Der Hass im Netz trifft OFT Minder­heiten. Wie zwei Social-Media-Redakteu­rinnen damit umgehen

Jeden Tag haben Social-Media-Redakteur:innen mit Hate Speech zu tun. Was dabei besonders nervt: Dass so viele User:innen schweigend wegschauen, wenn andere beschimpft werden. (Foto: Annie Spratt auf Unsplash)

 

Hass im Netz ist oft antisemitisch, rassistisch oder sexistisch. Während Politiker:innen noch darüber diskutieren, ob man Plattformen wie Facebook oder Twitter dazu verpflichten kann, strafbare Inhalte zur Anzeige zu bringen, gehört die Auseinandersetzung mit dem Hass längst zum Alltag vieler Social-Media-Redakteur:innen. Wir wollten wissen, wie sie damit umgehen, welche Kommentare definitiv gelöscht werden sollten und welche Art von Gegenrede funktioniert.

Von Lisa-Maria Brusius

Soziale Medien schaffen einen Raum für freien Meinungsaustausch. Doch sie bieten auch ein Forum für das, was einige als Meinung ausgeben: für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Herabsetzung und kriminelle Hetze. Im Internet finde Hass einen »Echoraum«, schreibt Kübra Gümüşay in ihrem Bestseller Sprache und Sein. Er werde zu einer »neuen Normalität«.

Eine Mehrheit von Leser:innen schaut dieser Enthemmung schweigend zu, aus bequemer virtueller Entfernung. Denn es ist ihr Privileg, sich nicht als Zielscheibe von Hassrede fühlen zu müssen, keine Angst zu verspüren, nicht wütend zu werden, kurzgesagt: einfach weiterscrollen zu können.

Für Franziska Bauer gehört die Hassrede zum Berufsalltag. Seit 2018 arbeitet sie als Social-Media-Redakteurin bei der taz und der deutschen Ausgabe der Le Monde diplomatique. Eine ihrer Aufgaben ist es, Kommentare in den Spalten der Facebook-, Instagram- und Twitter-Kanäle zu moderieren. Je nach Plattform kann sie auf Hass-Kommentare antworten oder Nutzer:innen blockieren, die Sichtbarkeit einschränken, Posts bei der jeweiligen Plattform melden oder auf der eigenen Seite Beiträge unter Artikeln nicht freigeben.


Nicht al­le schwier­igen Kom­men­tare wer­den ge­löscht

»Manchmal«, erzählt Bauer, »lassen wir problematische Kommentare auch stehen, wenn es darunter dreißig Gegenkommentare und Gegenargumente gibt, die nicht beleidigen oder zurück beleidigen, sondern sachlich, konstruktiv und argumentativ gegenhalten«. Bauer moderiert die Communities also nicht alleine. Auch Leser:innen handeln in Kommentaren die Grenzen zwischen Hass und Meinung aus.

Gegenrede ist mehr als nur ein Signal. Sie habe durchaus Wirkung, erklärt das »No Hate Speech Movement« auf seiner Webseite: »Sie zeigt Betroffenen, dass sie nicht allein sind«, und »denen, die nur Hass-Sprache kennen, zeigt sie Anderes«. Gegenrede entschärft polarisierte Debatten besonders dann, wenn sie nicht nur von Einzelnen ausgeht, sondern kollektiv organisiert ist. Das ist das Ergebnis einer Studie über die Wirkung von Hass- und Gegenrede, die im September 2020 von Forschenden des Santa Fe Instituts, des Max-Planck-Instituts für Mathematik in den Naturwissenschaften und der Universität Vermont veröffentlicht wurde.

Digitale Zivilcourage ist allerdings keine Selbstverständlichkeit. Eines der größten Probleme seien »die Leisen«, sagt Simone Stern, die seit vier Jahren als Social-Media-Redakteurin bei unterschiedlichen öffentlich-rechtlichen Sendern arbeitet: diejenigen, die Hassrede sehen und »einfach nichts machen«. Stern würde sich wünschen, dass mehr Menschen das Internet als gesellschaftliche Wirklichkeit verstünden, dass mehr von den Stillen dort laut würden und Haltung zeigten gegenüber Aussagen, die sie offline nicht akzeptieren würden.

Und: Viele meinen, Hassrede sei nicht ihr Problem. In einer von der Landesanstalt für Medien NRW in Auftrag gegebenen Studie zu Hate Speech gaben im Jahr 2020 drei Viertel aller Befragten an, schon einmal Hassrede im Internet gesehen zu haben. Nur rund ein Viertel davon habe problematische Posts gemeldet oder kritisiert. Fast die Hälfte setzt sich gar nicht damit auseinander. Hinter dieser scheinbaren Gleichgültigkeit kann Hilflosigkeit stecken oder die begründete Befürchtung, dem Hass ungebührliche Aufmerksamkeit zu schenken.


Auf Face­book »trol­len sich viel mehr proble­ma­tische Leu­te« als auf In­sta­gram


Denn Hassrede zu kontern, ist nicht leicht. Trotz Netiquetten, in denen Redaktionen Kommunikationsregeln für ihre Seiten festlegen, und trotz rechtlicher Bestimmungen, die die Grenzen zur Strafbarkeit aufzeigen, gehören Erfahrung und auch Bauchgefühl dazu, sagen Stern und Bauer. Klassische Trolle könne man im besten Fall einfach ignorieren, sagt Stern: Das tue ihnen wahrscheinlich am meisten weh. Doch gerade Aktivist:innen der Neuen Rechten arbeiteten mit manipulativen Techniken, erklärt sie: Sie wüssten, was sie ungehindert schreiben könnten, formulierten suggestiv, deuteten an und »tänzeln« bewusst an der Grenze zu dem, was gerade noch gesagt werden dürfe.

Auf Instagram funktioniere Gegenrede besser als auf Facebook, meint Stern. Das Publikum sei tendenziell jünger und sensibilisierter für Hassrede im Netz. Auf Facebook hingegen fehle ein solches Bewusstsein in einigen Communities. Franziska Bauer beobachtet Ähnliches. Auf Facebook »trollen sich viel mehr problematische Leute« erklärt sie. Mittlerweile seien einfach alle dort, teilweise mit mehreren Accounts und Namen.

Diverse digitale Bewegungen arbeiten daran, das Bewusstsein für digitale Verantwortung in der Gesellschaft zu stärken. »Reconquista Internet«, ursprünglich eine Aktion des Satirikers Jan Böhmermann, versuchte 2018 mit »Liebestrollen« und Herzchen gegen Hass vorzugehen. Auch andere Projekte wie »Facing Facts« oder der Verein »ichbinhier« klären über Hassrede auf oder schreiben gegen sie an.


Das »No Hate Speech Movement« stellt GIFs für Ge­gen­re­de be­reit

Wer aktiv gegen Hassrede argumentieren möchte, findet auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung eine Liste mit verschiedenen Strategien und ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen. Man könne beispielsweise nach Erklärungen oder konkreten Beispielen fragen, um eine wackelige Faktenbasis sichtbar zu machen. Auch die schlichte Benennung von Rassismus raube diesem den Anschein, eine normale, legitime Meinung zu sein. Alternativ könne man auch selbst falsche Fakten als solche entlarven (Debunking).

Es gibt aber auch humorvolle Ansätze. So stellt das »No Hate Speech Movement« Memes und GIFs bereit, mit denen Nutzer:innen direkt auf Hasskommentare reagieren können. Mit einigen lässt sich zum Beispiel gezielt Antiziganismus kontern, mit anderen Hass gegen geflüchtete Menschen. Wieder andere richten sich gegen Antisemitismus.

Ein Meme gegen Hate Speech aus der Sammlung des »No Hate Speech Movements«.


Vom Kampf mit Trollen dürften die wenigsten Medienschaffenden zu Beginn ihrer Ausbildung oder Karriere geträumt haben. Bei einem Shitstorm acht Stunden lang durch Hate Speech zu scrollen oder fünfzehn »Kotzsmileys« im Postfach zu haben, gehöre zu den unangenehmen Seiten ihres Jobs, erzählt Bauer. Manchmal kümmern sich ihre Team-Kolleg:innen auch nachts noch darum, den Hass zu managen.


Frau­en­ar­beit: In den USA gel­ten Social-­Media-­Re­dak­ti­on­en auch als »Pink Ghetto«

 

Oft wird diese unsichtbare Social-Media-Arbeit von Frauen erledigt. Als »Pink Ghetto« wurden Social-Media-Redaktionen in den USA daher schon bezeichnet. Social-Media-Manager:innen bleiben zwar hinter den Kulissen, sie seien aber zentral für die digitale Wirtschaft, stellte die US-Kommunikationswissenschaftlerin Brooke Erin Duffy im Technologie-Magazin Wired fest.

Auch in den Redaktionen von Bauer und Stern sitzen mehrheitlich junge Frauen. Die Situation in Deutschland könnte ähnlich sein wie in den USA, vermutet Anna von Garmissen, Leiterin des Gender-Monitoring-Projekts des gemeinnützigen Vereins ProQuote Medien. Social-Media-Management werde nicht nur mit Fähigkeiten verbunden, die häufig Frauen zugeschrieben würden, wie Zugewandtheit oder diplomatisches Geschick. Es habe als »neu hinzugekommener Bereich erst mal kein großes Prestige in den Redaktionen, wird schlechter bezahlt und vielleicht auch als wenig profilbildend wahrgenommen.«

Allerdings zeigten Beispiele wie das von Niddal Salah-Eldin, inzwischen stellvertretende Chefredakteurin der dpa, oder das der Journalistin Carline Mohr, Leiterin der digitalen Kommunikation im Willy-Brandt-Haus der SPD, »dass die harte ›Social-Media-Schule‹ keineswegs karrierehemmend ist.«

Gesellschaftliche Anerkennung bekomme man für diese Arbeit aber eher selten, meint Bauer. Dabei erfordert es viel der sonst im Journalismus so geschätzten argumentativen Schlagkraft, um die polarisierten Debatten in sozialen Medien zu managen. Social-Media-Arbeit mache aber auch Spaß, betonen sowohl Bauer als auch Stern. Denn ihre Tätigkeit gehe weit über die wichtige Aufgabe des Moderierens von Kommentaren hinaus. Wenn journalistische Inhalte auch noch auf kleinen Instagram-Kacheln schlüssig aufbereitet sein sollen, sind Ideenreichtum und Kreativität gefragt.