Julia Ley

Wie vie­le Grund­schul­kin­der tra­gen Kopf­tuch?

Credit: Erol Gurian
Wer rausfinden will, wie viele Mädchen an deutschen Grundschulen Kopftuch tragen, muss schon eine Weile suchen. (Foto: Erol Gurian)


Im Mai hat Österreich ein Kopftuchverbot an Grundschulen eingeführt. Seither fordern einige Politiker auch für Deutschland ein Verbot an Kitas und Grundschulen. Nur: Wie viele Kinder mit Kopftuch gibt es in Deutschland überhaupt?

EIN FAKTENCHECK VON JULIA LEY
 

440 Euro – so viel kann es in Österreich kosten ein Kopftuch zu tragen. Denn im Mai hat das österreichische Parlament ein Kopftuchverbot für Grundschülerinnen beschlossen. Ihnen ist »das Tragen weltanschaulich oder religiös geprägter Bekleidung, mit der eine Verhüllung des Hauptes verbunden ist», künftig untersagt. Im schlimmsten Fall können die Eltern sogar ins Gefängnis gehen.

Der österreichische Vorstoß hat die Debatte auch in Deutschland wieder aufleben lassen. »Dass kleine Mädchen Kopftuch tragen, ist absurd», erklärte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, die ein Verbot prüfen lassen will. Angesichts »zunehmender Hilferufe aus der Lehrerschaft» sei das dringend erforderlich. Ähnlich sah das CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer: »Kopftücher im Kindergarten oder in der Grundschule haben mit Religion oder Religionsfreiheit nichts zu tun», sagte sie. »Das sehen auch viele Muslime so.»

«Mir ist in Grundschulen keine SCHÜLERIN mit Kopftuch begegnet.»

       Annette Kemp, Pressesprecherin der Bremer Bildungssenatorin

Doch stimmt das? Wie viele kleine Mädchen tragen in Deutschland überhaupt Kopftuch? Rechtfertigen die Zahlen die Debatte? Ayman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, erklärte in einem Interview, die Fälle bewegten sich im »Promillebereich». Auch andere Kritiker des Verbots beklagen, dass es sich dabei um eine Scheindebatte handele.

OFFIZIELLE ZAHLEN GIBT ES NICHT

Wer also hat Recht? Bildungspolitik ist in Deutschland Ländersache; für Informationen über den Schulalltag sind die Kultusministerien der Länder zuständig. Eine Grafik der Süddeutschen Zeitung zeigt, wo in Deutschland besonders viele Muslime leben. Den größten Anteil an der Gesamtbevölkerung machen sie in Bremen (10,7 %), Berlin und Hamburg (8,8%), NRW (8,4 %), Hessen (7,5%), Baden-Württemberg (6,9%), Bayern
(4,6 %) und Rheinland-Pfalz (4,5%) aus.

Wenn also in Deutschland immer mehr kleine Mädchen mit Kopftuch zur Grundschule gehen, dann sollten die Kultusminister dieser Länder es wissen. Doch: »Diese Zahlen werden im Bundesland Bremen nicht erhoben», schreibt die Pressesprecherin der Bremer Bildungssenatorin auf Anfrage. »Ich persönlich bin in allen Schulen der Stadt Bremen unterwegs. Mir ist in Grundschulen keine Grundschülerin mit Kopftuch begegnet.»

Ähnlich sieht es in vielen der anderen Ländern aus. Auch aus Hessen, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Bayern und Berlin kommt umgehend die Antwort: Zahlen gib es nicht. Selbst in NRW, wo die Debatte ihren Ausgang nahm, gibt es keine belastbaren Zahlen – weder für Grundschulen noch für Kitas. Das räumte die Landesregierung schon 2018 ein. 2019 hat dann eine SPD-Abgeordnete in einer kleinen Anfrage noch einmal nachgehakt. Die Antwort: Es gebe weder Zahlen, noch seien konkrete Konflikte wegen des Kopftuchs bekannt geworden. Auch ein Meldesystem wurde bislang nicht eingeführt.

Die Landesregierung verweist in ihrer Antwort stattdessen auf eine Studie aus dem Jahr 2011: Derzufolge tragen in NRW drei von Hundert muslimischen Mädchen unter 10 Jahren ein Kopftuch. Wenn überhaupt, scheint es, fangen die meisten muslimischen Mädchen erst mit der Pubertät an, Kopftuch zu tragen. Und damit meist nicht vor dem Übertritt an eine weiterführende Schule.

Wie sollen Journalisten und Politiker ohne Zahlen einschätzen können, welche Folgen ein Verbot hätte?

Wenn rechte Abgeordnete Juden, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen oder Sinti und Roma zählen lassen wollen – wie zuletzt mehrfach geschehen – ist die Aufregung verständlicherweise groß: Solche Abfragen erinnerten »an die dunkelsten Zeiten deutscher Geschichte», konstatierten Sozialverbände aus ganz Deutschland im Jahr 2018. Insofern ist es nachvollziehbar, dass die Landesregierungen bestimme Statistiken über Minderheiten nicht erheben – und vielleicht auch nicht erheben wollen. In diesem Fall wäre es dennoch wichtig, die Zahlen zu kennen. Wie sonst sollen Journalisten und Politiker einschätzen können, welche Folgen (oder Wirksamkeit) ein Verbot hätte?

Wenn es keine offiziellen Zahlen gibt, gibt es vielleicht zumindest subjektive Eindrücke: Kam das Kinderkopftuch in letzter Zeit öfter zur Sprache? Haben Lehrer sich mit der Frage an die Ministerien gewandt, wie damit umzugehen sei? Gab es Konferenzen oder Handreichungen dazu?

In Gesprächen vor Ort, heißt es aus Baden-Württemberg, »wurde dieses Thema bislang nicht problematisiert«. In Rheinland-Pfalz hält man die Diskussion über ein Verbot für wenig sinnvoll: »Genau das grenzt nämlich aus und stigmatisiert.« Auch in Berlin weiß die Pressesprecherin des Kultursenats von einer Zunahme des Kopftuchs auch anekdotisch nicht zu berichten. Sie verweist stattdessen auf eine Handreichung der Senatsverwaltung zum Thema »Islam und Schule». In Punkt 4 geht es um das Kopftuch. Überschrieben ist es mit: »Gelassenheit ist das Gebot». Darunter steht sinngemäß: Es gebe so viele Gründe für das Kopftuch wie muslimische Mädchen. Also Einzelfall anschauen. Und: »In den Fällen, in denen das Kopftuch Ausdruck von familiärer Unterdrückung ist, sollte den diskriminierten Mädchen geholfen werden, statt gegen den symbolischen Ausdruck ihrer Diskriminierung in Form des Kopftuchs zu wettern.»

AUCH UNTER LEHRERN AN GRUNDSCHULEN KEIN THEMA

Nach wenigen Stunden Recherche lässt sich sagen: In den zuständigen Kultusministerien in allen wichtigen deutschen Bundesländern gibt es zum Kinderkopftuch keine Zahlen. Auch auf Nachfragen berichtet keines der Ministerin von Konflikten oder davon, dass das Thema zuletzt häufiger thematisiert würde. Doch womöglich sind die Kultusministerien als Behörden vom Schulalltag zu weit weg, um solche Entwicklungen aus der Nähe mitzubekommen. Vielleicht macht es Sinn, direkt bei den Lehrern vor Ort nachzufragen?

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) ist eine der größten deutschlandweiten Lehrer-Gewerkschaften. Er vertritt rund 164 000 Lehrer und Lehrerinnen und unterhält Vertretungen in jedem Bundesland. Der Bundesverband hat sich schon im Mai klar gegen ein Kopftuchverbot an Grundschulen positioniert. »Mir sind bisher keine Beispiele bekannt, dass das Tragen von Kopftüchern bei Schülerinnen an sich schon zur Störung des Schulfriedens geführt hat. Unabdingbar ist, dass noch nicht religionsmündige Schülerinnen nicht zum Tragen eines Kopftuches gezwungen werden dürfen«, sagte der Bundesvorsitzende Udo Beckmann. Doch wie sieht es in den Landesverbänden aus: Schätzen Sie die Lage anders ein?

Baden-Württemberg antwortet zuerst: Es gebe keine Zahlen, man könne leider nicht weiterhelfen. Aus Hamburg heißt es sehr knapp, das Kinderkopftuch sei in der Verbandsarbeit »überhaupt kein Thema. Es ist auch noch nie in Vorstandssitzungen angesprochen worden«. NRW schickt eine ausführliche Positionierung: Zwar sei man nicht prinzipiell gegen ein Verbot. Aber im Alltag gebe es viel dringendere Herausforderungen. Der Fachkräftemangel sei wichtiger als »politische Symbolhandlungen in Form von Verboten«. Beim VBE Hessen sagt eine Sprecherin, das Kopftuch komme an Grundschulen so gut wie nicht vor und sei bisher von Lehrern auch nicht zum Thema gemacht worden. Ähnlich äußert sich der Vorsitzende des VBE in Rheinland-Pfalz, Gerhard Bold: »Das Kopftuch kommt an Grundschulen in Rheinland-Pfalz nur in Einzelfällen vor. In der Verbandsarbeit ist es bisher kein Thema.« Auch »in Bremen und Bremerhaven ist das Kopftuch an Schulen kein Problem«, teilt Heiko Frerichs, Vorsitzender des VBE Bremen, auf Anfrage mit.

In Bayern meldet sich Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer-und Lehrerinnenverbands, am Tag darauf telefonisch. Auch sie hat keine Zahlen, sagt aber, dass das Kopftuch an Grundschulen so gut wie nie vorkomme. Sie habe allerdings den Eindruck, dass es bei jungen Mädchen unter 14 Jahren an weiterführenden Schulen in letzter Zeit zunehme. Allerdings kommt auch diese Einschätzung mit vielen Relativierungen versehen: Woran genau das liege, könne sie nicht sagen. Vielleicht daran, dass sich aufgrund der Flüchtlinge die Zusammensetzung der Klassen verändere. Vielleicht werde es von Lehrern aufgrund der aufgeheizten Debatte auch einfach häufiger zum Thema gemacht.

Auch der Grundschulverband, der mehr als 2000 Grundschulen in Deutschland vertritt, kann nicht weiterhelfen. Die Vorsitzende Maresi Lassek schreibt per Mail, aus Gesprächen mit Kollegen habe sie nicht den Eindruck, dass das Kopftuch an Grundschulen zunehme. Zu wirklichen Konflikten wegen des Kopftuchs sei es in ihrer Zeit als Lehrerin nicht gekommen.

Die meisten muslimischen Mädchen fangen offenbar nicht vor der Pubertät an, Kopftuch zu tragen.

Zuletzt kommt dann doch noch eine Email, die aufhorchen lässt: Der stellvertretende Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung in Berlin, Hanno Rüther, schätzt die Zahl der kopftuchtragenden Mädchen in Berlin auf zehn – pro Grundschule. Eine Sprecherin der Senatsverwaltung zeigt sich skeptisch: Auch in Berlin gebe es in vielen Bezirken nur wenige Migranten. Rüther selbst sagt auf Nachfrage, er habe da sehr grob überschlagen. An seiner aktuellen Grundschule gebe es gar keine Mädchen mit Kopftuch, an einigen vorigen aber schon. Und: Anders als in anderen Bundesländern dauert die Grundschule in Berlin und Brandenburg nicht vier, sondern sechs Jahre. Womöglich ist das Kopftuch hier auch deshalb häufiger zu sehen.

Das Fazit nach zwei Tagen Recherche: Mit Ausnahme Berlins, wo die Grundschule länger dauert, scheint das Kopftuch an deutschen Grundschulen kein Thema zu sein. Die allermeisten muslimischen Mädchen fangen offenbar nicht vor der Pubertät an, ein Kopftuch zu tragen. Selbst bei den Unter-14-Jährigen scheint es nur selten vorzukommen – womöglich in letzter Zeit aber etwas häufiger. Dass das so ist, könnte damit zusammenhängen, dass durch die Flüchtlingsbewegungen auch Muslime aus Ländern nach Deutschland gekommen sind, wo das Kopftuch schon früher getragen wird. Bisher ist jedoch auch das nur eine These.

 

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