Kein bisschen Schätz­chen

Kasumba im Tatort Florence Kasumba im Tatort »National feminin«. (Foto: NDR)

 

Der Tatort feiert ausgiebig seinen 50. Geburtstag. Wir wollen ausnahmsweise nicht meckern, denn kurz vor dem runden Geburtstag hat die Krimiserie die erste Schwarze Kommissarin engagiert. Ein wichtiger Schritt in der TV-Geschichte.

 

Eine Analyse von Eva Meschede

Wahrscheinlich muss man negative Kommentare gelassen nehmen, wenn es um einen Tatort geht. Der gute alte Tatort ist, ähnlich wie die Deutsche Bahn, eines von Deutschlands beliebtesten Nörgel-Objekten. Gerne wird mit deutlichen Worten kritisiert: »Faber ist ein Arschloch«, twitterte etwa jemand gleich zum ersten Teil der Jubiläums-Folge am vergangenen Sonntag. Die Reaktionen von Zuschauer:innen in sozialen Medien und auf der Homepage der ARD sind traditionell emotional, oft deftig. So auch im Februar 2019, als eine neue Kommissarin in Göttingen die Ermittlungen übernimmt: »Ermittlerbesen mit Bulldozerqualitäten« – »hyperaggressives Psychowrack« – »abgrundtief unsympathisch« – »mittelmäßige Grace-Jones-Kopie« – »dauernd böse oder verbissen guckend« – »nö, das fand ich nicht so toll, immer diese Neuerungen«.

Die Neuerung: Anaïs Schmitz, gespielt von Florence Kasumba. Die erste Schwarze Frau als Tatort-Kommissarin. »Ein wichtiger Schritt, ich habe mich sehr darüber gefreut«, sagt Murali Perumal. Der deutsche Schauspieler mit indischen Wurzeln engagiert sich schon seit vielen Jahren für Schwarze Menschen und People of Color (PoC) im Film, Fernsehen und Theater, etwa bei den »Neuen Deutschen Organisationen« oder den »Schwarzen Filmschaffenden«. Der Tatort sei lange sehr weiß gewesen, sagt er, es habe zwar schon früh Hauptrollen für Schauspieler:innen mit Migrationsgeschichte gegeben, etwa in München Miroslav Nemec als Kommissar Ivo Batic, oder später Fahri Yardım an der Seite von Til Schweiger, zeitweise Mehmet Kurtuluş oder Sibel Kekilli, doch das Motto war immer: »Bloß nicht zu dunkel, nicht zu fremd, denn das Publikum will keinen sichtbaren Migrationshintergrund«, sagt Perumal. Mit Florence Kasumba habe sich das jetzt geändert.

Schmitz ist kei­ne Schwar­ze Uschi Glas

Noch vor wenigen Jahren wäre das den Redaktionen mit Blick auf die Macht der Quote viel zu riskant gewesen, meint Perumal. »Sie werden in Deutschland nie einen Kommissar spielen«, hat auch er schon in einer Redaktion gehört, »ich sehe schlicht zu indisch aus.« Im Tatort war Perumal, der schon an der Seite von Samuel Jack L. Jackson zu sehen war, drei Mal: Einmal als Altenpfleger (»Meine Rolle bestand darin, acht Mal 'Ja' zu sagen«), einmal als ägyptischer Student und einmal in einer größeren Rolle als pakistanischer Terrorist. Typische Tatortaufgaben für nicht-weiße Schauspieler:innen eben. Die Besetzung von Kasumba sei deshalb ein Signal: »Es tut sich etwas in der Film- und Fernsehbranche.« Nicht-weiße Menschen Haut sieht er seit einiger Zeit immer öfter im TV, etwa in die »Die jungen Ärzte« oder »Dr. Klein«. Und dann sogar in Deutschlands ältester, etablierter Krimiserie: eine Schwarze Frau in einer Hauptrolle. Das kann einiges voranbringen, hofft er.

Den Zuschauer:innen aber wird es mit der Figur Anaïs Schmitz im Göttingen-Tatort nicht unbedingt leicht gemacht. Denn Schmitz ist nicht das gutgelaunte nette Mädchen von nebenan, das sich Eltern auch als Schwiegertochter vorstellen könnten. Schmitz ist keine Schwarze Uschi Glas, sie ist kein bisschen Schätzchen. Schmitz hat raspelkurze Haare, ist auffällig durchtrainiert (Kasumba macht Kampfsport), sie ist stolz, stark, wütend und hat Probleme, etwa ihre Aggressionen unter Kontrolle zu halten. Als sie gleich in der ersten Folge der altgedienten Kollegin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) eine Ohrfeige verpasst, muss so einigen auf den Sofas die Chipstüte aus der Hand gefallen sein: »So nicht«, hieß es vielstimmig auf Social Media.

Man Muss die Kom­mis­sarin nicht mögen

»Wenn Ulrike Folkerts (als Tatort-Kommissarin Lena Odenthal) Frau Furtwängler eine gefeuert hätte, wären die Reaktionen anders gewesen«, vermutet der beim NDR zuständige Redakteur Christian Granderath. Er hatte Kasumba mit großen Worten in ihre neue Rolle geschickt: »Nicht auszuschließen, dass Alexander Gauland und Konsorten sie nicht als Nachbarin haben wollen, nicht auszuschließen, dass auch Kritiker den Film erstmal im Hinblick auf die Hautfarbe betrachten – wir wünschen uns, dass dies schnell mit großer Selbstverständlichkeit akzeptiert wird und keiner besonderen Erwähnung mehr wert ist«, packte er in die Pressemitteilung zum Start des Göttingen-Tatorts. Bei der Entwicklung der Rolle habe man sich über die Hautfarbe keine besonderen Gedanken gemacht: »Das war wie bei jedem anderen Kommissar auch.« Gemeinsam mit der Schauspielerin habe die Redaktion die Figur erfunden. Kasumba wollte eine starke Frau spielen, eine, die auch wütend sein darf. Auch wenn das womöglich dem Klischee der »Wütenden Schwarzen Frau« entspricht. »Mir wurde beim Spiel sehr viel Freiraum gegeben. Diese Chance habe ich genutzt und das Ergebnis ist eine Ermittlerin mit einer gewissen Festigkeit,« sagt Kasumba zu dem Thema.

Schauspieler Perumal findet es nicht schlimm, wenn das Publikum eine Figur nicht mag. Das gehöre zum Job einfach dazu. Tatsächlich gibt es beim Tatort jede Menge umstrittene Kommissare. An Faber in Dortmund etwa (gespielt vom wunderbaren Jörg Hartmann)  scheiden sich die Geister, nicht jeder möchte sich vorstellen, seine abgetragenen, selten gewechselten Klamotten und ungewaschenen Haare bis in die gute Stube riechen zu können. »Arschloch« ist für Hartmann aber wohl eher eine Auszeichnung, denn er spielt eines. Schmitz Kollegin Charlotte Lindholm wird übrigens oft vorgeworfen, eine Rabenmutter zu sein, alleinerziehend mit Kind und Karriere. Auch nicht Everybody‘s Darling: Til Schweiger. Als der am 10. März 2013 seinen ersten Tschiller gab, folgten allein auf Twitter genau 19.567 Tweets mit dem Hashtag Tatort. Das war bisher die Spitze, rechnete die Süddeutsche Zeitung zum Tatortjubiläum aus. Leider ist nicht bekannt, wie viele von den Kommentaren freundlich waren. Das Wort »Nuschler« kam sicher häufig vor.

Kasumba kom­mt über holly­wood

Drei Mal hat Kommissarin Schmitz jetzt schon in Göttingen ermittelt. Sie ist ein bisschen netter geworden. Doch noch immer wird gefragt: Warum guckt sie denn so böse? Das ärgert Redakteur Granderath: »Sie guckt nicht böse, ich kenne sie«, sagt er. Es handle sich um ein Missverständnis. Aller Hate Speech zum Trotz schalten viele Millionen Zuschauer:innen den Göttingen-Tatort ein. Seine Quoten gehören je nach Ranking mindestens zu den zehn besten. Kasumba war schon lange vor dem Tatort ein Star, sie ist eine der wenigen deutschen Schauspieler:innen, die sich bereits international durchgesetzt haben. Sie hatte wichtige Rollen in Hollywood-Blockbustern wie »Black Panther« oder »Wonder Woman«. Schauspieler Murali Perumal bedauert, dass vor allem Schwarze deutsche Schauspieler:innen zum Erfolg oft den Umweg über das Ausland nehmen müssen. Doch je mehr sie schließlich im deutschen TV sichbar werden, desto besser Chancen dürften die Chancen für alle BIPoC auf mehr und bessere Rollen sein.

 

 

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