Warum in der tür­kischen Serie »Bir Baş­kadır – 8 Men­schen in Istan­bul« Nichts ist, wie es scheint
 
»Bir Başkadır – 8 Menschen in Istanbul« arbeitet gern mit vielsagenden Bildern wie diesem: Wenn es der Hauptfigur Meryem zu viel wird, dann fällt sie einfach um. Doch so ohnmächtig wie sie zunächst scheint, ist die junge Frau keineswegs. Die Serie gehört zu dem Besten, was Netflix für die ruhigen Tage zu bieten hat. (Foto: Netflix)

 

Von Nabila Abdel Aziz

Die Netflix-Serie »Bir Başkadır – 8 Menschen in Istanbul« wurde viel gelobt. Unsere Autorin Nabila Abdel Aziz hat sie sich angesehen und findet: zu Recht. Ohne Vorurteile und Klischees zeichnet Bir Başkadır ein Bild der Istanbuler Gesellschaft, einfühlsam, tragisch und komisch zugleich. Perfekt für einen Serien-Marathon in der stillen Ferienzeit.

Aufrecht, die Haare streng nach hinten frisiert und mit perfekt gezupften Augenbrauen sitzt die Psychologin Peri in ihrem penibel aufgeräumten Behandlungszimmer und blickt auf ihre Patientin Meryem. Die wendet immer wieder nervös den Blick ab. Peri, die Psychologin, ist Teil der urbanen, säkularen Mittelschicht Istanbuls. Meryem hingegen trägt ihr Kopftuch eng um den Kopf geschlungen, sie kommt aus einem ländlichen Vorort. Sie weiß nicht genau, wie so ein Termin bei einer Psychologin abläuft. Also spricht sie über alles außer über ihre Gefühle: davon, wie sie ihren Kaffee am liebsten zubereitet, dass sie auf keinen Fall zu spät los darf, weil sie ihre Nichte von der Schule abholen muss und vor allem von ihrem Hodja, einem Religionsgelehrten, dem sie alles anvertraut.

Auf den ersten Blick wirkt es so, als könnten die beiden Frauen nicht weiter voneinander entfernt sein: die eine modern, unabhängig, gebildet, die andere Putzkraft, religiös und unter dem Joch ihres Bruders und des Hodjas stehend. Die Szene wirkt wie ein Klischee, das alle Konflikte in der Türkei vereinfachend auf einen Punkt bringt. In dem Moment will man die Netflix-Serie »Bir Başkadır – 8 Menschen in Istanbul« fast schon ausschalten, aber es lohnt sich dranzubleiben, denn vieles in dieser Serie ist nicht so wie es zuerst scheint.

 

In “Bir Başkadır” schaut man den Charakteren beim Häuten zu - und immer ist es dann ganz anders als es zunächst scheint. Meryem etwa verbirgt hinter ihrem starren Äußeren eine äußerst lebendige, durchsetzungsstarke Art. (Foto:Netflix)

Als Zuschauer:in schaut man den Charakteren dabei zu, wie sie langsam ein Klischee nach dem anderen abstreifen. Und immer kommt dabei eine noch tieferliegende Schicht zum Vorschein. Die zunächst so stark und beherrscht wirkende Psychologin Peri etwa steht eigentlich kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Sie ist voller Vorurteile gegenüber ihrer Kopftuch-tragenden Patientin und wünscht sich eigentlich selbst nichts sehnlicher als eine Partnerschaft - während sie Meryem Unabhängigkeit predigt.

Es zeigt sich, dass Meryem, die Patientin, längst nicht so naiv ist, wie es zunächst wirkt und ihre Therapeutin durchaus durchschaut. Klug taktierend tut sie alles, um ihre auseinanderbrechende Familie zusammenzuhalten. Und auch ihr Bruder Yasin, der sie rumkommandiert und bei der kleinsten Widerrede die Beherrschung verliert, ist mehr als nur ein Macho. Nach und nach zeigt sich, dass er in einer Art aggressiven Schockstarre verharrt - aus Trauer um seine Frau, die sich immer tiefer in ihren Depressionen verliert. Und auch Meryems Hodja, der religiöse Gelehrte, kämpft hinter der Fassade mit Problemen. Er muss damit zurecht kommen, dass seine innig geliebte Adoptiv-Tochter anders leben möchte, als er es sich vorgestellt hat. Sie geht nachts heimlich mit ihrer Freundin in Elektroclubs tanzen.

Verletzte See­len in stei­nigen Land­schaften

“Bir Başkadır” zeigt Istanbul in gedeckten Farben und kaltem Licht. Die Kamera fängt ein, wie verletzlich - und wie verletzt - die Charaktere in der großen, zerrissenen Stadt sind: in grauen Treppenhäusern, langen Gängen und archaischen Steinlandschaften, in denen sie ohnehin meist allein unterwegs sind.

In dieser steinigen Umgebung muss jeder die Konflikte verhandeln, die gerade das politische Leben in der Türkei bestimmten: Säkularismus und politisierte Religion, die Unterschiede zwischen Stadt und Land, Nationalismus und Demokratie, Feminismus und Patriarchat. Doch die  Serie zeigt, dass es immer mehr als zwei Seiten gibt, dass die Leben der Figuren komplexer sind als diese Schlagworte.

Dazu sind auch die Leben der Protgaonist:innen zu eng miteinander verbunden. Das wird besonders am Beispiel der kurdischen Protagonistin Gülbin sichtbar. Sie selbst hat sich für ein nicht-religiöses Leben entschieden, ihre Schwester Gülan folgt einer Mainstream-Form des sunnitischen Islams. Die Schwestern streiten immer wieder aufs Heftigste miteinander, gehen sogar körperlich aufeinander los. Miteinander sind sie hart, unnachgiebig und voller Hass – doch gegenüber ihrem querschnittsgelähmten Bruder wandelt sich die Härte in Zärtlichkeit. Bei ihm, der nicht sprechen und deswegen nicht an ihren ideologischen Kämpfen teilhaben kann, können sie als Familie zusammenkommen. Sie sind, ob sie es wollen oder nicht, unabänderlich miteinander verbunden.

»Vor 35 Jahren trat jemand meiner schwangeren Mutter in den Bauch.«

In einem besonders bezeichnenden Moment sagt Gülbin zu ihrer religiösen Schwester: »Vor 35 Jahren trat jemand meiner schwangeren Mutter in den Bauch. Und jemand tritt heute noch zu. Wer auch immer uns vor 35 Jahren aus unserem Dorf hergeschleppt hat: Das Gesicht und der Name ändert sich, aber es wird immer noch jemand getreten. Und du küsst dem die Füße, der jetzt tritt. Siehst du nicht, dass wir uns ihretwegen an die Gurgel gehen?« »Bir Başkadır« vermeidet den erhobenen Zeigefinger weitgehend, doch dies ist einer der wenigen Momente, in dem politische Kritik geäußert wird: Die Serie kritisiert die, die Türkei zu einer homogenen Gesellschaft machen möchten, die gegen alle treten, die »anders« sind. Aber: Der Reinheitswahn verletzt am Ende alle. Auch die, die versuchen, sich ihm anzupassen.

Der Regisseur Berkun Oya erzählt langsam und behutsam. Trotzdem herrscht in jedem Moment eine solche Spannung, dass es unmöglich ist, wegzuschalten. In vielen arabischen Ländern stand die Serie in den Netflix-Top-10. Auch in Deutschland verdient sie mehr Zuschauer. Denn sie schafft es, ein differenziertes Bild der Türkei zu zeichnen und Gleichzeitigkeiten auszuhalten: von Menschen, die liebevoll und doch voller Vorurteile sind, von anti-religiösem Hass und autoritärer Religion und vom Leben in der großen Stadt Istanbul, das Freiheit und Einsamkeit zugleich mit sich bringt.