“Ehren­morde”: Nur “Fa­milien­dramen” mit Migra­tions­hinter­grund?

Der Entschluss zur Tat geschieht häufig im Familienkreis und wird durch mehrere Angehörige gemeinsam geplant. (Foto: Hailey Kean on Unsplash)

Bringt ein deutsch-deutscher Mann seine Frau um, schreiben Journalisten gerne vom »Familiendrama«. Ist der Täter türkeistämmig wird daraus schnell ein »Ehrenmord«. So oder so ähnlich denken viele Kritiker des Begriffs. Doch stimmt das? Oder ist der »Ehrenmord« mehr als ein Kampfbegriff?

Eine Analyse von Fabian Goldmann

Familiendrama, Beziehungstat, Eifersuchtsdrama: Wenn Männer Frauen ermorden, greifen Medien häufig zu beschönigenden Begriffen. Dabei steht vor allem ein Begriff gleich aus mehreren Richtungen unter Kritik: Der »Ehrenmord«. Das Wort wird nicht nur kritisiert, weil es wie die anderen bereits genannten einen Euphemismus darstellt. Denn was kann an einem Mord schon »ehrenhaft« sein?

Auch die Art seiner Verwendung ruft Protest hervor, wird er doch fast ausschließlich bei Tätern mit Migrationshintergrund verwendet. Eine Tat, die zuvor noch als »Beziehungsdrama« durchging, wird zum „Ehrenmord“ sobald sich herausstellt, dass der Täter türkische Wurzeln hat. So zumindest argumentieren viele Kritiker des Begriffs. Aber ist der »Ehrenmord« wirklich nur ein Kampfbegriff, um Migranten zu stigmatisieren?

Ziel ist die Wieder­herstel­lung der Familien­ehre

Ein einheitliches Verständnis des Phänomens »Ehrenmord« gibt es nicht. Medien, Sicherheitsbehörden und Wissenschaftler gebrauchen den Begriff auf unterschiedliche Weise. In einer Studie aus dem Jahr 2006 bezeichnet das Bundeskriminalamt Ehrenmorde beispielsweise als sämtliche Tötungsdelikte, »die aus einer vermeintlich kulturellen Verpflichtung heraus innerhalb des eigenen Familienverbandes verübt werden, um der Familienehre gerecht zu werden«.

Als »Verbrechen im Namen der Ehre« bezeichnet Amnesty International Straftaten, »die an Personen begangen werden, die bezichtigt werden, die "Ehre" der Familie oder Gemeinschaft verletzt zu haben«. Die Gewalt werde dabei »im Namen der Kultur / Tradition ausgeübt und häufig von mehreren Familienmitgliedern und der Mehrheit der betroffenen Gemeinschaft unterstützt und gefördert«.

Von »Tötungsdelikten, die als Tatmotiv die Wiederherstellung der Familienehre haben, die infolge des als unehrenhaft beurteilten Verhaltens des Opfers verletzt wurde«, schreibt die Hamburger Soziologin Ayfer Yazgan in ihrer Untersuchung »Morde ohne Ehre« zu Ehrenmorden in der Türkei .

Was den meisten Definition gemein ist: Beim »Ehrenmord« geht es - anders als bei anderen Beziehungstaten - nicht um eine individuelle Kränkung des Täters, sondern um die Wiederherstellung der »Ehre« der gesamten Familie. Auch der Entschluss zur Tat geschieht häufig im Familienkreis und wird durch mehrere Angehörige gemeinsam geplant.

Fast alle Täter kom­men aus dem isla­misch gepräg­ten Aus­land

Ob und wie viele solcher Taten es in Deutschland gibt, haben der Soziologe Dietrich Oberwittler und die Rechtswissenschaftlerin Julia Kasselt versucht herauszufinden. Für das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht haben sie im Auftrag des Bundesinnenministeriums Prozessakten und über 90.000 Agenturmeldungen zu Tötungsdelikten der dpa untersucht.

Für den Zeitraum 1996 bis 2005 stießen sie auf insgesamt 78 Tötungsdelikte in Deutschland, die sich klar als »Ehrenmord« einordnen lassen. Wobei die Dunkelziffer hier wie bei allen Straftaten höher liegen kann. In fast allen Fällen waren die Täter Männer und hatten Wurzeln in mehrheitlich muslimischen Ländern. Das bedeutet allerdings nicht, dass nur Muslime Ehrenmorde begehen. Auch Christen und Jesiden finden sich unter den Tätern.

Genauer gesagt: 93 Prozent der Täter waren Männer, 92 Prozent wurden außerhalb Deutschlands geboren, 91 Prozent besaßen keine deutsche Staatsangehörigkeit. Die meisten Täter (63 Prozent) stammten aus der Türkei, gefolgt von Tätern aus arabischen Ländern (14 Prozent). Nur in einem einzigen Fall fanden Oberwittler und Kasselt einen deutschen Täter ohne Migrationshintergrund: Der deutsche Auftragskiller war von einer jesidischen Familie engagiert worden.

In einem anderen Punkt scheinen die Untersuchungsergebnisse der öffentlichen Wahrnehmung aber zu widersprechen: Mit 43 Prozent liegt der Anteil männlicher Opfer überraschend hoch. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um die unerwünschten Partner des weiblichen Opfers, die mitgetötet wurden.

Einen »Kultur­rabatt« für Ehren­morde gibt es nicht - im Gegen­teil

In einer weiteren Studie hat Julia Kasselt außerdem untersucht, zu welchen Strafen »Ehrenmörder« verurteilt werden. Dazu hat sie Gerichtsurteile von Ehrenmorden mit denen vergleichbarer Beziehungstaten verglichen. Hinweise auf einen »Kulturrabatt« konnte sie nicht finden. Im Gegenteil: »Ehrenmörder« erhielten signifikant höhere Freiheitsstrafen, auch lebenslange Freiheitsstrafen wurden häufiger verhängt.

Bleibt die Frage: Haben »Ehrenmorde« etwas mit dem Islam zu tun? Nicht nur die Herkunft der Täter in Deutschland deutet darauf hin. Von den rund 5.000 Ehrenmorden, die die Vereinten Nationen jährlich zählen, entfällt die Mehrheit auf überwiegend islamische Länder wie Türkei, Pakistan und Jordanien. Aber auch in Süd- und Lateinamerika und Indien sind Ehrenmorde verbreitet.

Fragt man islamische Theologen zum Thema, verweisen die darauf, dass sich im islamischen Recht keinerlei Bestimmungen fänden, die Ehrenmorde vorsehen oder legitimierten. Viele islamische Theologen sind sogar der Meinung, dass die Verbreitung des rechtlichen Ordnungssystems Islam eher dazu beigetragen habe, das vorislamische Phänomen des Ehrenmordes einzudämmen.

Auch die Frauenrechtsorganisation Terre de Femmes kommt in einer Untersuchung zu dem Fazit: »Verbrechen im Namen der Ehre sind kein explizit religiöses Phänomen.« Ayfer Yazgan schreibt in ihrer Untersuchung »Mord ohne Ehre«: »Ehrenmorde in westlichen Großstädten, meist begangen von Personen mit Migrationshintergrund, erregen öffentliches Aufsehen. Die Wurzeln dieser Taten aber liegen in ländlichen Gegenden mit einer eher archaisch-patriarchalen Sozialstruktur.«

Was die meisten Ehrenmorde von der Türkei bis Südamerika eint: Sie finden in ländlichen Gebieten und bäuerlichen Gesellschaften statt. Nicht nur das konservative Werteverständnis in solchen Gegenden, sondern auch das Fehlen staatlicher Gewalt in abgelegenen Gebieten begünstigt das Entstehen eigener Rechtssysteme.

Wo staatliche Ordnung fehlt, bildet die Familie oftmals die entscheidende soziale, politische und ökonomische Einheit. Die »Ehre« einer Familie wird so zum entscheidenden sozialen Kapital und die Beseitigung einer »Ehrverletzung« wichtig für das soziale Gefüge innerhalb der Gemeinschaft. Auf diesen Zusammenhang wies schon 1983 der Kulturwissenschaftler Werner Schiffauer hin. In seiner Untersuchung »Die Gewalt der Ehre« schreibt er:

»Der Begriff der Ehre impliziert eine Grenze zwischen den Angehörigen der eigenen Gruppe, der Familie, und der übrigen Gesellschaft. (…) Jeder, der, gleichgültig aus welchem Grund, diese Grenze verletzt, hat mit Vergeltung zu rechnen. (…) Da staatliche Instanzen meist zu weit entfernt sind, um wirksam für die Regelung von Alltagshändeln in Anspruch genommen werden zu können, verbürgt die Solidarität der Familie auch die soziale Sicherheit ihrer Mitglieder.«

 

Der Groß­teil der Ge­walt an Frau­en bleibt unsichtbar

Das wiederum mag auch der Grund sein, warum laut Julia Kasselt und Dietrich Oberwittler fast alle Ehrenmorde in Deutschland von Migranten aus der ersten Einwanderergeneration begangen werden. Wirklich repräsentative statistische Aussagen lassen sich in Deutschland allerdings kaum treffen. Dazu ist die Gesamtzahl der Fälle viel zu gering. Kasselt und Oberwittler schätzen die Zahl der »Ehrenmorde« in Deutschland auf je nach Definition drei bis zwölf Fälle pro Jahr.

Während fast jeder dieser und anderer vermeintlicher »Ehrenmorde« in den Medien breit diskutiert wird, bleibt der Großteil der Gewalt gegenüber Frauen unsichtbar. Nach aktuellen Zahlen des Bundeskriminalamtes wurden im vergangenen Jahr 140.000 Menschen in Deutschland Opfer von Gewalt durch »Beziehungstäter«. 122 Frauen sind in Folge dieser Gewalt gestorben.

Die Täter waren in den allermeisten Fällen männliche Partner oder Ex-Partner - ob mit oder ohne Migrationshintergrund.

 

Die Beiträge auf BLIQ geben nicht zwingend die Meinung von CLAIM oder den einzelnen Allianz-Mitgliedern wieder. Die Allianz-Mitglieder haben keinen Einfluss auf die redaktionelle Arbeit von BLIQ.