rechtsgelehrten. In diesem Punkt gehen die Meinungen und Urteile der einzelnen Gelehrtenräte auseinander.

Gegner der Betäubung sehen das betäubungslose Schächten als »wesentlichen Bestandteil der Religionsausübung« und als »zwingend vorgeschrieben« an. Dieser Position haben sich in der Vergangenheit Dr. Nadeem Elyas im Namen des Zentralrats der Muslime (ZMD), der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) und der europäische Fatwa-Rat (EFC) angeschlossen. Aus islamwissenschaftlicher Sicht bestätigte Manfred Götz, Islamwissenschaftler und Turkologe an der Universität Köln, in einem Gutachten im Jahr 1989, dass das Schächten ohne Betäubung im islamischen Recht als absolut notwendig angesehen wird.

Muslimische Befürworter der Betäubung stützen sich meist auf ein einziges Rechtsgutachten des ägyptischen Fatwa-Rates, der in einer Versammlung entschieden hat, dass moderne Betäubungsmethoden, bei denen das Tier nicht stirbt, religionsrechtlich erlaubt seien. In der Praxis kann jedoch nicht immer garantiert werden, dass das Tier nach der Betäubung noch lebt. Einige Betäubungsmethoden wie das Bolzenschussgerät verursachen irreversible Schäden, die das Tier nach einigen Minuten sterben lassen. Der Kehlschnitt müsste nach dieser Rechtsauslegung also noch vor dem Tod geschehen, damit das Fleisch als verzehrbar gilt.

Allerdings ist zu beachten, dass ein Rechtsgutachten in der islamischen Rechtstradition nicht für alle Muslime bindend ist – anders als wir das etwa von normativen Rechtsurteilen des Papstes kennen.

Viele Halal-Zer­tifi­kate sind in­trans­parent

Hinzu kommt das Problem, dass wir in Deutschland eine intransparente Landschaft an halal-Zertifizierern haben. Da es keine übergeordnete Kontrollinstanz gibt und die Zertifizierung nicht rechtlich geregelt ist, kann jeder ohne Probleme eine halal-Zertifizierungsstelle gründen und betreiben – selbst wenn er oder sie keine theologischen Kompetenzen vorweisen kann. Mehr als 20 Zertifizierungsstellen existieren derzeit in Deutschland, die ihre theologischen Kriterien mehrheitlich nicht offenlegen und bei denen die Endkunden oft nicht wissen, auf welche theologischen Positionen sie sich berufen und welche Schlachtmethode sie zertifizieren. Deshalb kann es sein, dass beim halal-zertifizierten Fleisch das Tier vorher betäubt wurde – oder nicht.

Die Diskussion darüber, ob das Schlachten ohne Betäubung human ist, lässt sich bis in das 19. und 20. Jahrhundert zurückverfolgen, als Juden in Deutschland dieses Verfahren ausübten. Nun herrscht hierzulande allgemein die Auffassung, dass das Tier auf »humane« Art und Weise geschlachtet werde, wenn es vorher betäubt wird. Zugelassene Betäubungsmethoden sind das Bolzenschussgerät und die Elektrozange bei Klein- und Großvieh.

Heute ist es laut Tierschutzgesetz nicht erlaubt, Tiere ohne vorherige Betäubung zu schlachten. Ausgenommen sind Religionsgemeinschaften, für die eine »zwingend notwendige religiöse Vorschrift« zum betäubungslosen Schlachten besteht. Rechtliche Voraussetzung für das betäubungslose Schächten ist daher, dass eine Religionsgemeinschaft eine Ausnahmeregelung aus ebendiesen Gründen beantragt. Liegt ein Antrag vor, müssen die Gerichte zwei Rechtsgüter gegeneinander abwägen: Die Religionsfreiheit gemäß Artikel 4 des Grundgesetzes und das Tierschutzgesetz. Wird eine Ausnahmeregelung ausgesprochen, müssen Schlachtbetriebe danach noch viele Kriterien wie Sachkundenachweis, Hygenie-Vorschriften etc. erfüllen, damit sie tatsächlich in einem begrenzten Maße schächten dürfen.

An dieser Stelle sei gesagt, dass fast alle muslimischen Schlachtbetriebe in Deutschland das betäubte Schlachten vorziehen, weil sie sich mit den harten Kriterien der rechtlichen Ausnahmeregelung nicht auseinandersetzen möchten. Diese Betriebe handeln somit völlig rechtskonform. Nur vereinzelte Betriebe haben sich die Mühe gemacht, eine Ausnahmegenehmigung für das betäubungslose Schächten zu bekommen oder einzuklagen.

Der Islam schreibt sehr genau vor, wie die Schlachtung vorzunehmen ist, damit das Leid der Tiere eingegrenzt wird. So ist es von äußerster Bedeutung, dass das Messer scharf ist und keine Scharten aufweist. Weiterhin sollte das Tier vor der Schlachtung besänftigt werden, indem es gefüttert und liebevoll behandelt wird. Ebenso muss das Schlachttier von den übrigen Tieren isoliert werden, damit diese weder das ausfließende Blut sehen noch die Schreie während des Schlachtvorgangs hören. Im medialen Diskurs über das Schächten geraten diese Facetten jedoch oft in den Hintergrund - oder sie werden gar nicht erst angesprochen.

es ist wich­tig, dass Juden und Muslime mit der Mehr­heits­gesell­schaft in den Dia­log treten.

Wer die aktuellen politischen Vorstöße der CDU, AfD und SPD in Niedersachsen zum Schächten beobachtet, kann den Eindruck bekommen, dass viele Akteure die theologischen Grundlagen des rituellen Schlachtens nicht kennen. So ist es wenig überraschend, dass schnell Rufe danach laut werden, die im Grundgesetz verankerte Religionsfreiheit für Juden und Muslime mit dem Argument des Tierschutzes einzuschränken.

Es ist nachvollziehbar, dass das betäubungslose Schächten für Menschen, die sich nichts darunter vorstellen können, grausam erscheint. Und es ist wichtig, dass Juden und Muslime mit der Mehrheitsgesellschaft in den Dialog treten. Doch es ist von elementarer Bedeutung, auf welcher Grundlage wir diese Diskussion führen. Ohne die Einbeziehung jüdischer und muslimischer Gemeinschaften und Theologen wird sich die Debatte verselbständigen und in Verbotsforderungen enden, die uns nicht weiterbringen.

Wenn Politiker es mit dem Tierschutz ernst meinen, wäre es gerade aus theologischer Sicht zu begrüßen, dass wir uns auch Themen wie Tierhaltung und Tiertransporten widmen. Denn da hätten gerade gläubige Juden und Muslime viel beizutragen.

Bilal Erkin hat Islamwissenschaften und Islamische Theologie an den Universitäten Köln und Münster studiert. Er promoviert derzeit an der Universität Osnabrück im Bereich der Koranexegese.

 

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